Berlin

Am Anfang war Tunix – der Grundstein der Alternativbewegung

Eine linke Szene gab es in Deutschland schon vorher. Aber beim Treffen in Tunix, ­einem Kongress von Gruppen, Künstlern und Organisationen aus dem gesamten linken ­Spektrum, der zwischen dem 27. und 29. Januar 1978 an der Technischen Universität in West-Berlin stattfand, wurde die Alternativbewegung geboren. Wir sprachen mit dem ­Aktivisten und Filmemacher Diethard Küster, der damals zu den Organisatoren ­gehörte, über die politische Situation vor Tunix, Formen der Vernetzung, Hochschulpolitik, die ­Depression nach dem Deutschen Herbst und einen Urlaub in Schweden

Herr Küster, Sie haben im Winter 1977 mit einigen Mitstreitern die Idee zum Tunix-Kongress gehabt, der dann vom 27. bis 29. Januar 1978 in der Technischen Universität stattfand. Tunix gilt heute als Geburtsstunde der deutschen Alternativbewegung. Sehen Sie das auch so?
Diethard Küster: Tunix war tatsächlich so eine Art Erweckungserlebnis, nicht nur für Spontis, sondern letztendlich auch für die gesamte Linke, und zwar bundesweit. Berlin war zu der Zeit eine ummauerte Insel, ein Mikrokosmos. Ein Ort, in dem Kommunikation gut funktionierte. Aber in den kleineren Städten und in der Provinz war das zu der Zeit noch anders. Die Leute, also die nicht-organisierten, undogmatischen Linken, lebten vereinzelt in Landkommunen oder in Städten mit an einer Hand abzählbaren Wohngemeinschaften. Nur Frankfurt war da ein bisschen weiter. An dem Wochenende von Tunix trafen diese Leute plötzlich auf unerwartet viele Gleichgesinnte und waren völlig fasziniert, dass es so viele davon gab.

Und was geschah dann auf dem Kongress?
Bei dem Kongress, der eigentlich gar nicht unbedingt als Kongress geplant war, sondern als große Abschiedsparty von gescheiterten Träumen, wurde über alle Themen gesprochen, die zu der Zeit von Bedeutung waren oder es zu sein schienen: Psychiatrie, Presse, Knasthilfe, alternative Landwirtschaft, Stammheim, Frauenbewegung, bewaffneter Kampf, Alternativkultur, politische Organisation. Vorgaben gab es keine. Alles war möglich. Alles war erlaubt. Hier wurde die Gründung der „taz“ eingeleitet. Hier wurde der Grundstein für die Alternative Liste, heute Die Grünen, gelegt. Tunix war damit die Keimzelle für die erste linke Tageszeitung und die für erste linke Partei im Nachkriegs-Deutschland. Heute kann man sagen, dass Tunix gerade auch für die Weiterentwicklung und Organisierung der gesamten Ökologie-Szene ein Meilenstein war. Davor gab es Rhizome, einzelne Zellen, die kaum untereinander in Kontakt standen. Nach Tunix entwickelten sich Strukturen und Netzwerke, die zum ersten Mal auch auf nationaler Ebene miteinander verbunden waren. Ein neues Selbstbewusstsein entstand.

Sie selbst kamen 1972 nach West-Berlin. Wie sind Sie in diese Szene geraten?
Ich bin auf dem Gymnasium zwei Mal sitzengeblieben und habe erst 1972 Abitur gemacht. Einen Tag nach dem Abi bin ich nach West-Berlin gezogen. Ein paar Kumpels wohnten schon da und noch als Schüler trampte ich an den Wochenenden öfter von Dortmund per Anhalter nach Berlin, um sie zu besuchen. Ich kannte hier also nicht nur ein paar Leute, sondern auch die einschlägigen Kneipen. Das waren alles Szenekneipen. Und „die Szene“ war links zu der Zeit.

Freaks, Spontis, Stadtindianer: Tunix-Teilnehmer (aus zitty 12/78)
Foto: zitty-Archiv

In diesen linken Kneipen haben Sie sich dann politisiert?
Vorher schon. Ich lebte während meiner Kindheit und Jugend in Dortmund, einer Stadt, die Großstadt spielte, aber die Strukturen und eine Atmosphäre ­hatte wie ein kleines Dorf. In meinem Freundeskreis waren wir daher fasziniert von allem, was nach Rebellion, Rock’n’Roll und Veränderung roch. Und es war die Zeit des Vietnamkrieges. Ich habe damals im Fernsehen Rudi Dutschke gesehen, wie er in einem selbst gestrickten Pullover auf einem VW-Bus saß und die Revolution erklärte. Es war völlig klar, da wollte ich dabei sein. In Berlin ging’s ab, das war die große weite Welt. Scheißegal, ob Berlin eine eingemauerte Stadt war. Da tobte das Leben. In Dortmund gab’s nur die Borussia. Immerhin. Aber das reichte mir nicht.

»Als das Treffen in Tunix stattfand, war ich sieben Jahre alt und hatte gerade erst einen Deutschen Herbst nicht verstehen können, den alle Erwachsenen diskutierten. Heute kann ich vieles am Tunix-Treffen nicht oder nicht mehr verstehen – den öden Antiamerikanismus etwa oder die romantischen Bewegungsfantasien. Dennoch ist es zu einfach, sich über die damaligen Ideen lustig zu machen. Die guten Aspekte überwiegen – viele der dort vorgestellten oder geplanten Initiativen machen noch heute gute Arbeit, etwa das Netzwerk Selbsthilfe, die taz oder die Schule für Erwachsenenbildung, und auch für die queere Bewegung gingen entscheidende Impulse aus. Davon profitiere ich heute genauso wie all diejenigen, die eine liberale Gesellschaft schätzen, sich aber zugleich cool über die Geschichte stellen wollen. Die sollten langsam mal verstehen.«
Jörg Sundermeier, Verleger (Verbrecher Verlag)

Weshalb konnte sich die linke Szene in West-Berlin so stark entwickeln?
Das gesellschaftliche Phänomen war ja, dass es in Berlin nicht die klassischen soziologischen Strukturen einer Großstadt gab. Ein großer Teil der Bevölkerung mittleren Alters, also Menschen, die noch Pläne für ihr Leben hatten, ebenso wie Teile des wohlhabenderen Bürgertums, hatten nach Kriegsende, erst recht aber nach dem Bau der Mauer, die Stadt verlassen. Alle dachten, dass über kurz oder lang die Russen einmarschieren und den Laden übernehmen würden. Große und für die Stadt wirtschaftlich bedeutende Firmen – nicht nur Siemens – haben damals ihren Muttersitz aus der Stadt abgezogen. Die, die sich einen Umzug aus Berlin nicht leisten konnten, und die Alten sind geblieben. Dann – hauptsächlich, weil es in Berlin keine Wehrpflicht gab – kamen plötzlich die Jungen, die Freaks, die Künstler und Chaoten. Auch gab es in Berlin, anders als in Westdeutschland, keine Polizeistunde, ein nicht zu unterschätzender Grund. Und die Freie Universität war die Uni schlechthin zu der Zeit. Wer linke oder fortschrittliche Wissenschaften studieren wollte, ging an die FU. All das ergab diese verrückte Mischung: Punks und Lebenskünstler jeglicher Couleur hockten in der U-Bahn neben den mit Klunkern behangenen Wilmersdorfer Witwen in ihren Pelzen. Es sah oft wirklich so aus wie in den Comics von Gerhard Seyfried und es herrschte eine Toleranz und Liberalität wie es sie in Westdeutschland so nicht gab. Das betraf nicht die politischen, sondern mehr die sozialen Bereiche des Alltags.

Die zitty 3/78

»Tunix war eine Suff-Idee und keiner hat geahnt, dass es solche Ausmaße annehmen wird. Tunix hat eine Eigendynamik entwickelt. Und obwohl praktisch nichts gelaufen ist, ist ungeheuer viel passiert. Deshalb war nicht Brokdorf oder Grohnde, sondern Tunix der Wendepunkt.«

»Mich störte, dass es so einen Unicharakter hatte. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es ähnlich ist wie bei einem Uni-Streik. Ich stell mir das wesentlich besser im Sommer vor.«
Einschätzungen von Tunix-Teilnehmern aus Zitty 4/1978

Welche Orte, Gruppen oder Medien waren wichtig?
Vor „tip“ und „Zitty“ gab es nur den „Hobo“ als ­linke Stadtzeitschrift, daneben die Sponti-Blätter „Agit 883“ und für die eher intellektuelle Fraktion „Der Lange Marsch“. Mitte der Siebziger kam das „BuG-Info“, das „Info Berliner undogmatischer Gruppen“. Das war so ein hektografiertes Heftchen ohne Redaktion, das jede Woche montags herauskam und in den einschlägigen Kneipen verteilt wurde. Ein Leuchtturm dieser Kneipenkultur war zu der Zeit das Spektrum, eine nicht konzessionierte linksradikale Kneipe in Schöneberg, in der Coburger Straße. Man munkelt, bei der Entführung von Peter Lorenz durch die „Bewegung 2. Juni“ wechselten sich die Leute ab: Die einen bewachten ihn und die anderen waren in der Kneipe. Nachdem das Spektrum schließen musste, gründeten die Betreiber den Mehringhof in Kreuzberg. Einschlägige Kneipen gab es viele, mit den unterschiedlichsten Halbwertszeiten. In Charlottenburg spielte damals die Musik, noch nicht in Kreuzberg. Zum Beispiel im Zwiebelfisch oder in der Dicken Wirtin, wo nicht nur Baader, Ensslin und Horst Mahler bei Zigaretten, Bier, Schmalzstullen und den obligatorischen Diskussionen die Köpfe geraucht hatten. Oder das Terzo Mondo, wo Kostas, der Wirt, jeden Abend zu vorgerückter Stunde Gitarre spielte, manchmal sogar zusammen mit Mikis Theodorakis. Das war lange, bevor Kostas zum Folklore-Kasper in der „Lindenstraße“ wurde. Und dann gab’s den Dschungel.

»Ich erinnere mich an Daniel Cohn-Bendit, der da rumtobte, da habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Damals war ich gerade 21 Jahre und sehr kurz undogmatischer Linker. Am Abend war dann die große Party am Lützowplatz. Da war ein richtiges Bierzelt aufgebaut. Riesig. Mir kam das zu professionell vor. Auf der Party wollten dann einige von uns LSD nehmen. Ich war dagegen. Zu kalt, zu viele Leute. Mein bester Freund hat dann seinen Trip aus Versehen wieder ausgespuckt. Mein kleiner Bruder hat seinen aber genommen. Irgendwann war der dann verschwunden und ich habe ihn die halbe Nacht in Kreuzber­ger Kneipen gesucht. Ich hatte ja meinen Eltern versprochen, auf ihn aufzupassen.«
Christian Y. Schmidt, Autor, Journalist, ehemaliger Redakteur der „Titanic“

Der Dschungel war doch eine hedonistische Disco, in der es Kokain gab und wo David Bowie verkehrte.
Im Dschungel gab es nicht nur Drinks und Drogen. Schöne Menschen und weniger schöne, arme und reiche, sehr berühmte und völlig unbekannte, junge und alte. Dorthin kamen Schaubühnen-Schauspieler und Taxifahrer, elegant gekleidete Figuren nach einem Konzert in der Philharmonie, genauso wie abgerissene Punks aus Kreuzberg, Polit-Freaks und Musiker, die auf Tour in Berlin waren. Diese Zeit beschreibt übrigens Volker Hauptvogel in seinem Roman „Fleischers Blues“ sehr humorvoll und authentisch.

Programm des TUNIX-Kongress vom 27.-29. Januar 1978 an der Technischen Universität (TU) Berlin. Januar 1978 Foto: http://www.weltgegend.de/ends/uni.html Author W. Hermann (Fotostab am IfP – Institut für Publizistik FU Berlin)

Wie lief der Protest an den Universitäten ab?
Ich kann eigentlich nur über die Zeit ab 1973 reden, davor war ich ja nicht hier. Mitte der Siebziger war ­allerdings an den Universitäten die Hochphase der organisierten Polit-Aktivisten. Da gab es die zahlreichen K-Gruppen: KSV, KPD, KPD-AO, KPD-ML, KBW, KB, KB-Nord und wie sie alle hießen, also kommunistische Gruppierungen, die maoistisch orientiert und pekingtreu, untereinander aber trotzdem völlig verfeindet waren. Die Revis, die Revisionisten der DKP, der Hauptfeind der Maoisten, waren in Berlin in der SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlins) organisiert und galten als extrem moskautreu. Deren Studentenorganisation hieß ADS (Aktionsbündnis der Demokraten und Sozialisten), die „ADSen“ genannt. Die größten Spießer überhaupt. Die hatten alle kurze Haare, waren sauber rasiert, haben mit 24 oder 25 geheiratet und hauptsächlich in Gremien gearbeitet. Die wollten „den bürgerlichen Staat unterwandern“. Lange Haare, Rockmusik und Drogen haben sie daher strikt abgelehnt. Und das in einer Zeit, als fast alle alles ausprobieren konnten. Vor solchen Leuten war ich aus Dortmund weggelaufen. Natürlich fanden wir SEWler und ADSen ausgesprochen bescheuert.

Cartoon, der unter dem „Aufruf zur Reise nach Tunix‟ abgebildet war (zitty 4/78)
Foto: zitty-Archiv

Wer waren „wir“?
Gute Frage. „Wir“ waren die Spontis, die nicht-organisierte, hedonistische Linke, wenn man so will. Man fand sich immer nur zu einzelnen Aktionen oder Aktionsbündnissen organisatorisch zusammen. Da gab es Leute, die sich für freie Psychiatrie einsetzten, da waren die ersten Schwulen- und Lesben-Gruppen. Alles ex­trem Libertäre und radikale Anarchisten. „Seien wir realistisch, wagen wir das Unmögliche!“ Dieser Spruch aus der Pariser Studentenrevolte war genauso wegweisend für uns wie Jim Morrisons „We want the world and we want it now!“. Chile war natürlich auch ein großes Thema. Vietnam hatte uns als Schüler politisiert, war zu der Zeit aber schon vorbei.

Die linke Szene war sehr zerstritten.
Ja, die Gruppen waren untereinander teilweise extrem verfeindet, selbst die Maoisten untereinander. Ich kann mich an eine ziemlich derbe Schlägerei mit Eisenstangen erinnern, in der KPDler auf Trotzkisten losgegangen sind. Da blieb am Ende nicht mehr so ganz viel Kraft übrig, um den bürgerlichen Staat zu bekämpfen. Mir war schon damals immer klar, nicht alles, was sich „links“ nennt, ist auch links. Und wenn doch, ist es nicht automatisch gut. Als junger Freak wollte ich nach der Revolution nicht Porsche abschaffen, sondern wollte, dass jeder Porsche fahren kann, wenn er will. Das kann man ja heute auch nicht mehr bedingungslos unterschreiben. Ich habe auch noch nie morgens um fünf vor irgendwelchen Produktionsstätten gestanden und Flugblätter verteilt. Erstens war ich kein Frühaufsteher, zweitens war ich sicher, dass Fabrikarbeiter um diese Uhrzeit nicht unbedingt an meiner Meinung interessiert waren.

»Irgendwann hing ein Plakat an der Wand mit dem ‚Aufruf zur Reise nach Tunix‘. Darauf stand: ‚Es werden kommen: Die 3 Tornados‘. Niemand hatte uns gefragt, aber das war ernstzunehmen. ­Chaos gegen Staatsräson. Aufbruch gegen Frust. Die ­depressive Lähmung durch den Deutschen Herbst 1977 wirkte im Land nach. Wir hatten die ­Schnauze voll von der Perspektivlosigkeit der Auseinandersetzung mit RAF, Richtern, Staatschutz, Parteipolitik, Polizei und Öffentlichkeit. Das lag wie Mehltau über der Szene. Der Kampf gegen die RAF hatte groteske Züge angenommen. Nicht nur von Seiten der RAF. Deren Bekämpfer waren oft Wehrmachtsoffiziere wie Helmut Schmidt oder Nazis, die halb Europa in Schutt und Asche gelegt hatten. Sie saßen unbehelligt in hohen Positionen in Regierung oder Justiz. Es musste anders werden. Nicht von ungefähr war dann die Gründung der alternativen Tageszeitung ‚taz‘ ein Produkt des Kongresses. Tunix war Nukleus des Aufbruchs ­einer ganzen Generation in ein neues Zeitalter, ein Signal des Auftauens. Für einen kurzen Zeitpunkt war es so: Anarchie schien machbar, Nachbar. Klar, dass wir da dabei waren.«
Arnulf Rating, Kabarettist (Die 3 Tornados)

Die Gesellschaft wollten Sie aber schon verändern?

Zur Person Diethard Küster wurde 1952 in Dortmund geboren, er kam 1972 nach West-Berlin, studierte Germanistik und Erziehungswissenschaften und war im Umfeld der undogmatischen Linken aktiv. 1978 gehörte er zu den Organisatoren des „Treffen in Tunix“, das als Geburtsstunde der Alternativbewegung gilt. Küster drehte zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme, u.a. den Krimi „Va Banque“ (1985) in dem u.a. Joschka Fischer, Joy Rider und Winfried Glatzeder mitspielten sowie die Doku „Beautiful Losers“ (1997) über Marianne Faithfull, Leonard Cohen und Willy DeVille.
Foto: Archiv Diethard Küster

„Politik vom Ich“ war unser Selbstverständnis. Wir verstanden uns als Anarchisten in den unterschiedlichsten Schattierungen. Das Konzept der undogmatischen Linken war eben nicht, anderen zu sagen, wie es geht, sondern etwas für sich selbst zu schaffen, was funktioniert, mit der Hoffnung, dass es sich durchsetzt. Ohne Manifest und in der Annahme, dass es keine allgemeingültigen Regeln für Revolution oder Veränderung gab.

Haben Sie deshalb den Tunix-Kongress organisiert?
Nein. Deswegen nicht. Nach der großen Depression des Deutschen Herbstes, den Toten in Stammheim und dem faktischen Ende der RAF änderte sich die generelle Stimmung in der Linken insgesamt. Das Gefühl der Apathie und die Erkenntnis einer großen Niederlage machten sich breit. Nicht weil man die RAF gut fand, das tat ich übrigens nie, aber wir waren Sympathisanten ihrer Kernidee. Die Idee war: So wie es ist, geht es nicht weiter. Und wie ändert man das? „Revolution“ war sicher ein nicht ganz abwegiger Weg. Anfangs war es ja auch nicht klar, wohin das alles führen würde. Der bewaffnete Kampf zehrte lange von diesem wohlwollenden Umfeld. Unter Druck wurde die RAF aber immer kranker und spätestens Ende 1977 wurde vielen in der linken Szene endgültig klar, dass es so nicht gehen konnte. Die Revis hatten den Staat nicht unterwandern können, die RAF hatte ihn nicht abgeschafft und die Maoisten fingen an, sich gut bezahlte bürgerliche Pöstchen zu ­sichern. Die Stimmung war düster. Und mit Tunix wollten wir eigentlich nur ein großes Abschiedsfest auf der Titanic feiern.

An die 20.000 kampfesmüde Revolutionäre pilgerten aus der gesamten Bundesrepublik an die Technische Universität, um gemeinsam aus Helmut Schmidts „Modell Deutschland“ an den „Strand von Tunix“ auszuwandern.
Die Stadtindianer, die kurz zuvor noch gegen Bullenterror und Berufsverbote trommelten, hatten ihr neues Thema gefunden: Für viele läutete der Tunix-Kongress die Wende zum grünen Denken ein.
Mit dem Siegeszug der Ökologie neigte sich die Ära der großen theoretischen Entwürfe ihrem Ende zu, und so begrub Tunix mit dem Ethos des Aktivismus die Idee der Revolution und konstituierte die alternative Bewegung offiziell als Subkultur.
Zitate aus „Der lange Sommer der Theorie“ (C. H. Beck, 2015) von Philipp Felsch

Nur ein Abschiedsfest oder wollten Sie mit Tunix dieser Stimmung doch noch etwas entgegensetzen?
Wir wussten, wir hatten verloren. Viele zogen in Landkommunen, andere in die innere Emigration. Aber das klappte dann auch alles nicht so richtig. Egal ob militanter Kampf, K-Gruppen oder SEW, alles nippelte zur gleichen Zeit ab. Die Idee zu Tunix kam aus einem Kern von vielleicht fünf oder sechs Leuten. Wir waren da so eine Fußball-Truppe, die jeden Samstag auf der Wiese neben der Kongresshalle im Tiergarten gespielt hat. Nach dem Spiel saßen wir meistens noch beim Bier im Ambrosius und haben irgendwann mal gesagt: Was soll die Jammerei, wir machen noch eine große Party! Wir haben dann Ende November 1977 einen Aufruf verfasst zur „Reise nach Tunix“. Motto und Kerngedanke war: „Was besseres als den Tod finden wir überall.“ Diese Einladung zur Party verbreitete sich offensichtlich rasend schnell in ganz Deutschland in linken Kneipen, Kommunen, Alternativläden und wo auch immer. Keine Ahnung. Auf jeden Fall hatten wir scheinbar einen Nerv getroffen. Wir sind dann kurz darauf über Weihnachten und Silvester mit einer Horde Freaks in ein Bauernhaus nach Schweden gefahren, ohne überhaupt zu ahnen, was unser Aufruf da bereits bewirkt hatte.

Tunix-Kongress: Alle Veranstaltungen waren völlig überfüllt
Foto: Archiv Diethard Küster

Was passierte dann?
Als Kontaktadresse hatten wir einen linken Buchvertrieb angegeben, den „Maulwurf Buchvertrieb“ in der Waldemarstraße in Kreuzberg. Als wir Anfang Januar 1978 aus Schweden zurückkamen, gab es einen unheimlichen Rücklauf an Post, von Aktivisten, einsamen Individuen, Gruppen, Grüppchen und Gruppierungen, von Musikern, Künstlern und Organisationen aus dem In- und Ausland. Alle wollten kommen. Wir haben überlegt, was wir in dieser Situation machen könnten. Es war ja nichts vorbereitet. Wir waren halt Spontis und haben dann über die ESG (Evangelische Studenten Gemeinschaft) Räume an der Technischen Universität angemietet. Die ESG-Leute waren erstens cool und zweitens konnte man denen seitens der Uni-Bürokratie keine Räume abschlagen. Wir haben Plakate gedruckt und Schlafmöglichkeiten in Wohngemeinschaften organisiert. Unsere Vorgabe war nur, dass wir die Räumlichkeiten bieten und jeder, egal ob die Psychiatrie-Freaks, die Freiheit für alle Verrückten forderten, ob Politgruppen, militant oder nicht, ob Theater-, Frauen- und Alternative Mediengruppen, ob Knasthilfe, Schwule und wer auch immer, dort sagen konnten, was er oder sie sagen wollten. Eine linksautonome Messe ohne jedwede Zensur. Mit Tunix wollten wir nur den Rahmen schaffen.

 

Auf zum Strand von Tunix: Linke und alternative Gruppen und Aktivisten aus ganz Deutschland diskutierten, feierten und vernetzten sich im Januar 1978 drei Tage lang an der TU-Berlin
Foto: Archiv Diethard Küster

Die Ton Steine Scherben sangen in ihrem Song „Allein machen sie dich ein“: „Und du weißt, das wird passieren. Wenn wir uns organisieren.“
Wir hatten uns ja als undogmatische Linke immer nur punktuell organisiert. Dass wir dann auch so etwas Großes wie Tunix aus dem Ärmel geschüttelt haben, war schon gewaltig, hat uns aber auch nicht wirklich verwundert. Es zeigte sich, dass es geht. Everything goes. Bei der Demo waren 20.000 Leute. Presse, Politik und Polizei waren überhaupt nicht darauf eingestellt. Erst als plötzlich die Massen von Freaks in ihren vergammelten Karren und VW-Bussen am Grenzübergang Dreilinden standen, haben die gemerkt, dass da was im Gange ist. Zeitungen und Fernsehsender aus aller Welt berichteten. Über Peter Gente und seinen Merve Verlag waren auch Michel Foucault und Gilles Deleuze aus Paris angereist. Diese beiden Philosophen hatten viel Einfluss auf die französische Linke und die war im Gegensatz zu der deutschen Linken ganz anders drauf. Die waren viel mehr ins gesellschaftliche und politische Alltagsleben integriert. Auf uns wirkten die irgendwie viel kultivierter. Selbst die „Libération“, die ein großes Vorbild für die „taz“ war, nahm uns ernst. Wir staunten. Die waren mit ihrer ganzen Chefredaktion angereist.

»Der Tunix-Kongress war ein Aufbruch in eine Welt, die den alten Staub der 50er-Jahre endgültig abschüttelte. Man wollte nicht nur kritisieren und analysieren, sondern die Welt verändern. Kreuzberg war eine gelebte Umsetzung dieser Idee. Auch heute noch ist dieser Geist in Kreuzberg spürbar. Der Widerstand, der sich schnell formiert, die Menschen, die sich in Bürgerinitiativen organisieren, die mitreden, mitmachen und gestalten wollen. Heute geht es aber seltener darum, die Welt zu verändern, sondern eher darum, den eigenen Lebensraum zu verbessern. Doch Tunix ist die Philosophie Kreuzbergs und daran sollten wir uns wieder erinnern.«
Monika Herrmann, Grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg

Und wie haben Sie Tunix selbst erlebt?
Ich habe auf jeden Fall wenig geschlafen an dem Wochenende. Es gab ja unheimlich viel zu tun, weil auch ganz kurzfristig immer noch neue Themen, Raumanfragen und neue Leute dazu kamen. Jede Veranstaltung und Diskussionsrunde war gnadenlos überfüllt. Es war irre wuselig und energiegeladen, irgendwie chaotisch, aber erstaunlicherweise gab es auch eine erkennbare und funktionierende Grammatik in dem ganzen Chaos. Es war im Nachhinein betrachtet, auch trotz der vielen völlig unterschiedlichen Charaktere, selten ­aggressiv. Man muss sich vorstellen, dass da keine Politiker oder Strategen zusammen gekommen waren, sondern Massen von nicht nur undogmatischen Liberalen, sondern auch Horden von Anarchisten, RAF-Sympathisanten, freischwebenden Individuen, die jegliche Form von Organisationsstruktur, ob Diskussionsleitung oder einen Zeitplan, als „repressiv und kleinbürgerlich“ ablehnten. Es gab Veranstaltungen mit dem damaligen Kultursenator ­Peter Glotz oder mit der Redaktion von „Libération“. Diskussionsrunden, die wegen des „intellektuellen Gelabers“ harsch kritisiert wurden. Da den Durchblick zu behalten und in dem Chaos den Ablauf zu gewährleisten, war nicht immer einfach, aber immer spannend. Bis spät in die Nacht wurde dann in sämtlichen relevanten Kneipen der Stadt weiter diskutiert und getrunken. Auf der Abschlussveranstaltung lief dann „Land in Sicht“ von Rio Reiser und den Ton Steine Scherben: „Land in Sicht, singt der Wind in mein Herz. Die lange Reise ist vorbei.“ Romantisch waren wir natürlich auch.

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