Filmkunst

Ammar al-Beik: Der ganze Ex-Künstler

Mit dem Haus am Waldsee zeigt erstmals eine deutsche Institution einen Überblick über das Werk von Ammar al-Beik: Fotografien, seine Installationen und drei Filme über Syrien

Vor vier Jahren lebte er noch in ­einem Wohncontainer in Spandau, den engen Raum teilte er sich mit einem anderen Geflüchteten. Sein Schatz war ein Koffer mit einem Album. In das hatte er Fotos von Kulturschaffenden aus Syrien geklebt, wie Briefmarken. Zu jedem Foto konnte Ammar al-Beik eine persönliche Geschichte erzählen. Die Abgebildeten leben heute entweder im Exil oder sie sind tot, ermordet.

Foto: Patricia Ciordia.
Ammar al-Beik, Berlin 2015, Foto: Patricia Ciordia.


Ammar al-Beik ist einer der bekanntesten syrischen Künstler der Gegenwart. Er fotografiert, filmt und baut Installationen aus Bildern von Menschen und Dingen. Nun zeigt er seine Arbeiten im Haus am Waldsee und gibt damit erstmals einen Überblick über sein Gesamtwerk. Bekannt wurde der Künstler durch seine Videos, in denen sich Dokumentation und Assoziation vermischen. Seine Filme waren auf Festivals in der ganzen Welt zu sehen, in seinem Heimatland Syrien jedoch verboten.

2011 lief sein Film „The Sun’s Incubator“ auf dem Filmfestival in Venedig. Er spielt vor dem Hintergrund der ersten Proteste in Syrien. Ein Baby wird im Brutkasten aufgepäppelt, zugleich stirbt auf einer Demonstration ein Junge. In Venedig gab al-Beik Interviews, in denen er sich kritisch über Baschar al-Assad, den syrischen Machthaber, äußerte. Danach war klar: Er konnte nicht mehr nach Syrien zurück.

Station Berlin

Sein Heimatland wurde in Schutt und Asche gelegt. Ammar al-Beik, seine Frau und seine kleine Tochter flohen auf getrennten Wegen. Seine Familie zog nach Griechenland, er kam über Dubai, wo sein Galerist lebt, nach Berlin. Nach acht Monaten im Flüchtlingslager bezog er eine feuchte und lichtlose Wohnung im Wedding, in der es nach „beiden Weltkriegen roch“. Berlin sei eine der wichtigsten Stationen seines Lebens, sagt er, eine „höchst großzügige Stadt“, die ihn inspiriert habe mit Arbeiten vieler deutscher Künstler. Und auch durch die Kunst, die an jeder Ecke zu sehen sei, in U-Bahnstationen und an Straßenschildern. „Ich kann jedoch nicht sagen, dass es für immer meine Stadt sein wird.“

© Ammar al-Beik
Ammar al-Beik, Light Harvest, 1997, Film, 3 min. © Ammar al-Beik

2015 zeigte die Berlinale „La Dolce ­Siria“, seinen Experimentalfilm über den Bürgerkrieg in Syrien. Ebenfalls 2015 stellte al-Beik auf den Filmfestspielen in Dubai „Kaleidoscope“ vor, einen Kurzfilm über ­einen syrischen Fotojournalisten auf seiner Reise von Aleppo nach Cannes. Alle drei Filme werden im Haus am Waldsee gezeigt. Dazu kommen Installationen aus Fotos, die al-Beik auf Flohmärkten in Syrien gesammelt hat, ergänzt durch Material aus demBerliner Exil, etwa durch Fotografien aus der Sammlung des Museums Neukölln, in dem er seine Arbeiten auch schon ausstellte.


Zwei Jahre hat Ammar al-Beik an der Ausstellung im Haus am Waldsee gearbeitet. Jahre, die ihn erkennen ließen, dass er nun ein „Ex-Künstler“ sei, sagt er etwas rätselhaft. „Ich habe meine Beziehung zu der Kunst entwickelt, die ich in Zukunft schaffen möchte“, ergänzt er. „Aber eben nicht mehr als Künstler.“ Sondern? Statt einer Erklärung schickt er, der Ex-Künstler, ein Kunstwerk, einen Haiku. Er trägt den Titel „HaW“ für Haus am Waldsee und geht so:

Fünf fünf fünf fünf Liebe

Sieben Sieben Sieben Sieben Sieben

Haiku ist Sehnsucht

Fünf fünf fünf ist Liebe.

9.3.–5.5.: Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, 7/5 €