Extremismus als Lifestyle

Anders im Theaterdiscounter

Die Performance „Anders“ führt im Theaterdiscouter die ästhetischen Praktiken von Dschihadisten und Islamfeinden vor – und lädt das Publikum ins Bootcamp

Text: Tom Mustroph

Politischer Radikalismus hat auch eine ästhetische Form. Wirkte bei der RAF in der Darstellung noch eine gewisse Vintage-Ästhetik, so stellt der Islamische Staat (IS) heute eine Art Videotheater-Avantgarde mit Snuff-Faktor dar. Der Regisseur und Dramaturg Arne Vogelsang, der mit seiner Gruppe internil seit 2005 Performances erstellt, hat sich über mehrere Monate in die Denkweisen von Massenmördern wie Anders Breivik sowie Islamfeinden und deutschen Dschihadisten eingearbeitet. „Ich denke, dass ich zwei bis drei Monate Vollzeit in die reine Propaganda-Aufnahme investiert habe“, sagt Vogelsang.

Mit diesem Input an Agitation im Hinterkopf baut er nun ein multimediales Bootcamp zu Antiislamismus und Dschihadismus nach, ein politisches Identifikations-Trainingscamp für Kopf und Körper: „Ich habe mich bewusst entschieden, Muskelmasse aufzubauen wie der norwegische Attentäter Anders Breivik. Ich esse seit einem knappen halben Jahr kein Schweinefleisch und trinke keinen Alkohol“, erklärt der 37-Jährige. So fühlt er konsequent den Weg eines „einsamen Wolfs“ nach und verbarrikadiert sich wochenlang hinter dem Computer. Seine Erfahrungen dokumentiert er unter http://anders.internil.net.

„Manchmal“, sagt er, „fragt mich jemand, der mir näher steht: ,Müssen wir uns Sorgen um dich machen?‘“ Muss man wohl nicht. Statt Bomben zu bauen hat Vogelsang ja das Aktionsfeld des Theaters als Entladungsfeld. „Erfahrungen sind nur kollektiv tradierbar“, weiß er mit Bezug auf Heiner Müller. Und so dürfen die Trainingscamp-Teilnehmer in „Anders“ an seinen Erfahrungen teilhaben und eigene machen.

Die Performance ist eine Art Einsteigerprogramm ins dschihadistische wie antimuslimische Denken und Handeln mit eingebauter Selbstbeobachtungsfunktion. „Wenn wir Extremismus als ästhetisches Lifestyle-Produkt begreifen, nehmen wir den politischen Gegnern ihr  Allein­­­stellungsmerkmal auf dem Markt der Positionen“, verspricht Vogelsang und verrät uns vorab seine Hitliste der Extremismusmarken.

Die letzten Plätze nehmen Hooligans gegen Salafisten („Logo, Titelsong, Videobotschaften – alles versucht, alles scheiße geworden.“) und Pegida („Ästhetik? Geh bitte.“) ein. Al-Qaidas Propaganda kommt bei Vogelsang auf Platz vier: „Eine Marke (Adidas) highjacken mit dem Emblem der gehighjackten Flugzeuge en route WTC – glänzendes Guerilla-Marketing.“ Platz drei erhält der NSU, „oder auch VS, man weiß ja nicht, wer da was gemacht hat“, meint Vogelsang. „Größtenteils extrem retro, aber das Paulchen-Panther-Video zur NSU-Mordserie ist sehr rätselhaft. Je nachdem, welchen Autor man sich vorstellt, wechseln die möglichen Lesarten massiv.“

Auf dem zweiten Platz sieht er den Norweger Breivik: „Der ganze Tempelritterkrempel ist extrem lächerlich. Sein Kommunikationskonzept ist aber voll aufgegangen. Für einen Einzelkämpfer ist das Best Practice.“ Und Platz eins hält klar der IS. „Extrem hoch entwickelte visuelle Propaganda“, urteilt Vogelsang. „Das jüngste Video der Verbrennung des jordanischen Piloten Muath al-Kasasbeh ist beängstigend. Ich finde, es sollte dringend medien-politik-wissenschaftlich genauer untersucht werden, was hier auf dem Feld multimedialer Kriegsführung passiert.“

20.-22.2., 20 Uhr, Theaterdiscounter. Von und mit Arne V., Marina M. D., Stefan K., Tobias W. Eintritt 13, erm. 8 Euro. www.internil.net

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