Schauspieler Andreas Schmidt wieder im Theater

Wieder die Haut hinhalten

Er ist erfolgreich als Filmschauspieler und als Theaterregisseur. Nun wagt sich Andreas Schmidt in der Komödie „Fettes Schwein“ nach Jahren wieder selbst auf die Bühne!

Der Schauspieler und Regisseur Andreas Schmidt – Jennifer Bressler

Text: Friedhelm Teicke

Andreas Schmidt kommt von der Probe ins Ku’damm-Restaurant und muss sich erst einmal einen Schuss setzen. Der Theaterregisseur und Filmschauspieler („Sommer vorm Balkon“) ist Diabetiker. Er wechselt die Ampulle seines Insulin-Pens und haut sich den Stoff routiniert in die Bauchunterhaut. Dann bestellt er bei der Kellnerin eine Kalbsleber.

Nebenan in der Komödie am Kurfürstendamm probt Schmidt derzeit „Fettes Schwein“, ein scharfzüngiges Stück des US-amerikanischen Erfolgsautors Neil LaBute. Eigentlich ist das hier ein Heimspiel für ihn: An den Ku’damm-Bühnen hat er bereits mehrmals inszeniert. Auf sein Regiekonto gehen Publikumshits wie „Männerhort“ mit Bastian Pastewka und Christoph Maria Herbst, auch der Repertoirerenner „Shakespeares sämtliche Werke (in 90 Minuten)“ an der Vaganten Bühne stammt von ihm. Es ist ein großstädtisches, modernes Unterhaltungstheater, mit dem Schmidt Boulevard auch für ein jüngeres Publikum interessant macht. Diesmal ist er am Ku’damm allerdings nicht als Regisseur engagiert, sondern als Schauspieler.

Man kennt den großen hageren Mimen aus Filmen wie „Krauses Fest“ oder „Pigs will fly“, Schmidt war zwei Mal als bester Darsteller für den Deutschen Filmpreis nominiert, den er 2009 im dritten Anlauf für seine Interpretation des Gurki in der Bestsellerverfilmung „Fleisch ist mein Gemüse“ gewann. Ein gestandener Schauspieler ist der 47-Jährige also. Und doch hat er jetzt Muffensausen.

Der Blick der Anderen

„Ich habe vor 15 Jahren zuletzt auf der Bühne gestanden und gehörigen Respekt und Schiss davor“, sagt der Künstler mit dem markanten Gesichtszügen und dem Allerweltsnamen. „Als Regisseur bist du zwar während der Produktion sehr in der Verantwortung und bisweilen unter Beschuss, aber es sind letztendlich die Schauspieler, die auf der Bühne ihre Haut hinhalten.“  Viele Rollenangebote hat er deshalb in der Vergangenheit abgelehnt. Doch dann kam Larry Moss.

Der kalifornische Schauspiel-Coach ist einer der großen Methodiker, der Stars wie Leonardo DiCaprio, Hilary Swank und Helen Hunt unterrichtet. „Ich versuche einmal im Jahr einen Workshop bei ihm zu machen“, sagt Schmidt. „Was Larry in den USA an moderner Schauspielarbeit macht, ist gewissenhaft, fundiert und sehr an der Geschichte orientiert, die erzählt werden soll. Das gefällt mir.“ Sich in seinem Beruf fortzubilden, hält Schmidt für selbstverständlich. „Ein Zahnarzt verliert seine Lizenz, wenn er sich nicht regelmäßig fortbildet. Es ist Unfug zu glauben, dass man das als Schauspieler nicht braucht.“ Doch Larry Moss fordert von den Filmschauspielern: „Ihr müsst alle auch Theater spielen!“ Nur so bekomme man ein Gefühl für Timing, Präsenz und Präzision.

Schmidt versteht das und beschließt, seine Bühnenangst zu suspendieren. In dieser Situation unterbreitet ihm die Komödie ein neues Rollenangebot mit LaButes Stück „Fettes Schwein“, gewürzt um die Offerte, sich selbst Regisseur und Spielzeit aussuchen zu dürfen, sogar bei der Besetzung seiner Partnerin konnte er mitreden. Das Wichtigste aber ist, dass das Stück über einen Werbefachmann, der sich in eine übergewichtige Frau verliebt und das Gespött seiner Kollegen aushalten muss, Schmidt begeistert. Der hagere Schauspieler kennt Gewichtsprobleme eher von der anderen Seite, „Spargeltarzan“ nannten ihn mitunter die Kinder im Märkischen Viertel, wo er aufgewachsen ist.

Schmidt erlebt seine Kindheit als Abgrenzung, vor allem zum Vater, der ein Trinker war. „Niemand möchte zu den Verlierern zählen“, sagt Schmidt. „Jeder spürt in sich ein bisschen die Schwäche, den Verlierer, den Abgrund. Und jeder hat Angst davor.“ Das ist auch der Konflikt, den nun seine Figur Tom in „Fettes Schwein“ aushalten muss. Tom ist verliebt, findet seine mollige Freundin schön und sexy, aber er ist irritiert, weil seine Umgebung das anders sieht. „Du musst nicht nur deine eigenen Schwächen aushalten und bewältigen, sondern auch noch die von dem anderen mittragen“, meint Schmidt. „Das ist ein Trauma, auch ein Kindheitstrauma: Wenn ein Kind meint, einspringen zu müssen, weil seine Eltern etwas nicht hinkriegen und es damit total überfordert ist.“

Zwischen Tragik und Komik

Ob Schmidt damit auch seine eigene Kindheit meint, bleibt offen. Der spacke Junge fand eine Gegenwelt in der Kunst, in den Büchern von Dostojewski und in der Musik, er war Sänger der Rockband Lillies große Liebe. Andere werden unter diesen Umständen zu kraftmeiernden Aggro-Rappern, Schmidt besticht durch sein sanftes, bescheidenes und höfliches Auftreten. Die Typen, die er spielt, sind oft Außenseiter, zwiespältige Figuren und sympathische Verlierer, die zwischen Tragik und Komik changieren und bei aller Großmäuligkeit auch eine verletzliche Seite zeigen. Das ist berührend und verleiht selbst einem eigentlich unsympathischen Macho wie den Lkw-Fahrer Ronald in „Sommer vorm Balkon“ eine gewisse Liebenswürdigkeit.

„Fettes Schwein“ ist keine typische Boulevardkomödie, sondern verhandelt mit komischen Elementen ein ernstes Thema. „Wenn du die Zuschauer einlädst und ihnen eine gute Geschichte erzählst, warum sollte sich nicht auch ein Ku’damm-Publikum für ein Thema interessieren, dass nicht dem klassischen Boulevard-Genre entspricht?“, fragt Schmidt, der seit vielen Jahren im Kreuzberger Oranienstraßenkiez lebt und stolzer Vater eines vierjährigen Sohnes ist. „Mich interessieren Geschichten und mich interessieren Menschen. Man steht morgens auf und will anständig und mutig durch den Tag gehen. Und dann schummelt man sich doch irgendwie durch, drückt sich um den Abwasch, schiebt einen unangenehmen Anruf auf, geht Konflikten so lang wie möglich aus dem Weg – all diese kleinen Alltagszwänge, das steckt in diesem Stück und das ist für mich das Tolle daran.“ Und deshalb traut sich nun Andreas Schmidt wieder auf eine Bühne und hält als Schauspieler seine Haut hin.

Ab 19.2., 18 Uhr (Premiere), Di-Sa 20 Uhr, So 16 Uhr, Komödie am Kurfürstendamm. Regie: Folke Braband; mit Andreas Schmidt, Marie Schöneburg, Oliver Mommsen, Nicola Ransom. Eintritt 13-39 Euro