Was mich beschäftigt:

Andrej Holm, die Stasi und ich

Andrej Holm und ich, wir sind derselbe Jahrgang, 1970, er ist wenige Wochen älter als ich. Wir sind auch nicht weit voneinander entfernt aufgewachsen. Er in Weißensee, ich in Pankow. Vielleicht sind wir uns sogar mal über den Weg gelaufen. Beim Fest an der Panke etwa, da traf sich Gott und die Welt und auch die Stasi.

Holm, der jetzt Staatssekretär für Wohnen geworden ist, unterschrieb mit 14 eine Bereitschaftserklärung zur späteren Tätigkeit beim Ministerium für Staatssicherheit. Auch ich war 14, als ich in der Schule von einem Mann, den ich für einen NVA-Offizier hielt, gefragt wurde, ob ich mir eine Stasi-Mitgliedschaft vorstellen könnte. Ich habe „Nein“ gesagt. Das war keine Heldentat. Nur eine Selbstverständlichkeit.

Wer zur Stasi wollte, tat es im vollen Bewusstsein, mit wem er sich einließ. Und gegen wen er fortan stand. Gegen uns alle anderen. Er ging auf die Seite der Arschlöcher. Jedem war das klar. Mit 14 und erst recht mit fast 19. In dem Alter nahm Holm den Stasi-Dienst auf. Kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR. Als das Land implodierte, die Fronten offenlagen. Als die Freunde ihre Feinde kannten.

Eine Bekannte, die als Jugendliche mit ihren Eltern aus der DDR fliehen musste, tut jetzt auf Facebook ihren Brechreiz über einen Stasi-Mann in der Berliner Landesregierung kund. Ich verstehe sie gut. Wenn wieder einmal ein Ex-Stasi-Spitzel behauptet, er hätte doch niemandem geschadet, könnte ich vor Wut irgendwas zerschlagen. Jedes Mal. Woher wollen die alle wissen, was mit ihren Berichten geschah? Welche Informationslücken die Stasi damit schloss? Welche Biografien zerstört wurden?

Leute dagegen, die es gut mit Holm meinen, verweisen auf das Recht auf Irrtum, auf Jugendsünden. Natürlich ist da was dran. Das hat man zum Beispiel bei Joschka Fischers Steinwürfen auch immer gesagt. Vermutlich gibt es sogar ein Recht darauf, ein Arschloch zu sein. Der Mensch kann sich ändern. Es braucht aber seine Zeit. Sind knapp drei Jahrzehnte genug?

Andrej Holm hat seine Berufswahl mit seinem linientreuen Elternhaus erklärt. Sein Vater arbeitete auch beim MfS. Mein Vater war nicht bei der Stasi, aber in der SED. Und meine Mutter glaubte an die DDR, verstand es aber zeitlebens, sich aus der Partei herauszuhalten. Ich kannte keine Bürgerrechtler, niemand in meinem Freundeskreis war in der DDR-Opposition. Ich hatte meine Nische, es war schön ruhig darin. Wie Holm war ich nicht besonders mutig. Mit 14 wollte ich aber nicht zur Stasi, sondern zum „Sportverlag“. Das Größte, was ich mir vom Leben erträumte, war, alle zwei Jahre auf der Pressetribüne die DDR-Fußballnationalmannschaft eine WM- oder EM-Qualifikation verkacken zu sehen. Und das gern im westlichen Ausland. Womöglich hätten Leute wie Andrej Holm dann über mich Berichte geschrieben.

Erik Heier
In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Erik Heier
Foto: Harry Schnitger

Es ist allerdings auch allzu leicht, Vorwürfe aus einer moralischen Überlegenheit heraus zu formulieren. Ein Teil der Kampagne gegen Andrej Holm ist mir ein bisschen zu wohlfeil. Unter seinen Gegnern sind Leute, mit denen ich ungern einer Meinung sein will, bei einigen Holm-Verteidigern ist das allerdings ähnlich.

Vielleicht bin ich aber einfach zu neugierig, wie einer, der immer überaus linke Gegenpositionen zur Wohnungspolitik des Senats formulierte, jetzt in die Position gerät, diese umzusetzen. Auch wenn ich mit großer Wahrscheinlichkeit kein Bier mit Andrej Holm getrunken hätte, damals, beim Fest an der Panke.

Aber das flaue Gefühl im Magen, es bleibt.

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