URAUFFÜHRUNG

Mutter, Tochter und ein Wassergeist

In der Ibsen-Fortschreibung „Die Frauen vom Meer“ stehen ­Angela Winkler und Tochter Nele Winkler in den Hauptrollen auf der Bühne des Theaters RambaZamba

Gestandene Schauspielerinnen: Angela Winkler mit Tochter Nele (re.) sowie Hieu Pham (unten li.) – Foto: Andi Weiland / Theater RambaZamba

Text: Tom Mustroph

Normalerweise inszeniert die Regisseurin Lilja Rupprecht an großen Häusern wie dem Deutschen Theater, der Schaubühne oder dem Schauspiel Stuttgart und nicht an einem Freien Theater. „Die Pause zwischen zwei großen Inszenierungen war auch anders geplant“, erzählt die 33-Jährige. „Ich wollte zu Hause sein, mal ins Museum gehen.“

Dann aber kam die Anfrage vom integrativen Theater RambaZamba – und Rupprecht konnte aus zwei Gründen nicht Nein sagen. Zum einen hatte sie schon gute Erfah­rungen im Umgang mit Schauspielern mit Handicap. „Vor vier Jahren habe ich in Bern ,Die Brüder Löwenherz‘ mit einem gemischten Ensemble inszeniert“, sagt sie. „Das hat mir damals viel Spaß gemacht.“

Und zum anderen reizte sie die ganz besondere Familienkonstellation, die sie hier auf der Bühne hat: Schauspielstar ­Angela Winkler spielt in Olga Bachs Fortschreibung von Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“ die Mutter Ellida, Winklers Tochter Nele, die das Downsyndrom hat und seit vielen Jahren beim Theater RambaZamba aktiv ist, verkörpert Ellidas Tochter Bolette. Es ist das erste Mal, dass die beiden gemeinsam in tragenden Rollen auf der Bühne stehen.

Rupprecht hatte anfangs etwas Respekt davor, wie sich das private Verhältnis der beiden Spielerinnen in der Probenarbeit niederschlagen würde. Von dem, was sie sieht, ist sie aber begeistert. „Angela Winkler ist für ihre Tochter da, wenn sie sieht, dass diese sie braucht. Als Schauspielerin ist sie unglaublich empfindsam: Sie merkt, was stimmt, und was nicht stimmt. Sie hat große Fantasie, einen guten Humor, jede Menge Geduld. Und man merkt ihre absolute Aura. Sie steht für sich, ist aber offen für alle“, erzählt sie.

Bei Nele Winkler streicht sie die Entschlossenheit und Professionalität des Ramba­Zamba-Ensemblemitglieds heraus. „Sie ist sehr willensstark und arbeitet so lange an einem einem Satz, bis er so ist, wie sie ihn auch haben will.“

Generell verspürt sie bei den Schauspielerinnen und Schauspielern mit den verschiedenen Krankheitsdiagnosen eine Radi­kalität und ein Gespür für ein stimmiges Gefühl. „Diese besonderen Menschen haben die Möglichkeit, Zeit und Raum anders zu erleben als wir, sie bringen es anders zum Ausdruck. Sie haben eine größere Freiheit im Kopf. Mit ihnen gibt es auch nur ein Jetzt, ein Hier. 100 Prozent, immer alles“, schwärmt sie.

Flucht in andere Welten

Das Stück, das das RambaZamba-Ensemble jetzt auf die Bühne bringt, ist eine interessante Weiterentwicklung des alten Ibsen-Dramas. Olga Bach, die bereits länger mit Regiestar Ersan Mondtag zusammenarbeitet und 2017 vom Fachblatt „Theater heute“ zur „Nachwuchsautorin des Jahres“ gekürt wurde, verlagerte die Handlung in die nächste Generation. Der alte Patriarchenvater ist längst tot; er wandert aber als „befreiter Geist“ durch die Gemächer. „Der im Leben gestrenge Wangel kann als Geist auf einmal feinsinnig, humorvoll und poetisch sein“, sagt Rupprecht.

Ganz neu ist der Wassergeist Undine. Zu ihr fühlt sich die Mutter Ellida hingezogen. „Undine verkörpert die Figur des Fremden, sehnt sich aber selbst danach, zu den Menschen zu gehören. Ellida hingegen hat mit der Menschenwelt abgeschlossen und zieht sich in die Welt der Sagen zurück“, beschreibt Rupprecht das veränderte Szenario.

Das Verhältnis Undine – Ellida tippt gleich zwei große Themenkomplexe an: Flucht in andere Welten, seien sie imaginär oder auch digital, sowie Migration und Zugehörigkeit. Und war es bei Ibsen Ellida, die sich entscheiden musste zwischen der Sicherheit der bürgerlichen Ehe und dem Ausbruch, dem Abenteuer, so steht jetzt Bolette vor dieser Entscheidung.

Mutter Angela Winkler sieht als Ellida, wie sich ihre Tochter Nele als ­Bolette zu emanzipieren versucht. Ein weiterer Reiz dieser neuen Arbeit des Ramba­Zamba, das Großen der Zunft wie Frank Castorf oder Herbert Fritsch bereits seit längerem als ganz großes Schauspielertheater gilt. Jetzt auch noch mit Winkler & Winkler.

16., 17., 20., 21., 23. + 24.2., 19.30 Uhr, Theater RambaZamba, in der Kulturbrauerei, Knaackstr. 97, Prenzlauer Berg. Regie: Lilja Rupprecht, mit Angela und Nele Winkler, Juliana Götze, Hieu Pham, u.a., Eintritt 21, erm. 10 €