PORTRÄT

Die Atmosphärenbauerin

Die belgische Theatermacherin Anne-Cécile Vandalem ist ein Kind von Traurigkeit. In ihrem neuen Stück „Die Anderen“, das jetzt an der Schaubühne zur Uraufführung kommt, bricht sie aber die Schwermut mit Humor

Ein folgenreicher Unfall: Probenfoto mit ­Stephanie Eidt und David Ruland – Foto: Arno Declair

Text: Tom Mustroph

Anne-Cécile Vandalem ist Spezialistin für Traurigkeit. Das sieht man der belgischen Theaterautorin, Regisseurin und Schauspielerin auf den ersten Blick nicht an. Sehr munter und fröhlich sitzt die vor 40 Jahren in Lüttich geborene Künstlerin im Café der Schaubühne.

In Berlin bereitet sie gerade die Uraufführung von „Die Anderen“ vor. Darin geht es um ein Dorf, deren Bewohner sich sehr verlassen fühlen, die in all ihrer Trostlosigkeit aber auch zu wilden Mord- und Kanni­balismusritualen in der Lage sind. Ihre Performer*innen lässt Vandalem bereits im Probenprozess intensiv die tiefen Stufen zur Traurigkeit hinab­steigen.

Für die Videoin­stallation „Still too sad to tell you“ nahm sie die Mitwirkenden ihrer Kompagnie Das Fräulein beim Weinen auf. Die Gesichter, in Großaufnahme, wurden zu Landschaften, über die sich Tränenströme ergießen. Inspiriert hatte sie dazu der niederländische Performancekünstler Bas Jan Ader. Der nahm sich selbst 1971 im Mixed-Media-Werk „I’m too sad to tell you“ beim Weinen auf. 1975 verscholl Ader bei einer missglückten Atlantiküberquerung in einem Einmann-Segelboot. Das trug zur Mystifizierung dieses Künstlers bei

Die Tränenübung von „Still too sad to tell you“ war zugleich eine Vorstufe zu ­Vandalems bislang erfolgreichster Theaterproduktion „Tristesses“. Mit der Farce über die neue rechte Politik eroberte sie 2016 das Theaterfestival in Avignon und war ein Jahr später auch an der Schaubühne beim Festivals Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) zu erleben. In diesem Jahr eröffnete sie F.I.N.D. mit ihrer neuen Produktion „Arctique“, einem Öko-Horror-Thriller. Schon ihre Erfolgsproduktion „Tristesses“ war ein wilder Genre-Mix aus Horror, Politthriller und Komödie. Tote, Untote und noch Lebende bevölkerten eine fiktive dänische Insel. Auf ihr erhängte sich die Mutter der Vorsitzenden einer rechtsextremen Partei. Die Tochter wollte aus Imagegründen den Suizid vertuschen

Die Kraft der Tränen

Im neuen Stück „Die Anderen“ verwebt Vandalem erneut Motive von Trostlosigkeit, Traurigkeit und Fremdenfeindlichkeit. Wieder führt sie in ein abgelegenes Dorf. Eine Bewohnerin fährt dort einen Jungen an, einen Flüchtling aus einem anderen Land. Die Dorfbewohner verstecken ihn, pflegen ihn auch. Schnell jedoch nutzen sie ihn aus. Manche verleumden ihn sogar. Und als der Junge an einen tragischen Vorfall aus den Vergangenheit rührt, der die ­lange verdrängte Schuld, Scham und Wut bei den Dorfbewohnern erneut hervorbrechen lässt, wird er endgültig zum Opfer

Ein Kind von Traurigkeit: Anne-Cécilie Vandalem, geboren 1979 in Lüttich, ist Schauspielerin, Regisseurin und Dramatikerin – Foto: Jean Benoit Ugeux

Die Grundstimmung der Traurigkeit hat Vandalem mittlerweile verfeinert. Von den Tränen ist sie weggekommen. „Tränen haben Kraft. Wenn ich jetzt plötzlich weinen würde, würde sich die gesamte Situa­tion hier verändern“, sagt sie. Man glaubt es ihr, und verzichtet auf den unmittelbaren Beweis der Kraft der Tränen

Traurigkeit ohne Tränen ist für Vandalem hingegen eine Gemütsverfassung, in der keine Kraft mehr steckt. „Es ist Machtlosigkeit, das Gefühl, nichts tun zu können“, sagt sie

Um mit dem Ensemble der ­Schaubühne dieses Gefühl ganz intensiv herstellen zu können, hat Vandalem besondere Übungen entwickelt. „Eine besteht darin, dass man den anderen anschaut, alle Traurigkeit, die man spürt, in den Blick zu packen versucht und den anderen so lange anblickt, bis alle Traurigkeit übergeben ist. Danach blickt der Empfänger zu einer dritten Person“, beschreibt Vandalem den Prozess. In „Die Anderen“ will sie die Traurigkeit aber auch immer wieder brechen, mit ­Humor, schwarzen Humor zumeist

Bekannt ist Vandalem auch für ihren klugen Einsatz von Livekameras. Oft werden Soloszenen gefilmt, die durch die Großaufnahmen als Emotionsverstärker wirken. Ursprünglich wollte Vandalem sogar Filmregisseurin werden. Am Theater faszinieren sie aber die Live-Aspekte. Der Einsatz der Kamera ermöglicht Vandalem in ihrem Thea­ter das parallele Erzählen verschiedener Handlungsstränge. Mehr Komplexität also. Mit und ohne Tränen.

28.11. (Uraufführung), 29.11., 1., 3. + 4.12., 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Regie: Anne-Cécile Vandalem; mit Bernardo Arias Porras, Veronika Bachfischer, Jule Böwe, Stephanie Eidt, Felix Römer, Ruth Rosenfeld, David Ruland, Kay Bartholomäus Schulz. Eintritt 7–49, erm. 9 €