Urbane Chansons

Annika von Trier: Gerade Jetzt!

Von der Digitalen Bohème bis zu ­Karl Marx reicht das Spektrum in Annika von Triers neuem Programm

ZITTY-Bewertung: 4/5
ZITTY-Bewertung: 4/5

Viele vermeintliche urberliner Künstler stammen nicht aus Berlin. Claire Waldoff war Gelsenkirchnerin, Hilde Knef in Ulm geboren, Brigitte Mira kam aus Hamburg, Wolfgang Neuss aus Breslau, Horst Evers ist aus Evershorst. Annika Krump aka von Trier immerhin, die hier mit Berliner Schnodderschnauze so rotzig und dabei sentimental ist wie der Prototyp des Urberliners, führt ihre Herkunft ehrlich im Künstlernamen.

 Lindgrün und grotesk: Annika von Trier - Foto: www.curious.zone
Lindgrün und grotesk: Annika von Trier – Foto: www.curious.zone

Aus Trier stammt auch Karl Marx, und der große Sohn ihrer Herkunftsstadt hat ja auch in Berlin seine Spuren hinterlassen. Passenderweise führt die Sängerin so ihr ­neues Programm „Gerade Jetzt!“ an der Karl-Marx-Allee am Strausberger Platz auf, stellt seine Büste neben sich auf die Bühne und ein Lied auf ihn gibt’s auch. Nur ruft sie nicht wirklich zum Klassenkampf auf, eher dialektisch statt ideologisch beschreibt sie urbane und heutige Phänomene von Patchwork-Familien bis zur Digitalen Bohème.

Poetisch verschmitzt und performativ wird es im zweiten Teil, wenn sie die Pano­ramabar zu einem Garten erklärt und das Publikum in Pflanzen und Schmetterlinge verwandelt, ganz im Sinne von Joseph Beuys’ „Anleitung zum guten Leben“, die sie zitiert: „Pflanze unmögliche Gärten … spiele mit allem.“

Und so ist „Gerade jetzt!“ fantastisch und anarchisch wie ein Kind, hemmungslos poetisch, irritierend und grotesk. Und es sind doch Chansons vom Leben da draußen. FRIEDHELM TEICKE

14. + 19.2., 20 Uhr, Panoramabar, Straußberger Platz 1, Friedrichshain. Von und mit Annika von Trier. Eintritt 15, erm. 12 €