BIBELEXEGESE

Apokalypse

Zum Ende der Spielzeit zeigt sich die Volksbühne überraschend bibelfest: Herbert Fritsch inszeniert mit einem furiosen Wolfram Koch die Offenbarung des Johannes

Untergang wow: Wolfram Koch zelebriert wie ein „Johannes der Entertainer“ die biblische Apokalypse – Foto: Thomas Aurin
Untergang wow: Wolfram Koch zelebriert wie ein „Johannes der Entertainer“ die biblische Apokalypse – Foto: Thomas Aurin
ZITTY-Bewertung: 5/6
ZITTY-Bewertung: 5/6

Kein Zweifel, es gibt Texte, die scheinen nur geschrieben worden zu sein, um dem Adressaten gehörig an die Eier zu gehen. Mit so einem Text endet beispielsweise das Neue Testament. In der Offenbarung des Johannes wird den frühen Christen ordentlich die Furcht vor der Endzeit eingebläut.

Ein Wust an Drohungen und Horrorszenarien beim jüngsten Tag wird da den Menschen in 22 blutrünstigen Kapiteln ausgemalt: Verwüstung durch Plagen, Feuer- und Bluthagel, ein Meer aus Blut, stürzende Sterne, Verfinsterung, Erdbeben und ganz schön viel Zahlenmystik: sieben Siegel, sieben Posaunen, sieben Schalen des Zorn Gottes, das Lamm mit den sieben Hörnern und den sieben Augen, den siebenköpfigen Antichrist, die Bestie mit der Zahl 666. Apokalypse Wow!

Endzeitstimmung herrscht bekanntlich auch an der Volksbühne, wo man kürzlich in einem Offenen Brief mit dem Ende der Ära Castorf in einem Jahr gleich das Armageddon des gesamten Theaters prophezeit. Nach dieser Lesart reitet, um im biblischen Bild zu bleiben, mit Nachfolger Chris Dercon so etwas wie die ­berittene Hure Babylon ins legendäre Theater am Rosa-Luxemburg-Platz ein, ein kapitalistischer Kunstverwerter, und wirft das Lamm Gottes, also das gute alte deutsche Ensembletheater, in den Abaddon, den Abgrund einer Event-Spektakelkultur.

An diesem Ort also inszeniert nun Noch-Hausregisseur Herbert Fritsch die gesamte (!) Johannes-Apokalypse, Wort für Wort in der starkdeutschen Übersetzung Martin Luthers von 1545. Auf der Bühne mit dieser „schlimmen Akustik“, wie Dercon gegenüber Fritsch gesagt haben soll. Worauf ihn der Regisseur belehrt habe, wie er dem RBB verriet, „dass es eher eine ­vertrackte Akustik“ sei, „wie es überhaupt ein vertracktes Haus“ und ein „spiritueller Raum“ sei, in dem „ein großer, fetter Bühnengott drinsitzt, den man nicht beleidigen darf.“ Die Volksbühne, wo man ­naiverweise nur Atheisten vermutete, entpuppt sich überraschend als ein Tempel der Anbetung.

Nach Johannes‘ Offenbarung ist Gott ja eher ein Gott des Gemetzels, dessen Botschaft Wolfram Koch in einer furiosen Solo­performance nahezu atemlos darbietet, wie ein Schatten begleitet von Elisabeth ­Zumpe als Souffleuse – soviel sperrigen Text kann sich ja keiner merken. Auch der Musiker Ingo Günther stiefelt über die Bühne und entlockt einem Tablet den Soundtrack des Abends.

In Gestalt des großen Komödianten Koch wird der Prophet zum clownesken Entertainer, mit Show­treppe im spektralfarbenbeleuchteten, weitgehend leeren Bühnenbild in dessen Mitte ein Abgrund klafft, der Abaddon, in den Koch mitunter munter rein und raus hüpft.

Kochs faxenfreudiges Spiel wirkt wie ein Zwilling des Schauspielers Fritsch, womit beide bei der Berliner Premiere übrigens auch augenzwinkernd spielen, als Fritsch zum Schlussapplaus im selben schwarzgoldenen Kostüm Kochs auftaucht, der unterdessen bereits ein Harlekin-Kostüm trägt.

Der doppelte Herbert. Oder der doppelte Wolfram? – Foto: Friedhelm Teicke
Der doppelte Herbert. Oder der doppelte Wolfram? – Foto: Friedhelm Teicke

Denn Kochs Johannes ist kein drohender Anwalt Gottes. Er ist ein Narr, der die Sehnsucht nach dem Heilbringer mit der Verschmitztheit eines heillosen Schelms konterkariert und dabei beide Seiten der clownesken Doppelnatur vereint, das wundersame Element und das diabolische: „Das A und das O, das Erste und Letzte, den Anfang und das Ende“ (Offb. 22,13).  Clowns wussten ja schon immer, wie  man mit dem Unglück und der Widrigkeit der Umstände umzugehen hat: Man lacht darüber. FRIEDHELM TEICKE

12.7., 23.9., 19.30 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Regie: Herbert Fritsch; mit Wolfram Koch, Elisabeth Zumpe, Ingo Günther. Eintritt 12-36, erm. 6-18 €