Von der Unzuverlässigkeit der Fiktion

Around the World in 14 Films 2018

Das Festival-Konzept ist so einfach wie überzeugend: in Berlin Filme von den Festi­vals aus ­Cannes, Locarno oder Venedig zu ­zeigen, die es (noch) nicht regulär ins Kino geschafft ­haben. Ganz konsequent ist man dabei zwar nicht mehr, der Eröffnungsfilm „Cold War“ etwa startet zeitgleich, andere Filme in den nächsten Monaten. Doch wer mutig ist, kann tolle ­Filme auf der Leinwand statt irgendwann auf ­Netflix oder Arte sehen. ZITTY stellt Highlights des Festivals vor.

The Wild Pear Tree

The wild Pear Tree bei Around the World in 14 Films
The Wild PearTree
Foto: Nuri Bilge Beylan Nbcfilm

von Nuri Bilge Ceylan
Eine dreistündige Meditation des Regisseurs von „Winterschlaf“ über die ­großen Themen: das Leben, die Kunst, die Liebe, das Verhältnis der Generationen. So literarisch wie hier ist das Kino selten, was nicht etwa bedeutet, dass der Film des gefeierten türkischen Filme­machers trocken wäre, sondern reich an Themen und Intellekt.


Wintermärchen

Wintermärchen bei Around The World in 14 Films
Wintermärchen
Foto: W Film/Heimatfilm

von Jan Bonny
Auf heikles Terrain begibt sich der Deutsche Jan Bonny („Gegenüber“) in diesem rohen, kleinen Film, der noch für viele Diskussionen sorgen dürfte. Er taucht in eine deutlich an den NSU ­erinnernde ­Terrorzelle ein: Zwei Männer und eine Frau, die noch nicht ganz im Untergrund leben, von Anschlägen mehr träumen als sie durchzuführen, und vor ­allem mit sich selbst und ihrer Lust beschäftigt sind.
Wie hautnah Bonny bei den Terroristen bleibt und versucht ihre Motivationen zu verstehen, ist gewagt, schwer zu ertragen und gerade deswegen so radikal.


Long Day’s Journey into Night

long days journey into night bei Around the world in 14 Days
long days journey into night
Foto: Bai Linghai

von Bi Gan
Einer der spannendsten jungen Regisseure Chinas ist Bi Gan, der sich nach dem sozialrealistischen Debüt„Kaili Blues“ diesmal an einem furiosen Genremix versucht.
Ein Auftragskiller kehrt in seine Heimatstadt zurück, auf der Suche nach der Frau, die er einst liebte. Die auf dem Papier banale Story ist Folie für Bilder von selten gesehener Atmosphäre, ein Eintauchen in eine romantische Welt, die von einer atemberaubenden, 55 Minuten langen Einstellung ­gekrönt wird, die in 3D gedreht ­wurde, aber bei aller technischen Meisterschaft doch ­alles andere als Selbstzweck ist.


The Image Book

Image Book bei Around the Wold in 14 Films
Image Book
Foto: asa Azul Films Ecran Noir

von Jean-Luc Godard
Ein Meisterwerk. In seinem ganz eigenen Stil, voller Assoziationen, Bild- und Tonkollagen sinniert der große französische Filmemacher Jean-Luc Godard in diesem kaum zu kategorisierenden Film über ­Fragen der Gegenwart: den Terror des IS, die Oberflächlichkeit des Internets, die Bedeutung der Kunst und die unzähligen Möglich­keiten des Kinos.
Vielleicht ein letzter großer Film von ­Jean-Luc Godard, der am 3. Dezember 88 Jahre alt wird.


Burning

Burning
Burning
Foto: Pinehousefilm

von Lee Chang-dong
Lee Chang-dongs Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami wurde in Cannes einstimmig mit dem Preis der Internationalen Filmkritik ausgezeichnet.
Es geht um einen Schriftsteller, der sich in eine Frau verliebt, die bald verschwindet und vielleicht lediglich in seiner Imagination existiert hat, was unweigerlich an ­Michelangelo Antonioni denken lässt – doch bei Lee dazu genutzt wird, von der Unzuverlässigkeit der Fiktion zu erzählen.


Wildlife

Wildlife bei Around The World in 14 Films
Wildlife
Foto: IFC Films

von Paul Dano
In seinem erstaunlich souveränen Regiedebüt beschreibt der Schauspieler Paul Dano („Let there Be Blood“) die Kindheit des 14-jährigen Joe (Ed Oxenbould), der in den 60ern in einer Kleinstadt aufwächst und ­mitansehen muss, wie sich seine ­Eltern (Michelle Williams und Jake Gyllenhaal, Foto) zunehmend auseinanderleben.
Fast ausschließlich in der Enge des Familienhauses gefilmt, inszeniert Dano ein dichtes, genau beobachtetes Drama.


Sonderveranstaltungen bei Around the World in 14 Films

Schließlich sei noch auf zwei Sonderveranstaltungen hingewiesen. Der Festival-Sonntag (25.11.) ist dem verdienten World ­Cinema Fund der Berlinale gewidmet, der seit Jahren Filme aus strukturschwachen ­Regionen fördert, dem Sudan, Kenia oder Syrien etwa. Highlight ist hier eine 35mm-Kopie von „Uncle Boonmee ­erinnert sich an seine früheren Leben“, für den der Thailänder Apichatpong Weera­sethakul 2010 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Das Panel „Film, Frauen und Figuren“ ­widmet sich am 24. November den Fragen von „Gender, Intersektionalität und deren Bedeutung für komplexe Frauenfiguren“; diskutieren werden die Regisseurinnen ­Cristina Gallego, Ash Mayfair, Céline Perreard und Susanne Bieger, deren neue Filme auf dem Festival auch zu sehen sein werden.

Around the World in 14 Films, 22.11.–1.12., Kino in der Kulturbrauerei, www.14films.de

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