INTERVIEW

»Meine Kraft ist erschöpft«

Der ungarische Starregisseur Árpád Schilling über die politische Situation
in seiner Heimat, das Gefühl des Fremdseins und seine Uraufführung „Der letzte Gast“ am Berliner Ensemble

Árpád Schilling, 44, preisgekrönter ungarischer Regisseur, der seine ersten Erfolge in der freien Szene feierte und mittlerweile an den großen Bühnen Europas inszeniert, bringt am Berliner Ensemble die Eigenproduktion „Der letzte Gast“ heraus. Darin geht es ums Fremdsein, um den langen Weg des Ankommens und um die emotionalen und ökonomischen Ausbeutungsverhältnisse dabei. Schilling, in Ungarn wegen seines Eintretens für eine offene Gesellschaft zum „Staatsfeind“ erklärt, bringt in die Debatte ums Fremdsein auch die komplexe osteuropäische Perspektive ein: späte Gäste in Europa einerseits, andererseits oft ungewollte Gastgeber für Neuankömmlinge aus anderen Weltgegenden.

Interview: Tom Mustroph

Árpád Schilling, im letzten Jahr wurden Sie von ungarischen Regierungskreisen zum „Staatsfeind“ erklärt, genauer zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Akti­­­­­vi­täten“. Wie hat das Ihr Leben verändert?
Es ist eine komplizierte Sache. Wenn ich nicht in Ungarn bin, ist alles super. Ich lebe inzwischen in Frankreich, arbeite überall in Europa. Zwar muss ich in Ungarn keine Verfolgung fürchten, doch es ist bezeichnend, dass mich dort, als ich diese „Auszeichnung“ erhalten habe, meine eigene Branche nicht verteidigt hat. Ich habe Unterstützungsstatements aus Deutschland, Polen und Österreich erhalten, aber nicht aus Ungarn. Kein einziger Intendant hat mich in Schutz genommen. Das ist schwer zu verkraften. Wenn ich nicht spüre, dass ich Teil einer Gemeinschaft bin, warum soll ich dort noch bleiben?

Vor fünf Jahren gab es am HAU das Festival „Leaving is not an option“, gemeinsam mit Ihnen und zahlreichen anderen Künstlern aus Ungarn. Was hat sich in dieser Zeit politisch im Land, aber auch künstlerisch und biografisch für Sie selbst verändert?
Für mich wurde „Leaving“ eben doch zur Option. Ich habe das Land verlassen. Denn mir hat es gereicht. Ich habe Jahre damit verbracht, gegen das System zu kämpfen, aber meine Kraft ist erschöpft. Ich spüre eine bedrückende Atmosphäre in Ungarn, Aggression und Neid. Die Universitäten wurden zerstört, jetzt legen sie Hand an die Akademie der Wissenschaften. Die Propaganda-Maschine ist vollkommen ausgebaut.

Árpád Schilling bei den Proben zu „Der letzte Gast“ – Foto: Moritz Haase

In Ihrer Eigenentwicklung „Der letzte Gast“ geht es um die Angst vor dem Fremden. Das ist ein Motiv, dass hinter der nationalistischen Politik des Präsidenten Viktor Orbán steht, wie auch bei der AfD und Pegida. Was hat, zynisch gesprochen, Orbán der AfD und Pegida voraus?
Orbán macht rechte, teils rechtsradikale Politik. Darin ist er wie andere Rechtspopulisten in anderen Ländern auch. Das Problem ist, dass in Ungarn zwei Drittel der Leute das wählen. In meinem Stück geht es um den Fremden. Und dieser Fremde kann jeder sein, nicht nur ein Flüchtling aus Syrien oder Afrika, sondern auch jemand aus Osteuropa oder der früheren DDR. Es ist auf alle Fälle jemand, der für die westliche Welt etwas merkwürdig ist. Das kann zu Problemen und Spannungen führen.

Wer ist genau der „letzte Gast“?
Das ist eine interessante Frage. Es ist vielleicht die Person, die zuletzt die Tür ins Paradies gefunden hat. Wir haben zwei Hauptfiguren. Die erste ist eine Opernsängerin, schon älter, die aus der DDR stammt, aber bereits in den 70er-Jahren in den Westen kam. Sie repräsentiert das westliche Leben, ist aber auch selbst ein Gast. Die andere Figur ist ein Neuankömmling, er kann aus Albanien stammen oder Syrien oder Polen. Die wichtige Frage ist vielleicht nicht, wer von beiden der letzte Gast ist, sondern wer wen wie benutzt.

In Teilen ist „Der letzte Gast“ also auch ein deutsch-deutsches Stück?
Ja, das steckt auch darin. Wir wollen es aber nicht überbetonen. Wenn wir AfD und Pegida sehen, dann hat das allerdings auch eine ostdeutsche Färbung. Nach dem Mauerfall hieß es: Das Zusammenleben wird schnell funktionieren, es sind ja auf beiden Seiten Deutsche. Nun sind 30 Jahre vergangen, eine neue Generation ist herangewachsen, und es zeigt sich: So einfach ist das nicht. Die Wirtschaft hat nicht alles gelöst. Das war ja auch das Versprechen in Osteuropa, dass mit dem Einzug des Kapitalismus alles besser wird. Jetzt erst verstehen wir, wie langsam das alles vonstatten geht, und dass auch Integration nicht einfach ist.

Sie selbst waren in Ungarn lange Zeit mehr als ein Theaterregisseur. Sie haben das freie Produzieren mit ihrer Gruppe Krétakör etabliert. Krétakör ist zudem eine Plattform für Bildungs-, kulturelle und soziale Projekte, die über einen Preis auch selbst gesellschaftlich engagierte Projekte fördert. Kann sie aktuell ihre Arbeit fortsetzen?
Nein, im Moment arbeitet sie nicht. Wir bekommen kein Geld. Wir haben keine Mitarbeiter mehr und ich arbeite im Ausland. Damit sie wieder funktionieren kann, müsste sich eine Stiftung finden. Aber es gibt in Europa keine Stiftung, die kultur- und Bildungsprojekte für Jugendliche nur in einem Land finanziert. Das ist sehr schade. Denn das Potential, das in der Jugend steckt, droht für die nächsten Jahrzehnte verloren zu gehen. Alles, was mit Demokratie zu tun hat, wurde aus den Lehrplänen entfernt. Die Lehrer werden stark unter Kontrolle gehalten. Ohne alternative Zugänge können sich diese Jugendlichen kein Wissen über Demokratie aneignen. 

„Der letzte Gast“, Uraufführung am 15.3., 19.30 Uhr, weitere Aufführungen: 20. + 29.3., 5. + 14.4., 19.30 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Regie: Árpád Schilling; mit Andreas Döhler, Judith Engel, Bettina Hoppe, Corinna Kirchhoff u.a., Eintritt 11–35 €

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