Science-Fiction für Fortgeschrittene

Arrival

Der brillante Kanadier Denis Villeneuve präsentiert  Science Fiction für Fortgeschrittene

Sie sind gelandet! Die Außerirdischen sind da. In zwölf riesigen Raumschiffen, die über die ganze Erde verteilt „vor ­Anker“ gehen. Was wollen sie? Um das herauszufinden, rekrutiert der US-amerikanische Colonel Weber die Linguistin Louise Banks und ein Team an Wissenschaftlern.

Schnell wird klar, dass eine verbale Verständigung mit den sogenannten Heptapoden – die hinter einer milchigen Scheibe verdeckt wie ­Wesen aus einer Geschichte von H.P. Lovecraft aussehen – unmöglich ist. Schließlich ­gelingt es Dr. Banks zumindest teilweise das Schriftsystem der Außerirdischen zu entschlüsseln. Und das ist überraschenderweise nicht linear. Linguistik als Konzept in der ­Science ­Fiction, das ist die Idee, die hinter Ted ­Chiangs ­Erzählung „Geschichte deines ­Lebens“ steckt (auf dessen absolut brillanten Erzählband „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ nur in dieser Klammer hingewiesen werden kann).

Chiang, von Hause aus Informa­tiker, schreibt seit 20 Jahren und hat in dieser Zeit gerade mal eine Handvoll Kurzgeschichten und Erzählungen veröffentlicht. Jede davon ist zumindest konzeptionell ein kleines Meisterwerk. Ein kongenialer Partner also für den kanadischen Regisseur Denis Villeneuve, ­dessen Filme sich auch nicht gerade durch ein Übermaß an Herzenswärme auszeichnen. Und trotzdem – vielleicht weil „Arrival“ menschliche Verhaltensweisen unter kühlen Laborbedingungen thematisiert – baut der Film eine unheimliche Nähe zu seinen Hauptfiguren auf: Immer wieder wird Banks von Visionen über das (zukünftige?) Leben ihrer Tochter geplagt. Und dank der ­Kamera von Bradford Young und des großartigen Soundtracks von Jóhann Jóhannsson (der auch schon Villeneuves Filme „Prisoners“ und „Sicario“ veredelte) sind wir ganz nah an den Figuren dran. „Arrival“ ist Science Fiction wie sie sein ­sollte, stellt kluge Fragen über unser ­Woher und Wohin, getragen von nachdenklichem Optimismus.

Er zeigt, dass unsere Sicht auf diese Welt immer von unserer Herkunft ­geprägt wird und eröffnet gleichzeitig neue Perspektiven. Der herkömmlichen west­lichen Sichtweise, das Wissenschaft und Kunst gegensätzliche Dinge sind, ­widerspricht Villeneuve mit aller Macht. Vielmehr sind sie zwei Seiten der gleichen ­Medaille: Ohne Mathematik und Physik ist die Schrift- und Denkweise der Aliens ­ebenso wenig zu entschlüsseln wie ohne Kreativität und Fantasie.

Natürlich ist die Auflösung der Frage „Was wollen die Aliens?“ ein ziemlicher Mindfuck, dem von Christopher Nolans „Interstellar“ nicht unähnlich. Aber daneben gibt es genug großartige Schauspielleistungen und grandios gefilmte Hubschrauber­flüge, um den Zuschauer gut zu unterhalten. Wer bisher skeptisch auf Villeneuves nächsten Film – die „Blade Runner“-Fortsetzung – ­gewartet hat, der weiß jetzt, dass er sich freuen kann.

USA 2016, 116 Min., R: Denis Villeneuve, D: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker