AUTORENTHEATERTAGE 2019

Unbeschreiblich weiblich

Die Autorentheatertage 2019 am Deutschen Theater präsentieren in zehn Gast­spielen und drei Uraufführungen den Status Quo der deutschen Gegenwarts­dramatik. Und die zeigt sich in den Uraufführungen ganz ohne Quote weiblich

Marie Rosa Tietjen, Kathrin Angerer und Martin Wuttke (v.l.n.r.) in René Polleschs Züricher Inszenierung – Foto: Lenore Blievernicht

Text: Anna Opel

Ein Theatertreffen nach dem Theatertreffen sind die Autorentheatertage am DT. Herzstück sind dabei stets die Uraufführungen dreier von einer Jury ausgewählter Stücke. Und die Ausbeute ist in diesem Jahr gleich in mehrfacher Hinsicht erfreulich. Die 26-jährige Newcomerin Eleonore Khuen-Belasi, die 42-jährige Romanautorin Svealena Kutschke und die 36-jährige Dramatikerin Lisa Danulat, drei Frauen mit höchst unterschiedlichen Handschriften, treffen sich am 8. Juni zur „Langen Nacht der Autorinnen“

Die Jüngste hat den markantesten Text vorgelegt. „Ein interessanter und eigenwilliger Umgang mit Sprache und Themen, die im toten Winkel der Öffentlichkeit liegen“, sagt Esther Boldt und formuliert damit die Ansprüche in der Auswahl der Stücke für die Autorentheatertage. Die freie Journalistin ist Sprecherin der diesjährigen Jury.

Mit Blick auf die vom Kanon dominierten Spielpläne sei Erneuerung angesagt, findet sie. „Das muss durch neue Texte und das Setzen anderer Themen passieren. Einerseits ging es uns darum, Texte auszuwählen, die das Potential haben, das Theater herauszufordern, andererseits müssen die koproduzierenden Häuser zu den Texten stehen, wenn das Festival seinen Zweck erfüllen soll.“ Der Zweck besteht in der Förderung aktueller Dramatik, einer Sache, die sich auf den Fahnen jeder Intendanz erst mal gut macht. Im Einzelfall aber ist es – unter dem Druck von Auslastungszahlen und im Clinch mit der Regie – immer wieder diffizil, unbekannte Autor*innen so weit durchzusetzen, dass sie wirklich zu einer wahrnehmbaren Stimme werden.

Neue Partner

Esther Boldt erzählt, wie sie sich „durch die 113 Texte gewühlt“ hat und dann die Longlist mit den beiden anderen Jurymitgliedern diskutierte, der Schauspielerin Steffi Kühnert und der Filmregisseurin Valeska Griesebach. Der starke Frauenjahrgang ist dabei übrigens ohne Quote einfach so passiert. Die Shortlist wurde zuletzt in größerer Runde besprochen. „Die Gespräche mit den Dramaturgien der beteiligten Theater waren erfreulicherweise inhaltlich orientiert und offen“, sagt Boldt.

In diesem Jahr sind das Züricher Theater Neumarkt und das Schauspielhaus Graz erstmals Partner, sie lösen das Schauspielhaus Zürich und das Burgtheater Wien ab. Seit 2015 werden die drei besten Texte jeweils am Deutschen Theater oder einem der beiden koproduzierenden Häuser inszeniert und fest in den Spielplan übernommen. Als echte Förderung ist das genauso wichtig, wie die respektablen 10.000 Euro Preisgeld pro Stück.

Eleonore Khuen-Belasi legt mit „Ruhig Blut“ ein wunderbar krudes Szenario vor. Drei Damen sitzen in Plastikstühlen auf dem Asphalt und kommentieren die Risse, die sich unter ihren Füßen auftun. Sie geben sich Mühe, das gemeinsame Territorium mit Blut und Spucke zu flicken. Der Text der jungen Autorin ist so abstrakt wie anspielungsreich. Er passt in die Tradition des absurden Theaters, kommt dabei ebenso originell wie regelwidrig daher: Der Asphalt meldet sich als Spielart des antiken Chors zu Wort. Dazu gibt es Fußnoten, die eine zusätzliche poetische Ebene eröffnen, und viel Luft für die Regie.

Bereits mehrfach als Dramatikerin ausgezeichnet wurde Lisa Danulat, deren Beitrag „Entschuldigung“ den Zustand der Ohnmacht als spezifisch weibliche Erfahrung umkreist. Die Geschichten zweier Frauen sind hier eng geführt. Eine verzweifelte Stalkerin hat gemordet, eine bis dato aufopferungsbereite Hausfrau ist für immer gegangen. Quasidokumentarisch sind ihre Bekenntnisse nebeneinander montiert. Subtil spielt Danulat mit den einzelnen Erzählfragmenten, fügt sie als Text-DJ immer neu zusammen.

Romanautorin Svealena Kutschke konzentriert sich ganz auf ihre Figuren. Der Mikrokosmos Mietshaus dient ihr als Kon­strukt mit hohem Wiedererkennungswert. „zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ verschafft einem ehemalige Paar, einem Trinker und einem lesbischen Paar Auftritte. Eine zusätzliche stumme Figur wird von den anderen umkreist, ein urbanes Panoptikum, manchmal gefährlich nah am Klischee.

Blick nach Osten

Dramaturgie ist alles! Das gilt auch fürs Festival. Bevor man die Katze in der Langen Nacht aus dem Sack lässt, wird zu Gastspielen geladen. Zum Auftakt laufen unter dem Label „Radar Ost“ am ersten Wochenende Gastspiele aus Weißrussland, Russland, Tschechien, der Ukraine und Ungarn. Mit „Who is happy in Russia“ von Kirill Serebrennikov und „Europeana“ des Tschechen Patrik Ourednik sind nur zwei Titel vielversprechender Abende genannt.

Es folgen zehn deutschsprachige Uraufführungsinszenierungen jüngster Zeit. Der verantwortliche Dramaturg Bernd Isele attestiert den Produktionen „ein ernsthaftes Bemühen um große Themen und um die Frage danach, wie in unserer zersplitterten Gegenwart überhaupt noch erzählt werden kann“.

Die Skisportlitanei „Schneeweiß“ von Elfriede Jelinek ist zu sehen und die mit Kathrin Angerer, Marie Rosa Tietjen und Martin Wuttke stark besetzte Produktion „Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)“ des Autor-Regisseurs René Pollesch vom Schauspielhaus Zürich.

Vom Theater Neumarkt in Zürich bringt die Berliner Theatermacherin Nora Abdel-Maksoud ihr „Café Populaire“ mit. Für ihren Text über das abgespaltene, politisch unkorrekte Ich wird Abdel-Maksoud mit dem Herrmann-Sudermann Preis für „herausragende Leistungen im Bereich Dramatik“ geehrt. Die junge Autorin Enis Macis ist mit „Mitwisser“ aus Wien zu sehen, ein Stück, der Szenerien latenter Gewalt thematisiert. Und vom inzwischen auf den Spielplänen etablierten Autor Thomas Köck wird das fingierte Dokumentationsdrama „atlas“ gezeigt. 

24.5.–8.6., Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Eintritt 12–48, erm. 9 €
www.deutschestheater.de/programm/a-z/autorentheatertage_2019