Berlin

Auf den Spuren der Fahrraddiebe

Was passiert mit all den in Berlin gestohlenen Rädern? Ein Test mit GPS-Sender

Das Testobjekt Das erste serienreife internetverbundene Fahrrad der Welt. Entwickelt von den Firmen Velolock und Paper Bicycle, optimiert von ­Derby Cycle, Teile der Kommunikationstechnologie stammen von Telit. Zur Verfügung gestellt wurde uns das Rad von Velolock. Die Firma startete mit Lock8, einem Konzept für ein intelligentes Fahrradschloss. Heute bietet sie Firmen eine Bike-Sharing-Lösung mit internetfähigen Fahrrädern, Flottenmanagement in der Cloud und einer Smartphone App für die Nutzer. Ein Großteil des Teams sitzt in ­Berlin, ein zweiter Standort wird in San Francisco aufgebaut, um Kunden aus dem Silicon Valley und Umland zu betreuen.
Das Testobjekt
Das erste serienreife internetverbundene Fahrrad der Welt. Entwickelt von den Firmen Velolock und Paper Bicycle, optimiert von ­Derby Cycle, Teile der Kommunikationstechnologie stammen von Telit. Zur Verfügung gestellt wurde uns das Rad von Velolock. Die Firma startete mit Lock8, einem Konzept für ein intelligentes Fahrradschloss. Heute bietet sie Firmen eine Bike-Sharing-Lösung mit internetfähigen Fahrrädern, Flottenmanagement in der Cloud und einer Smartphone App für die Nutzer. Ein Großteil des Teams sitzt in ­Berlin, ein zweiter Standort wird in San Francisco aufgebaut, um Kunden aus dem Silicon Valley und Umland zu betreuen.

Dienstag, 17 Uhr: Wir stellen unser brandneues Fahrrad am Stahlbügel vor dem südlichen U-Bahn-Eingang des Kottbusser Tores ab und sichern es mit einem Acht-Euro-Stahlkabelschloss. So wie alle Bahnhöfe, an denen viele Räder stehen, ist der Kotti ein Brennpunkt für Fahrraddiebstahl – und praktischerweise recht nah am ZITTY-Büro. Was wir nicht wissen: In nur fünf Stunden wird die Jagd schon beginnen.

Wir schicken unser Fahrrad auf die Reise
Wir schicken unser Fahrrad auf die Reise

Die Zahl der geklauten Räder steigt seit Jahren immer weiter an. Mit mehr als 32.000 angezeigten Fällen war 2015 die Zahl der Fahrraddiebstähle in Berlin so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Es ist das Delikt mit den höchsten Zuwachsraten, Schwerpunkt der Berliner Kriminalprävention in diesem und vergangenem Jahr, fast jeden hat es schon einmal getroffen. Was passiert mit all diesen Rädern? Wer fährt jetzt damit? Die Aufklärungsrate beträgt nur vier Prozent. Wer den Verbleib seines Rades trotzdem aufdecken will, muss Technik einsetzen. Wir nutzen GPS für die Grobortung und Bluetooth, mit dem wir die Distanz zum Rad auf zehn Zentimeter genau messen können. Das im Fahrrad verbaute Gerät ist ein Prototyp, für Endverbraucher noch nicht erhältlich. (Siehe Kasten Seite 16)

Um 22.02 Uhr ertönt das Geräusch einer Fahrradklingel auf unseren Telefonen. Wir starren ungläubig darauf. Tatsächlich, das Rad hat bereits nach fünf Stunden die Abstellzone am Kotti verlassen und bewegt sich am Landwehrkanal nach Osten. Anruf von der Zuständigen bei Velolock, dem Hersteller des Ortungssystems: „Seid ihr das?“ – „Nein, es geht los.“ Das Rad wurde gestohlen, das Schloss vermutlich mit einem Bolzenschneider zerstört, obwohl der Kotti um diese Uhrzeit noch ziemlich belebt ist. Der Fahrer ist ziemlich schnell unterwegs, doch ein ZITTY-Team hält sich zufällig genau in Fahrtrichtung auf.

Auf Computer- und Telefonbildschirmen konnten wir den Weg des Diebes live verfolgen, vom Kottbusser Tor in Richtung der Neuköllner Polizeiwache
Auf Computer- und Telefonbildschirmen konnten wir den Weg des Diebes live verfolgen, vom Kottbusser Tor in Richtung der Neuköllner Polizeiwache

Das Display zeigt, dass das Rad immer näher kommt, dann zieht der Punkt an uns vorbei. Auf der anderen Seite des Landwehrkanals sehen wir noch die Rücklichter im Nieselregen. Das GPS hat sich mit der Uferseite vertan. Sprint zum Auto, Verfolgungsjagd durch Neukölln. Durch die beregneten Scheiben sehen alle Fahrräder gleich aus. Der GPS-Punkt unseres Rads bewegt sich zielstrebig parallel zur Sonnenallee durch die Häuserblocks. Es muss ganz in der Nähe sein. Es stoppt um 22.30 Uhr. 200 Meter von der Neuköllner Polizeiwache entfernt. Donau-, Ecke Erkstraße. Als wir einbiegen, ist es nicht mehr zu sehen. Es muss in einem Haus in der Umgebung verschwunden sein.

Auf der Straße steht ein Kleinlaster einer Autovermietung. Die Plane ist offen, mehrere Männer stehen um den Laster. Soll hier gleich ein ganzer Schwung Fahrräder verladen werden? Sind wir einer professionellen Bande auf der Spur? Der organisierten Kriminalität?

Hinter dem offenen Transporter auf dem linken Bild bekamen wir das letzte GPS-Signal.
Hinter dem offenen Transporter auf dem linken Bild bekamen wir das letzte GPS-Signal.

Oliver von Dobrowolski ist der Fahrraddiebstahls-Präventionsbeauftragte der Berliner Polizei. Er hat uns im Vorfeld erklärt, was für ein hochprofessionelles Geschäft Fahrradklau heutzutage teilweise ist: „Manche Diebe sind auf einzelne Schlosstypen spezialisiert, sie kennen deren Schwächen, manche setzen elektronische Dietriche ein, manche vielleicht sogar schon Geräte, die GPS-Signale in der Umgebung blockieren.“ Sie kommen, wie Zeugen beobachteten, zu zweit oder dritt, einer knackt Schlösser, einer steht Schmiere, einer ist abfahrbereit. Sie treten selbstbewusst auf, machen einen Kastenwagen oder einen kleinen LKW voll und fahren ihn Richtung Osten, oder sonstwohin, wo niemand nach den Rädern sucht. Bestimmte, sehr teure Radtypen, zum Beispiel Pedelecs, würden bei solchen Gruppen sogar richtiggehend bestellt, sagt von Dobrowolski.

Der Weg der Beuteräder

Wir gehen durch die Geschäfte, vor denen unser Fahrrad verschwunden ist, durch die Hinterhöfe und Treppenhäuser, doch nirgendwo schlägt der Blue­tooth-Scanner auf unseren Telefonen aus. Wir rufen die Polizei. Sie kommt, spricht mit den Menschen am LKW und in den Läden und zieht wieder ab.

Als sie weg ist, werfen die Männer einen Müllsack in den leeren Laderaum des LKW, schließen die Plane und fahren davon. Die Firma, die den Prototypen hergestellt hat, hat schon einige davon geklaut bekommen. Ein Mitarbeiter bezieht mit uns den Spähposten auf dem Lidl gegenüber der Ladenzeile und erzählt. Von einem Rad, das im Hinterhof einer Autowerkstatt wiedergefunden wurde, bei einem Mann, der erzählte, dass die Räder nach Hamburg gebracht würden und von dort in verschweißten Autos nach Afrika. In einem anderen Fall tauchte das Rad auf einer Baustelle wieder auf, auseinandergebaut in einem Karton. In einem Container voll weiterer Kartons. Ziel: Ungarn. Bisher sind alle Räder wieder zurückgekommen. Wird unser Fahrrad vielleicht das erste sein, das die Firma verliert?

2 Uhr nachts, wir geben auf, gehen morgens um neun Uhr noch einmal durch die Häuser. Kein Signal. 24 Stunden nach der letzten Meldung per GPS wird das Rad noch einmal senden. Wir schlendern also am Abend wieder durch die umliegenden Straßen. Plötzlich haben wir eine Anzeige auf den Telefonen: Das Fahrrad ist sechs Meter entfernt. Wir klingeln im fünften Stock. Eine Anwohnerin schaut aus dem Fenster, wir brüllen unser Anliegen hoch. Sie öffnet uns. Im Keller verlieren wir das Signal, im Hochparterre sind wir an der linken Tür bei 0,3 Metern, darüber wird es wieder schwächer.

22.50 Uhr: Wir klingeln, hinter der Tür sind Geräusche zu hören, niemand öffnet. Wir rufen die Polizei. Sieben Minuten später ist ein Streifenwagen vor Ort. Die Beamten lassen sich die Situation erklären und rufen einen Richter an. Warten. Wird er wegen des Scanner-Ausschlags auf einem amtsfremden Mobiltelefon einen Durchsuchungsbeschluss ausstellen? Ein zweiter Streifenwagen wird hinzugerufen. „Sag, die sollen die Ramme mitbringen!“, ruft der eine Beamte seinem Kollegen zu. Bei der Polizei ist man fasziniert von dem ZITTY-Projekt. Die Beamten dürfen selbst keine GPS-Sender zur Verbrecherjagd einsetzen, zu nah läge der Vorwurf der Anstiftung zur Straftat. Für Privatpersonen und Medien gelten weniger strenge Regeln.

Unser Rad in der Wohnung des Diebes

Unser Rad in der Wohnung des Diebes

23.30 Uhr: Der Durchsuchungsbeschluss ist da. Vier Polizisten sind jetzt vor Ort, zwei klingeln an der Tür, einer schaut im Hinterhof und einer auf der Straße, dass niemand durch das Fenster flieht. Die Polizisten ziehen ihre Handschuhe an, ihre Körper und Gesichter sind angespannt. Sie nicken sich zu, dann hämmert einer an die Tür. „Polizei, aufmachen.“

Ein hagerer, dreckiger Mann Mitte 40, mit einer Wunde im Gesicht, öffnet schweigend die Tür. Es riecht nach vielen Zigaretten, hinter ihm sieht man vertrocknete Blumen und Stapel zerlesener Zeitschriften. Ein Herd steht im Flur, auf dem Boden sind Farbflecke. Überall steht Müll. „Wir haben einen Durchsuchungsbeschluss für Ihre Wohnung.“ Der Mann wirkt nicht erstaunt. „Wir kommen deswegen“, sagt der Beamte, während er auf das Fahrrad zeigt, das direkt im Eingangsbereich steht. Die Polizei geht in die Wohnung, findet einen weiteren Mann, fragt: „Wer hat das hier angeschleppt?“ – „Ich habe das gekauft“, antwortet der mit osteuropäischem Akzent. „Wo?“ „Auf der Kottbusser Brücke.“ „Wann?“ „Heute Nachmittag.“ Laut Sender hat sich das Rad seit 24 Stunden nicht bewegt.

Opfer der Beschaffungskriminalität

In seiner Jackentasche finden die Beamten eine Feinwaage. „Wo sind die Spritzen?“ Keine Antwort. Später wird einer der Beamten erklären, dass viele osteuropäische Junkies nach Berlin kämen, weil das Heroin so billig und der Verfolgungsdruck so gering sei. Die Neuköllner Polizei habe oft mit Drogenabhängigen und ihrer Beschaffungskriminalität zu tun. Ein Fahrrad habe für die Diebe den Wert von wenigen 10-Euro-Kügelchen Heroin. Oft würden die Räder nicht einmal als geklaut gemeldet, was die Ermittlungen für die Polizei extrem schwierig mache.

Der mutmaßliche Fahrraddieb, ein grauhaariger Mann mit Bartschatten und verlebtem Gesicht, wird in Handschellen abgeführt. Der Mann, der die Tür geöffnet hat, schaut betrübt aus dem offenen Fenster zu.

Das Rad wurde erstmal von der Polizei konfisziert
Das Rad wurde erstmal von der Polizei konfisziert

Das Rad wird erst einmal konfisziert. Einer der Polizisten fährt es zur 200 Meter entfernten Asservatengarage der Neuköllner Wache. Durch den sehr niedrig gestellten Sattel sieht er ein bisschen albern aus. Der mutmaßliche Fahrraddieb kommt noch in der Nacht wieder frei. Bis zur Verhandlung kann es gut ein Jahr dauern. Drei Monate bis zehn Jahre Gefängnis ist das Strafmaß für das Stehlen eines angeschlossenen Rads.

Unser Fahrrad ist im kleinen Kreislauf geblieben, zwischen Drogenabhängigen und Hehlern an der Kottbusser Brücke, im Mauerpark oder an irgendeinem anderen einschlägigen Hotspot, wo man Top-Räder ohne Papiere für 50 Euro oder weniger bekommt. Doch wo die von Profis geklauten Räder hingehen, wissen wir immer noch nicht. Selbst der Polizei-Präventionsbeauftragte von Dobrowolski kann nur mutmaßen, dass ein großer Teil Deutschland Richtung Osten verlässt. Aber das nächste präparierte ZITTY-Fahrrad steht schon bereit. Diesmal werden wir einfach nur zusehen, wohin es sich bewegt.

Updates gibt es hier


Radstellplätze

Besonders leicht wird der Fahrraddiebstahl, wenn das Rad zwar abgeschlossen, aber nirgendwo angekettet ist. Doch die 11.500 Stellplätze an S- und U-Bahnhöfen sind meistens belegt, so wie auch alle Laternen und Bäume in der Umgebung. Die Initiatoren des Fahrrad-Volksentscheides, die ihre Unterschriftensammlung im Mai beginnen wollen, fordern deshalb 200.000 sichere Abstellplätze für Räder in Berlin. Die meisten Räder werden gestohlen an den Stationen Adlershof (87 Diebstähle), Treptower Park (81), Hermsdorf (72) und Karlshorst (68).

Datenbank der gestohlenen Fahrräder

Die Polizei Berlin hat alle gefundenen Fahrräder auf einer Website versammelt. Hier könnt ihr nachschauen, ob euer verisstes Rad dabei ist.
Datenbank der gestohlenen Fahrräder