Open-Air-Theater-Reise

Zeitgeister der Peripherie

Christiane Wiegand erkundet in ihrer Radio-Live-Show-Simulation „Auf ­Empfang“ auf öffentlichen Plätzen den Randbezirk Hohenschönhausen ­

All the world’s a stage – zumindest in Hohenschönhausen – Foto: Produktion

Text: Tom Mustroph

Die Künstlermeute zieht so langsam an die Ränder der Stadt. In der Innenstadt Berlins wird Raum zunehmend knapper und teurer. Wer sich hier Wohnungen leisten kann, fordert Totenstille schon eine Stunde nach dem Sandmännchen. Schlechte Karten für Kreative. Dass Christiane Wiegand sich Hohenschönhausen ausgesucht hat, liegt aber nicht nur am üblichen Gentrifizierungsprozess. Denn die Theatermacherin ist ein local kid, sie war schon da, als andere noch die Nase rümpften über die Hochhausburgen im Nord­osten der Stadt.

„Ich komme aus Marzahn, bin dort aufgewachsen und habe ein unheimlich zwiespältiges Verhältnis dazu“, sagt die 41-Jährige. „In meiner Jugend war es ein Ort, an den man nur zum Schlafen kommt, an dem gar kein Leben stattfindet. Jetzt möchte ich aber etwas tun, das die Leute wieder zusammenbringt, was die Leere auf den großen Plätzen und die Anonymität beseitigt.“

Seit über zehn Jahren bespielt sie mit ihrer Gruppe K.I.E.Z. To Go (Kulturelle Initiative Engagierter Zugezogener) den öffentlichen Raum. So inszenierte sie auf Friedrichshainer Straßen die Geschichte der Gladowbande.

Für ihre neue Produktion „Auf Empfang“ simuliert sie eine Live-Radio-Show. „Eine Moderatorin ist mit zwei Wellenforscherinnen im Stadtraum unterwegs“, erklärt sie. Die fiktive Wissenschaftsdisziplin „Wellenforschung“ geht davon aus, dass der gute, alte Radio-Äther ein Trägermedium für Töne und Klänge aus der Vergangenheit ist. Die Wellenforscherinnen spüren Geschichten auf – über ein Hohenschönhausen noch ohne Hochhäuser, über die wilden Aufbaujahre und über die neu Hinzugezogenen.

Geschichten von Aussiedlern spielen eine Rolle und Stasi-Geschichten ebenfalls: Der alte Stasiknast, heute eine Gedenkstätte, ist nicht weit von den Aufführungsorten Prerower Platz und S-Bahnhof Wartenberg entfernt. Manch Altbewohner war einst beim MfS angestellt. Die Geschichten hat die Truppe in zahlreichen Interviews mit Nachbarn zusammengetragen.

„Auf Empfang“ verspricht aber mehr als nur ein performativ angereicherter Audio-Parcours über Stadtteilgeschichte zu sein. Denn Wiegand und ihre drei Performerinnen schalten ihre Empfangsapparatur auf Senden um. „Wir fragen die Bewohner*innen auch, welche Zukunft sie sehen und was sie selbst über Hohenschönhausen aufgezeichnet haben wollen“, erklärt Wiegand.

Sie stößt mit ihrem Projekt auf Interesse bei Alt und Jung, auch ganz jung: Eine Kindergang, die ihr Territorium auf Hohenschönhausens großen leeren Flächen hat, kam gleich zwei Mal zu einer Voraufführung und half am dritten Tag gar beim Aufbau mit. Das kann man dann nachhaltige Partizipation nennen. 

16.–18.5., 17 Uhr, Prerower Platz vor dem Linden-Center, 24.–26.5., 17 Uhr, Platz am S-Bahnhof Wartenberg (Ausgang Am Berl), Regie: Christiane Wiegand; mit Yvonne Johna, Katharina Kwaschik u.a., Eintritt frei