Das Porträt

»Auf meinem Rücken steht kein Fashion-Statement!«

Fridays for Future geht jede Woche auf die Straße. Lea ist das nicht genug,
sie protestiert jeden Tag für die Rettung des Klimas

Text: Rebecca Menzel

Lea im Dauerprotestmodus. Das Schild will sie erst ablegen, wenn Deutschland die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreicht hat
Foto: Sarah Bergmann

Wenn sich Lea von vorne nähert, dann fällt erst einmal nichts Besonderes auf. Die Doktorandin ist groß, blond und hat ein offenes, freundliches Gesicht. Steht man jedoch hinter ihr, sieht man einen weißen Stofflappen, den sie mit Sicherheitsnadeln an ihrem dunklen Wollmantel befestigt hat. Darauf steht in grüner Schrift „Sozialer Klimaschutz jetzt!“

So wie die Klimaretter*innen von Fridays for Future ist die 27-jährige Neuköllnerin Teil einer Bewegung, die sich nicht mit der Meinungskundgabe im Netz zufriedengibt und deshalb auf die Straße drängt. Auch deshalb, weil man hier das Gegenüber viel direkter erreicht. Lea ist kein Punk und auch kein Fan von Slogan-T-Shirts, die ihrer Meinung nach politischen Aktivismus für Konsumzwecke missbrauchen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass Diskussionen im Internet schnell persönlich und abfällig werden und sucht deshalb das offene Gespräch mit Fremden über ein Thema, das ihr wichtig ist.

Die meisten reagierten freundlich, berichtet Lea, die gerade an einer Berliner Universität promoviert. Öfter wird sie gefragt, ob man sie fotografieren dürfe, sie sagt meistens ja. Sie will, dass die Menschen über den Klimawandel im Gespräch bleiben, dass die Bedrohung der Erde nicht wieder hinter den vielen anderen Nachrichten oder im Alltagstrott verschwindet. „Dafür ist die Lage doch viel zu dramatisch“, sagt Lea bestimmt. „Es ist zu spät dafür, immer nur zu reden. Wir müssen endlich etwas tun. Jeder für sich und am besten zusammen.“

Auslöser von Leas Protest waren die weltweiten Klima-Demos am 20. September. Sie war in Berlin dabei und wollte es bei dieser einmaligen Aktion nicht belassen. Sie diskutierte in Fridays for Future-Gruppen mit und ging zu Extinction Rebellion-Aktionen. Den Zusammenhalt, den sie dort erfahren hat, fand sie wunderschön. Zugleich sieht sie die extremistischen Tendenzen bei letzteren kritisch. Im Klima-Protest treffen viele politische Positionen aufeinander, auch radikale. Lea selbst sieht sich als Reformerin.

Dass die politischen Maßnahmen zur Rettung des Klimas sozialverträglich organisiert werden, ist ihr wichtig. Klimaschutz sollte nicht auf dem Rücken der Armen ausgetragen werden. Stattdessen müssten die Besserverdienenden endlich kürzer treten. „Die Zielrichtung ist doch klar“, erklärt sie aufgebracht, „statt dicker Autos brauchen wir einen guten und günstigen öffentlichen Nahverkehr, statt Pendlerpauschale eine deftige Benzinsteuer.“ Ihrer Meinung nach liegt die Schuld zum Teil bei der Generation der Babyboomer, die sich in ihrem Wohlstand gemütlich eingerichtet hat und an ihrem Lebensabend nicht auf Zweitwagen und Mallorca-Reise verzichten will. „Damit machen sie die Zukunft ihrer Kinder kaputt!“ Schon oft hat sie mit ihren eigenen Eltern und deren Freunden darüber diskutiert. Doch statt auf Unterstützung stoße sie dort eher auf Selbstmitleid und gespielte Verzweiflung. Dabei hätten gerade die Älteren das Geld und die Zeit, eine echte Veränderung anzustoßen, sagt Lea.

Den Vorwurf, dass die jungen Klimaschützenden es nicht ernst meinen mit dem Protest, weil sie sich nicht ausreichend Gedanken darüber machten, wo der Strom für ihre Handys und Computer eigentlich herkommt, findet sie absurd. Zwar fliegen Lea und ihre Freunde noch immer mit dem Flugzeug, aber immerhin haben sie keine Autos.

Viele fühlen sich von Leas Statement aufgefordert, die eigene Haltung zu überprüfen. Wildfremde Menschen erzählen ihr von ihren Bemühungen, auf Plastikverpackungen zu verzichten, kein Fleisch mehr zu essen, nicht mehr zu fliegen. Diese Gespräche machen Lea glücklich. In Kauf nimmt sie deshalb auch, dass sie manchmal angepöbelt wird. Bedroht gefühlt hat sie sich noch nie. Im Gegenteil: Seitdem sie das Schild trägt, achtet sie besonders darauf, aufrecht zu gehen und selbstbewusst zu stehen. „Insofern ist mein Protest auch eine Message an mich selbst.“ Ihr ist klar, dass sie mit ihrer Botschaft zur Projektionsfläche wird. Unmut äußerte sich bisher aber eher passiv-aggressiv. „Da kommt dann so ein Grummeln auf, wenn ich in die U-Bahn steige“, berichtet sie. Meistens hört sie dann gar nicht hin. Ein Sicherheitsbeamter blaffte ihr mal ins Gesicht „Das ist doch vorbei mit dem Klimaprotest. Die Greta Thunberg ist doch längst weg!“

Lea ist überzeugt, dass die Politiker in ihrer Unwilligkeit, den Klimawandel aufzuhalten, auf die Trägheit einer vermeintlich desinteressierten Mehrheit setzen. Sie selbst will auf keinen Fall zu dieser schweigenden Masse gezählt werden. Wer genauso denkt, findet sie, sollte es ihr gleich tun und nicht auf die nächste Klima-Demo warten. Ihr eigenes Schild, so der Plan, wird sie erst dann ablegen, wenn Deutschland die Pariser Klimaziele erreicht hat.