Berlin

Auf zwei Stühlen

Viele türkischstämmige Berliner stehen im Alter vor der Frage, ob sie zurück in die Türkei ziehen sollen. Es ist mehr als eine Gewissensfrage

Irgendwo zwischen Ankara und Istanbul liegt ein kleines Dorf. Aus diesem Dorf kam Kemal Durgut 1969 zum ersten Mal nach Berlin. Sein Bruder war bereits hier – und auch er wollte in Berlin leben und arbeiten. Kemal Durgut dachte, er würde nur einige Jahre bleiben. Daraus wurde fast ein ganzes Leben.

Und jetzt, mit 71 Jahren, steht er vor der Frage: Was nun? Es ist ein langes, ein arbeitsreiches Leben gewesen in der Fremde. Nicht nur einmal stellt sich ihm die Frage, ob er in das Dorf seiner Kindheit zurückkehren soll. Er sitzt im Computerraum des Bildungswerks DTZ, des Deutsch Türkischen Zentrums in Neukölln. Vor ihm, auf dem Tisch, steht eine Tasse mit heißem, bernsteinfarbenem Tee. Versonnen schaut Durgut dem Dampf des Tees nach und erzählt lange vom Ringen um eine Entscheidung. Hier Berlin: die Stadt, die ihm Heimat geworden ist. Da das kleine Dorf in der Türkei: der Ort seiner Kindheit.
Und er, Kemal Durgut: irgendwo dazwischen. Zwischen den Welten.

Gekommen, um zu bleiben

Pendler Kemal Durgut: In Lübars kannte er jeden Nachbarn, jeden Baum
Foto: Saskia Uppenkamp / www.saskia-uppenkamp.com

Wie Kemal Durgut kamen viele türkischstämmige Berliner der ersten Generation in die Stadt, um ein paar Jahre hart zu arbeiten und so viel Geld zu verdienen, dass sie sich in der Heimat ein Häuschen kaufen könnten, ein schönes Auto vielleicht auch. Irgendwann aber merkten sie: Sie waren gekommen, um zu bleiben. Das erste Kind wurde geboren, das zweite, dann das dritte. Das erste Kind machte sich in der Schule überraschend gut, fand gute Freunde dort. Auch der zweite Sohn sprach plötzlich besser Deutsch als Türkisch.

Aber diese Frage, sie war immer da: Wollen wir irgendwann doch wieder zurück? Zurück in das Heimatland, wo jetzt am 24. Juni vorgezogene Präsidentschaftswahlen anstehen. Weil Recep Tayyip Erdoğan die ganze Macht früher will, nicht erst in eineinhalb Jahren, da sollte diese Wahl eigentlich stattfinden.

Während der Präsident Kaffee und Kuchen für alle verspricht, warnt Selahattin Demitras von der pro-kurdischen HDP in seiner Rede aus dem Gefängnis vor einer Türkei als „größtem Freiland-Gefängnis“.

Kemal Durgut ist ein sportlicher Typ mit dichtem, weißen Haar. Er wirkt, als ruhe er in sich selbst. Am ­Ramadan, der gerade endete, brauchte er nicht teilzunehmen. Wegen einer Herzerkrankung. Kinder, Schwangere, ältere und kranke Menschen sind vom Fasten ausgenommen, sagt der Koran. Stattdessen hat er er einem Glaubensbruder in der Zeit des muslimischen Fastens dessen Mahlzeiten gezahlt.

„Ich bin ein türkischer Berliner“, sagt Durgut und lacht. Bei seinem ersten Besuch 1969 war das noch nicht abzusehen. Sein Bruder lebte mit seiner Familie in der Oldenburger Straße in Moabit, in einem unrenovierten Altbau. „Ich wollte damals schon in Berlin leben und arbeiten – aber ich war entsetzt, wie die hygienischen Zustände in diesem Haus waren. Es gab für vier Familien nur eine Toilette auf dem Gang und kein Bad.“ Sein erster Aufenhalt in Berlin währte nur kurz.

Die ersten Jahre seines deutschen Lebens verbrachte Durgut in Germersheim in Rheinland-Pfalz, wo die Eltern seiner Frau lebten. „Dort konnte man für 200 Mark ein ganzes Häuschen mieten.“ Aber die Eltern seiner damaligen Frau, von der er inzwischen geschieden ist, gingen zurück in die Türkei. So landete Kemal Durgut doch wieder in Berlin. Das war 1974. Dieses Mal für immer. Es war ihm wichtig, in der Nähe seines Bruders und der Familie zu leben, wie ihm überhaupt Familie wichtig ist. Im Berlin der 70er- und 80er-Jahre fühlte er sich wohl, erzählt er. „Durch die Insellage konnte man in diesen Jahren ein ruhiges Leben leben.“ Kemal Durgut fand Arbeit, immer wieder: als Kraftfahrer für eine Lebensmittelkette, als Maschinenführer bei Herlitz, dem großen Hersteller für Bürobedarf.

Nach dem Mauerfall 1989 seien die billigeren Arbeitskräfte aus dem Ostblock gekommen, deshalb habe er damals seine Stelle bei Herlitz verloren. Daraufhin machte er sich mit einem Brautmoden-Geschäft selbstständig. Dennoch blieb nur eine kleine Rente übrig, sein Stundenlohn der ersten Jahre wäre einfach zu gering gewesen, sagt er.
Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in ­Lübars, Reinickendorf. „Dort kannte ich mit der Zeit jeden Nachbarn, jeden Baum.“ Doch irgendwann wurde die Frage nach einer Rückkehr in die Heimat lauter.

In der Familie von Nilgün Hascelik war es anders. „Irgendwann stellte sich die Frage nicht mehr, ob wir zurück in die Türkei gehen würden – meine Eltern blieben einfach“, sagt Nilgün Hascelik. Sie ist Bereichs­leiterin beim DTZ. Das Zentrum bietet Bildung und Weiterbildung für Migranten an. Ihr Büro ist hell, an den Wänden hängen viele bunte Plakate. Vom Fenster aus schaut man auf den Parkplatz von Bauhaus und Huxley’s Neuer Welt, dort herrscht immer lebendiges Treiben. Hascelik hat einen wachen, offenen Blick. Sie trägt ihre braunen, welligen Haare halblang, ist sportlich-elegant gekleidet.

„Ich wurde 1974 hier geboren“, erzählt sie, „und erlebte die Türkei immer nur im Urlaub, obwohl es schon mehr als nur ein Urlaub war.“ Ihr Vater starb vor neun Jahren, die Mutter blieb in Berlin – bei ihren drei Töchtern und deren Kindern. Dabei habe sich auch ihre Mutter manches in der neuen Heimat anders vorgestellt. Sie vermisste etwa den türkischen Baderaum, das Hammam. „Daheim hat jedes Haus einen Hammam, in dem man sich pflegt, wäscht und auch entspannt. Das gehört in der Türkei zum Alltag.“

Auch seien die sozialen Kontakte mit Nachbarn in Berlin schwierig. „Allerdings hat sich das mit den Jahren verschlimmert – ich kannte hier in Berlin auch noch alle Kinder in meinem Block und wir spielten zusammen.“ Jetzt würden sich Nachbarn oft nicht einmal mehr grüßen, erzählt Nilgün Hascelik. Ihre Stimme klingt traurig dabei.

In Deutschland schaut man sorgenvoll auf die Türkei, wo Erdoğan die Republik immer mehr in einen autokratischen Staat umbaut. „Ich glaube nicht, dass die Wahlen das Gehen oder Bleiben türkischer Senioren hier beeinflussen“, sagt jedoch Nilgün Hascelik. Es sei vielmehr zum einen Armut im Alter, die viele bewege, in die türkische Heimat zurückzukehren. „Wegen der schlechten Bezahlung haben viele Türken auch nach 30 oder 40 Jahren Arbeit eine so kleine Rente, dass es furchtbar schwierig wird, einen Lebensabend hier zu bezahlen. Und viele scheuen den Weg zum Sozialamt, das ist in dieser Generation noch so.“
Ein anderer wesentlicher Faktor bei der Entscheidung für den Ort des Lebensabends sei die Verbundenheit zur Familie, sagt Nilgün Hascelik.

Mit dem Erinnern kommt das Heimweh

Wirklich komplett kehrten nur etwa zehn Prozent der Türken in die Heimat zurück. Jedenfalls nach den Erfahrungen, die Nilgün Hascelik in jahrzehntelanger ­Sozialarbeit beim DTZ gemacht hat. „Es ist nicht so, dass wir Türken in Bezug auf die Heimat zwischen zwei Stühlen sitzen – im Gegenteil, wir sitzen auf zwei Stühlen, wir haben zwei Heimatländer.“ Ein „unglaublicher Luxus“ sei es, zwischen zwei Ländern pendeln zu können. „Wenn es einem dort zu viel wird, kommt man wieder her – und wenn einen hier die Nässe und Kälte des Winters stören, fliegt man in die Türkei.“ Ihre eigene Familie habe ein Ferienhäuschen am Marmara-Meer. Sie selbst sei schon als Kind gern zum Urlaub in die Türkei gefahren, sei sich aber immer dessen bewusst gewesen, dass ihr eigentliches Leben hier, in Berlin, stattfinde.

Nur zehn Prozent der Berliner Türken kehren dauerhaft zurück in die alte Heimat, schätzt eine Sozial­arbeiterin
Foto: imago / Revierfoto

„Aber irgendwann packt fast alle Türken der ersten Generation dann die Sehnsucht“, sagt die Frau vom DTZ. „Mit der Erinnerung an die Kindheit kommt das Heimweh. Und dann wollen ganz viele zurück in die Türkei.“
Doch oft kommt eben doch etwas dazwischen.

Nilüfer Gülcan betreibt zusammen mit ihrem Vater ein islamisches Bestattungsunternehmen auf der Neuköllner Sonnenallee. Zu ihr kommen die Menschen für die letzten Dinge. Die letzte Reise. „Wer es im Leben nicht geschafft hat, in die türkische Heimat zurückzukehren, möchte wenigstens dort begraben sein“, sagt sie. „Es ist der letzte Wunsch der türkischen Senioren.“

Nilüfer Gülcan trägt ein dezent geblümtes Kopftuch und eine cremefarbene Seidenbluse. In ihrem Büro hängen Gemälde von friedlichen Wäldern. Hinter Gülcans Schreibtisch finden sich mehrere goldene Reliefs von Mekka und der Kaaba, dem Gebets-Mittelpunkt aller Muslime. Trotz der Hitze von fast 30 Grad draußen ist es hier kühl. Die 40-Jährige heißt in Wirklichkeit anders, sie möchte in dieser Geschichte nicht mit ihrem richtigen Namen stehen.
Nach seinem Tod wird ein gläubiger Muslim in ein weißes Leinen, genannt „Kefen“, gewickelt, wenn er beigesetzt wird, das Gesicht gen Mekka gerichtet. Das elf Meter lange Leinen wird dafür in einzelne Teile zurecht geschnitten. So will es die Tradition.

Das Bestattungsunternehmen wickelt unter anderem Rückführungen Verstorbener mit muslimischem Glauben in ihre ursprünglichen Heimatländer ab.

Zwar gibt es die Möglichkeit einer muslimischen Bestattung auch in Berlin, auf drei Friedhöfen werden Grabfelder für Islamische Bestattungen ausgewiesen – in Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf und am ­Columbia-Damm in Neukölln. „Etwa 80 Prozent der ­hier verstorbenen Türken werden aber in die Türkei überführt“, sagt die Bestattungsunternehmerin.

Nachdem sich die Hinterbliebenen von dem Toten verabschiedet haben, wird der Sarg aus Holz mit einer Zinkverkleidung geschlossen, dann geht es direkt an den Flughafen. Ihre letzte Reise machen die Berliner Türken oft im gleichen Flugzeug wie ihre Hinterbliebenen. „Das sagen wir den Angehörigen natürlich nicht, das würden sie nicht verkraften.“
Überhaupt sei fast auf jedem Linienflug ein Toter mit an Bord, sagt die Unternehmerin.

In Berlin reicht die Rente nicht

Nilüfer Gülcan macht keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für Erdoğan und seine Politik: „Anstatt zu schimpfen, sollten sich die türkischen Bürger lieber freuen, wie viel Gutes in ihrem Land passiert ist.“
Sie erklärt diese Begeisterung mit dem Gesundheitssystem, das mit Erdoğan nachhaltig verbessert worden sei. Und erzählt von ihrer Tante in der Türkei, die mit einer Hirnblutung in die Klinik gekommen sei, in der Vor-Erdoğan-Zeit. Damals habe man sie nur gegen sofortige Bezahlung behandeln wollen. „Im jetzigen Gesundheitssystem bekam meine kleine Tochter sogar ein Bett in das Krankenzimmer ihrer Oma gestellt, als wir müde vom Flug kamen.“
Kemal Durgut, der Mann aus dem kleinen Dorf zwischen Ankara und Istanbul, hofft dagegen, dass Erdogan die Wahlen verlieren wird. „Eine solche Diktatur darf es doch im 21. Jahrhundert nicht geben, es ist wie im wilden Westen.“ Bei ihm entschied letztendlich der Geldbeutel, wo er seinen Lebensabend verbringen würde. Von 700 Euro Rente im Monat kann er in Berlin nicht leben – in der Türkei dagegen kommt er damit gut aus. Seit einem Jahr pendelt Durgut jetzt, verbringt einen großen Teil seines Lebens in der Türkei, kommt aber ­immer wieder gern zurück nach Berlin. Den Kindern geht es gut, der Enkel besucht ein Gymnasium in Zehlendorf.

In dem Dorf aber, dessen Namen er nicht nennen mag, lebe es sich angenehm. „Ich kenne ein Lokal in meinem Ort, dort kann ich für fünf Euro regelrecht schlemmen – mit Vorspeise, mehreren Gängen, Nachspeise, sogar Kaffee.“ Auch wenn er oft unruhig schläft, weil es arbeitet in seinem Kopf, wenn er über unbedachte Äußerungen gegen das Regime grübelt, „vielleicht werde ich abgeholt und eingesperrt.“

Aber da ist eben, auf der anderen Seite, dieses gute Gefühl, von vertrauen Menschen umgeben zu sein: „Man geht aus dem Haus begegnet sich und erfährt, wie es dem anderen geht.“ Allein sein, niemanden zum Reden haben – das passiere ihm in der Türkei, anders als in Berlin, so gut wie gar nicht. Auch nicht im Alter.

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