Kino

Augenblicke: Gesichter einer Reise

Man sollte nicht versuchen, die ­ganze Welt zu verstehen, hat Agnès Varda einmal gesagt. Stattdessen solle man ­besser bei seinen Nachbarn anfangen. Fasst man den Begriff des „Nachbarn“ ­etwas weiter, dann ist sich die Regisseurin treu ­geblieben: Ihre Filme handeln von ­wirklichen Menschen und nicht von ­abstrakten Ideen. Man spürt Vardas echtes Interesse und Sympathie für die Außenseiter, die Quer- und Dickköpfe sowie die starken Frauen der Gesellschaft.

Gesichter einer Reise
Foto: Agnès Varda JR Ciné Tamaris/Social Animals 2016

Insofern verbindet einiges die 90-jährige Filmemacherin mit dem 35-jährigen Fotografen und Streetart-Künstler JR. Für seine Kunstaktion „Inside Out“ lädt er Passanten ein, sich in einem zum Fotoautomaten umgebauten Kleinlaster fotografieren zu lassen. Anschließend werden die großformatig ausgedruckten Schwarzweiß-Por­träts an öffentlichen Orten plakatiert: Häuserwände, Fabriken, Eisenbahnwaggons.

Der von den beiden Künstlern ­inszenierte Film ist eine Fortführung dieser Aktion: Varda, JR und sein Team reisen mit dem Fotomaten durch Frankreichs ländliche Gegenden und fotografieren Leute, die sie dort antreffen. Die dabei entstehenden überdimensionierten Poster sind Denkanstöße wie vergängliche Erinnerungen. Varda und JR haben ihren Film wie einen Dialog auf mehreren Ebenen inszeniert, denn der gemeinsame Off-Kommentar zur Reise beschreibt mit charmantem Witz auch das gegenseitige Kennenlernen.

„Visages, Villages“, F 2017, 89 Min., R: Agnès Varda und JR

Augenblicke: Gesichter einer Reise