Tanzschule

Ausgezeichnet, angefeindet

Die Jugendtanzschule TanzZwiEt räumt bundesweit Preise ab – zuletzt den Bundespreis von „Jugend tanzt“. In Berlin aber kämpft sie mit Schwierigkeiten: mit einem Vermieter, der sie herauswarf, und Nachbarn, die sich am neuen Standort über tanzende Kinder beschweren

Mit dem Stück „Systemfehler“ gewann Susanne Rinnerts Mädchenensemble den Bundeswettbewerb von „Jugend tanzt“
Foto: TanzZwiEt

Den diesjährigen Kindertag wird Susanne Rinnert nie vergessen. Kurz vor der Abreise zum Bundeswettbewerb von „Jugend tanzt“, der am 1. Juni in Paderborn stattfinden sollte, hatte die einstige Schülerin der Tanzlegende Gret Palucca die Räume ihrer Tanzschule entkernt und geputzt an den Vermieter übergeben. Bis zuletzt hatte ihr Ensemble hier, in der Jugend­tanzschule TanzZwiEt am Strausberger Platz, noch geprobt: an „Systemfehler“, einem Stück über Anpassungsdruck in der Schule. 

Die Probensituation allerdings war bizarr. „Jedes Mal, wenn wir hereingekommen sind, fehlte wieder etwas anderes. Eine Wand war weg, die Spiegel fehlten, zum Schluss der Tanzboden“, erzählt die 16-jährige Marlene. Sie ist Teil des Ensembles, das aus elf Mädchen und jungen Frauen im Alter von 13 bis 20 Jahren besteht. „Seit sechs Jahren bin ich an der Schule. Und seit ich hier bin, habe ich mich schon auf ‚Systemfehler‘ gefreut. Wir haben den Tanz bei den Älteren gesehen. Und jetzt war es einfach schön, dass wir selbst dran waren“, sagt sie. Es sollte ihr finaler Tanz im „Haus des Kindes“ am Strausberger Platz werden.

Die Jugendtheaterschule TanzZwiEt hat ihre langjährige Heimat verloren. Seit 1991 betreibt Susanne Rinnert die Ballett- und Tanzschule, erst als Kinder- und Jugendensemble im Kulturhaus Wabe, später als Schule mit Ensemble, seit 1999 am Strausberger Platz im ehemaligen „Haus des Kindes“. 20 Jahre lang waren die TanzZwiEt-Schüler die einzigen, die an die Geschichte dieses Hauses als Raum für Kinder anknüpften  – bis der Vermieter, der Kunstmäzen Christian Boros, sie hinauswarf. „Genau zum Kindertag 2018 erhielten wir die Kündigung für das nächste Jahr“, sagt Susanne Rinnert und lacht bitter auf. Ihr Herzensprojekt ist nun ein weiterer Verdrängungsfall in Berlin.

Rinnerts Ex-Vermieter ist selbst eine Größe in der Kultur. Christian Boros hat den Bunker in der Albrechtstraße – einst einer der wichtigsten Technoclubs – für seine Kunstsammlung ausgebaut. Er betreibt außerdem eine Werbeagentur; seine Klienten sind unter anderem die Berliner Opernstiftung, Coca Cola, mehrere Bundesministerien sowie die Grünen und die FDP. 2009 kaufte Boros den Häuserblock am Strausberger Platz, in dem auch die Tanzschule untergebracht war – und erhöhte Rinnerts Miete um mehr als ein Drittel. Seitdem verkehren Vermieter und Mieterin vor allem über ihre Anwälte. Christian Boros wollte sich auf Anfrage von Zitty nicht äußern. Er ließ auch nicht mitteilen, was er mit dem Objekt vorhat. Von Bauarbeiten ist jedenfalls bislang nichts zu sehen. 

Ende Mai dieses Jahres kam Rinnert mit ihrer Tanzschule in einer früheren Sparkassenfiliale an der Landsberger Allee unter. Doch am neuen Standort hat sie Probleme: Die Miete ist doppelt so hoch wie noch am Strausberger Platz. Und Nachbarn, die in den Wohnblocks gleich über der Schule oder unmittelbar daneben wohnen, beschwerten sich über Ruhestörung auf dem gemeinsamen Hof – dann, wenn die Kinder über die Hofseite die Schule verlassen oder zur Tanzstunde kommen. „Manche stehen mit Videokameras auf ihren Balkonen und filmen das“, erzählt Rinnert. 

Kinder, die gerade noch getanzt haben, zeigen ihren Eltern ein paar der neu gelernten Schritte. Andere spielen auf dem öffentlichen Spielplatz gleich hinter der Schule; all das zwischen 16 und 19 Uhr, im Zeitfenster der Kinderkurse. Und genau das bezeichneten Nachbarn in einer Beschwerde an den Vermieter WBM als „teilweise volksfestähnliche Zustände“. Die WBM gibt den Druck an die Tanzschule weiter; Zitty erhielt Einblick in die Korrespondenz. 

Es ist der übliche Berliner Kleinkrieg: Mieter in der selbsterklärten Kulturstadt Berlin opponieren gegen Berliner Kultureinrichtungen. Zwar gibt es auch andere Anwohner, die sich auf die Tanz- und Yogakurse freuen, die es plötzlich in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gibt. Aber die unerwartete Gegnerschaft betrübt trotzdem. 

Susanne Rinnert fühlt sich alleingelassen. Alleingelassen trotz des Renommees, trotz aller Preise, die ihr besonderes Konzept der Tanzschule schon eingebracht hat: Kinder und Jugendliche lernen bei ihr
altersgemäß Choreografien aus dem großen Repertoire der Schule. „Es ist wie bei Musikern, die sich darauf freuen, ein bestimmtes Stück einmal einstudieren und spielen zu können“, sagt sie. 

Die Stücke für die Ensembles entwickeln Schüler und Lehrer gemeinsam, ganz ohne öffentliche Förderung. Es gibt sie ja bereits, choreografiert von Rinnert selbst, von den Lehrern und Trainern der Schule, manchmal auch von Absolventen der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, wo Rinnert nach Talenten sucht. „Systemfehler“ etwa basiert auf der Abschlussarbeit der Leipziger Absolventin Doreen Gebauer. Die Choreografien müssen nur auf die jeweils neuen jungen Künstler angepasst werden. 

Auch die Kostüme werden wiederverwendet. Diese Nachhaltigkeit steht
allerdings im Konflikt mit der Berliner Förderlogik: Die setzt vor allem Anreize für Neuinszenierungen. Für die 500 bis 1.000 Euro, die Rinnert pro Projekt für die Betreuung der Proben über den normalen, kostenpflichtigen Kursalltag hinaus braucht, gibt es keine Töpfe. Am Beispiel der TanzZwiEt werden auch die Schwachstellen der Berliner Förderstrukturen deutlich.

Ein schwacher Trost

Erfolgreich ist Rinnert trotzdem: 2017 gewann bereits ein Mädchenensemble der TanzZwiEt den Bundespreis von „Jugend tanzt“, ein Jungen-Ensemble holte mit einem Break-Dance-Stück einen 2. Platz. Die verschiedenen Ensembles treten regelmäßig bei den Taschenlampenkonzerten in der Waldbühne und Tanzabenden im FEZ Wuhlheide auf. Im Wettbewerb der 60 besten Jugendtanzgruppen Deutschlands, bei „Jugend tanzt“, gewann das Mädchenensemble mit „Systemfehler“ den 1. Preis. 

Das war natürlich schön – aber angesichts der Kündigung auch ein schwacher Trost. Zum Protest formierte sich die elfköpfige Siegercrew beim Fotoshooting in Paderborn, als Gruß an Berlin und seine Kulturverwaltung, zum dreifachen Gruppenbild der berühmten drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Erhofft hatte sich Rinnert zuerst mehr Unterstützung im Konflikt mit Vermieter Boros, dann bei der Standortsuche und später bei Umbau und Umzug bei laufendem Betrieb.

Die Kinder und Jugendlichen, die zum Teil schon zehn, in manchen Fällen gar 17 Jahre an der Schule tanzen, schätzen die Schule als ein zweites Zuhause. Spricht man mit ihnen, spürt man Hoffnung: Sie sind zuversichtlich, dass die TanzZwiEt die nächste große Herausforderung, den Konflikt mit den Nachbarn, meistern wird. Als die Preisträgerinnen zusammensitzen, kommt plötzlich die Idee auf: „Wir machen einfach ein Hoffest mit den Nachbarn und lernen uns gegenseitig kennen.“ 

Vielleicht lassen sich auf diesem Weg sogar die Herzen derjenigen Leute erweichen, die hier „volksfestartige Zustände“ diagnostizieren.