Der klügste Marxist

Autor Dietmar Dath

Dietmar Dath schreibt unentwegt am Zukunftsszenario der Menschheitsgeschichte

Er ist einer der schreibwütigsten Autoren Deutschlands. Er gilt als Lieblings­marxist des Feuilletons und Solitär in der deutschen Medienlandschaft. Die Rede ist von Dietmar Dath, Redakteur bei der konservativen „FAZ“ und regelmäßiger Autor der linken Wochenzeitung „Jungle World“. Von 1998 bis 2000 leitete er das Popkulturmagazin „Spex“. Dath steckt tief in der literarischen, cineastischen und medialen Popkultur. Entsprechend wurzeln dort seine meist dystopischen, die Menschheitsgeschichte umwälzenden Romane. Man findet Anspielungen auf den amerikanischen Gesellschaftsroman, auf HBO-Fernsehserien, Superhelden- und Weltraumsagas sowie den Cyber-Grusel des Wissenschaftsromans. Dazu kommt ein hoher Anspruch an die (techno-)logische und sprachliche Genauigkeit, was seine Werke zu den anstrengendsten, aber auch faszinierendsten der deutschen Gegenwartsliteratur macht.

Vor wenigen Wochen sind sein neuer Roman „Feldeváye“ sowie der Comic „Menschen wie Gras wie“ erschienen. In beiden geht es um die Möglichkeiten des wissenschaftlichen Fortschritts und dessen Konsequenzen für das soziale Miteinander. Das ist Daths großes Thema, an dem er sich seit Jahren abarbeitet. Die Frage, ob die Folgen des wissenschaftlichen Fortschritts den Menschen freier machen oder eher in den „Maschinenwinter“ führen, ist für ihn die am dringlichsten zu klärende unserer Zeit.
Revolutionär geht es dabei in „Menschen wie Gras wie“ zu. Der Bio-Steve-Jobs Farczády, der mit genmanipulierten Pflanzen die Armut der Welt beseitigen will, entpuppt sich als Teufel im Schafspelz, den nur ein Gewaltakt stoppen kann. Dath hat in seinem Szenario Forschungswahn mit Umweltkatastrophen, Geschlechterpolitik und Gewalt gepaart, der bislang unbekannte Zeichner Oliver Scheibler hat dafür ikonische Bildfolgen geschaffen. Querverweisend gehen sie auf gegenwärtige Risiken, individuelle Identitätskrisen und globale Verschwörungstheorien ein.

In „Feldeváye“ wird von einer nichtmenschlichen Zivilisation in einer fernen Zukunft auf dem gleichnamigen Planeten erzählt. Die Verwirklichung des technisch Möglichen hat den kapitalistischen Monetarismus, die binäre Geschlechterordnung sowie die Pflege der Kunst hinfällig gemacht. Radikal und schonungslos führt er die sozialen Prozesse vor Augen, die der Fortschritt nach sich zieht. Als Vorbild dienen ihm die „X-Men“-Geschichten von Chris Claremont, der die „besten Schilderungen von Gruppenbeziehungen in gro­ßen Auseinandersetzungen mit der Welt“ geschrieben habe.

In seinem verwegen komponierten Roman stößt man auf unzählige rätselhafte Begriffe. Es braucht Geduld, bis man sich auf Wortschöpfungen wie Kreb und Storema (Ordnungskategorien), auf Lapithen und Rengi (Spezies) oder auf Prodisten und Contramurale (soziale Gruppen) einlässt. Im Laufe der figurenreichen Geschichte fügen sie sich wie von Zauberhand zur logischen Ordnung der Gesellschaft Feldeváyes. Die schließlich zusammenbricht, weil es in einer Welt ohne das fantastische Abschweifen von der funktionalen Wirklichkeit zu Gewalt kommen muss.

In „Feldeváye“ ist von einer „kniffligen Kunst, die sich nicht entscheiden will zwischen Danse macabre und Kindergeburtstag“ die Rede. Damit könnte auch das dystopische Werk von Dietmar Dath gemeint sein. Denn für ihn „sieht die Welt so aus, als funktioniere sie eher übers Erzählen als übers Begründen“. Eine Welt, bei der man das kalte Grausen kriegt.


Dietmar Dath: „Feldeváye“. Suhrkamp, Berlin 2014. 807 Seiten. 20 Euro
mit Oliver Scheibler: „Menschen wie Gras wie“. Verbrecher Verlag, Berlin 2014.
206 Seiten. 24 Euro
Lesung am 16.5. um 20 Uhr im Otherland, Bergmannstr. 25, Kreuzberg