Autor mit Empfang

Der Philosoph Byung-Chul Han

Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt über den twitternden Menschen ohne Charakter. Jetzt soll er an der Universität der Künste das Studium Generale aufbauen

 

Wenn Byung-Chul Han den Hörsaal im Laufschritt betritt, hebt er sich kaum ab von den wartenden Studierenden: Jeans mit Tintenklecksen, eine schwarze Lederjacke, das schulterlange Haar zum Pferdeschwanz gebun­den.

Doch wenn der 53-jährige Philosoph seine rasante Vorlesung über den „Anderen“ beginnt, sind die Rollen klar verteilt. Auf die Zuhörer wartet ein gut einstündiger assoziativer Ritt durch die Kulturgeschichte und Gegenwart der menschlichen Kommunikation. In schnellen Denkschritten geht es vom rechtskonservativen Staatsrechtler Carl Schmitt über Franz Kafka bis zur Immunologin Polly Matzinger. Ausgangspunkt ist die Kommunikation über die sozialen Netzwerke – und die Frage, welche Folgen sie für die Welterfahrung hat.

Für Byung-Chul Han scheinen Facebook und Twitter eine Zeitenwende zu bedeuten. „Jedes neue Medium macht eine neue Anthropologie notwendig“, sagt er. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah Kafka in der Post mit ihrer Fernkommunikation eine Überforderung des Menschen. Und genau so würden sich heute die Vorzeichen der Kommunikation durch die monologischen Mitteilungen der Tweets und Postings ändern. Sinnstiftung durch Kommunikation mit einem Du sei passé, so Han: „Ein Tweet heißt immer nur: Ich bin“.

Eine Provokation, die auch auf das anwesende Publikum zielt. Es sind Studierende der Universität der Künste (UdK), die den Vortrag im Rahmen des Studiums Generale hören. Das neue Programm soll die Vielfalt der Forschungen und Praktiken, die an der UdK vertreten sind, zusammenführen. Das angelaufene Wintersemester gilt als Pilotphase, Han wird das Studium Generale künftig leiten. Neben seinen Vorlesungen und denen von Kollegen wie dem Künstler Ulf Aminde und der Theaterwissenschaftlerin Rosemarie Brucher finden  Sonderveranstaltungen mit externen Gästen statt.

Mit Byung-Chul Han hat die UdK einen spannenden Kopf für die neue Aufgabe angeworben. Zuvor war der 1959 in Seoul geborene Philosoph und Medientheoretiker an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe an der Seite von Peter Sloterdijk tätig. Mit Veröffentlichungen über die „Müdigkeitsgesellschaft“ (2010) und die „Transparenzgesellschaft“ (2012) prägte er Schlagwörter, die das Potenzial haben, den Diskurs über Öffentlichkeit ebenso zu prägen wie einst die „neue Unübersichtlichkeit“ eines Jürgen Habermas.

Han geht es um die Lebens- und Daseinsweise im Neoliberalismus. Um die Flexi­bilität, wie sie auch von Künstlern gefordert wird, und deren Folgen. „Im Maschinenzeitalter war Flexibilität nicht erwünscht“, sagt er, „aber im digitalen Produktionsverhältnis zählt nur der flexible Mensch, der durchsichtige Mensch, der Mensch ohne Charakter.“ Nie zuvor sei Transparenz ein so dominanter Faktor gewesen. Fremdheit, Distanz und Hierarchien würden abgebaut. Den „Gefällt mir“-Button von Facebook sieht Han als Symbol für das 21. Jahrhundert, da sein Gebrauch jegliche Distanz, Kritik oder Fremdheit fortwischen würde. Doch hinter der Fassade aus Gefühlen und Geschmacksurteilen würden sich reale, massive Machtverhältnisse verbergen.

Hans Provokationen zünden an diesem Spätnachmittag nicht richtig. Als er nach einer atemlosen Stunde seinen Vortrag beendet, meldet sich eine Zuhörerin. Sie stößt sich daran, dass ihr die Situationsbeschreibung keinen Ausweg weisen würde. Das war’s. Doch Han ist nicht enttäuscht. „Künstler geben mir oft sehr überraschende Rückmeldungen“, sagt er. „Sie versuchen, meine theoretischen Überlegungen kreativ zu wenden, etwa auch für ihre eigene Arbeit.“ In der folgenden Woche will er über Liebe reden.

 

Informationen über das Studium Generale:

www.udk-berlin.de