FESTIVAL FÜR NEUE DRAMATIK

Castingshow mit Nachhalleffekt

Die Autorentheatertage sind mit drei Uraufführungen und acht Gastspielen herausragender Produktionen der Spielzeit ein Theatertreffen Neuer Dramatik

Text: Anna Opel

Vom Schauspiel Frankfurt als Gastspiel bei den ATT dabei: „Das hässliche Universum“ – Foto: Jessica Schäfer

Bekannte Titel und etablierte Autoren dominieren die Spielpläne der Theater. Von Interpretationen klassischer Werke bis Beckett über Adaptionen aus Belletristik und Kino bis zu selbstentwickelten Projekten reichen die Titel. Neue Dramatik hat es schwer in der Aufmerksamkeitslogik des Kulturbetriebs. In Marketingabteilungen gilt sie als schwer verkäufliche Herausforderung: trotzdem schreit der Betrieb alljährlich nach „Germanys Next Top Dramatist“.

Gut zu wissen, dass sich, anders als Heidi Klum, die Macher der Autorentheatertage (ATT) am Deutschen Theater Berlin um eine seriöse Förderung ihrer Schützlinge kümmern, die weiter reicht, als zum lärmenden Finale. Neue Stücke können, wenn es gut läuft, tatsächlich „Kraftstoff des lebendigen Gegenwartstheaters“ sein, wie es der „Spiegel“-Kritiker Wolfgang Höbel beschrieb. Nämlich wenn sie an der Sprache arbeiten und sperrige, andere Perspektiven auf die Realität eröffnen, als es die übrigen Medien tun.

Für die diesjährige Festivalausgabe hat sich das Deutsche Theater wieder mit dem Wiener Burgtheater und dem Schauspielhaus Zürich zusammengetan. Denn die drei von der dreiköpfigen Jury ausgewählten Texte werden als Herzstück der ATT auf dem Festival uraufgeführt und danach fest in den Spielplan der jeweiligen Häuser übernommen. Das signalisiert ein ernsthaftes Bekenntnis zum Text und verspricht eine Wahrnehmung des Autors über den Festivalrahmen hinaus.

Unter 143 Einsendungen hat die Jury drei Preisträgerstücke gekürt, die am 22. Juni bei der „Langen Nacht der Autoren“ zum ersten Mal zu sehen sind: Simone Kuchers „Eine Version der Geschichte“ balanciert auf dem Grat zwischen Dokumentar­theater und Fiktion. Eine junge Frau meint, im Radio die Stimme ihres Großvaters erkannt zu haben und begibt sich auf die Suche nach der Familiengeschichte. Details über den Völkermord an den Armeniern treten zutage, ein Mosaik nimmt Gestalt an, doch die Ergebnisse sind vage, bleiben fragmentarisch.

Die Österreicherin Miroslava Svolikova galoppiert mit „europa flieht nach europa“, einem „dramatischen Gedicht in verschiedenen tableaus“ durch die Geschichte Europas – vom antiken Mythos bis in die Gegenwart. Svolikova skizziert den blutigen Egotrip eines Kontinents.

Mit einer fetten Portion Menschlichkeit berührt Björn SC Deigners stiller Lebensbericht einer Hure. „In Stanniolpapier“ ist der Titel einer traurig-schönen und schrecklich anspruchslosen Rückschau auf Hoffnungsinseln, die aus dem Sog gewohnheitsmäßigen Ausgebeutet-Werdens herausragen.

Vom Wiener Burgtheater kommt „Jedermann (stirbt)“, die konsequente Überschreibung des Hofmannsthal-Klassikers durch den Dramatiker Ferdinand Schmalz, zum ATT – Foto: Georg Soulek / Burgtheater

Die diesjährigen Entdeckungen sind von Podien und acht herausragenden Produktionen zeitgenössischer Texte aus der aktuellen Spielzeit gerahmt: „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili und „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse sind Romanadaptionen. „jedermann (stirbt)“ von Ferdinand Schmalz , „Die Zukunft reicht uns nicht“ von Thomas Köck und „Das hässliche Universum“ von Laura Naumann vertreten Originaldramatik, Yael Ronens mit Ensemble am Volkstheater Wien entwickelte Produktion „Gutmenschen“ ist ebenfalls eingeladen.

Anfang Juni glühte das Festival übrigens schon mal vor und erweitere mit dem Auftakt „Radar Ost“ sein Programm mit Gastspielen aus Osteuropa. Weil’s so schön war soll dieser Prolog im nächsten Jahr erneut stattfinden.

KURZ GEFRAGT:

Bettina Stucky

Die Schauspielerin Bettina Stucky hat gemeinsam mit dem Kritiker Bernd Noack und dem Schriftsteller Saşa Stanišić die Einreichungen für die diesjährigen Autorentheatertage gesichtet. – Foto: Sandra Then

Frau Stucky, was hat Sie daran gereizt, der Jury der Autorentheatertage anzugehören?
Ich bin eine Schauspielerin, die sich generell für Inhalte und Konzepte am Theater interessiert, also auch im weitesten Sinn für Dramaturgie. Da ist Juryarbeit eine reiz­volle Position. Sie unterscheidet sich von meinem üblichen Blick auf Texte. Es geht nicht in erster Linie um Umsetzung, sondern ich befinde mich in einem offenen Raum. Wir Juroren haben uns unvoreingenommenen über die Texte austauschen können. Ohne Polemik, ohne Zynismus, mit Neugierde und Humor.

Was macht für Sie einen interessanten Theatertext aus?
Ich mag sperrige Texte, die wie ein Eselsohr aus dem Stapel abstehen. Wird eher ­linear erzählt oder gerade nicht? Ich stelle fest, dass mich sprunghaftes Erzählen interessiert – sicher aus meiner Arbeit mit bestimmten Regisseuren heraus. Ich schätze die offene Struktur, die sich nicht bis ins letzte Detail selbst erklärt. Das regt mein Gehirn an.

Sie vertreten als Jury-Mentorin Simone Kuchers „Eine Version der Geschichte“, die vom Schauspielhaus Zürich inszeniert wird. Was reizt Sie an dem Text?
Der Text ist so toll, weil er sehr gerade und in klaren Bildern, in differenzierter Sprache, ein gesellschaftspolitisches Thema – den Völkermord an den Armeniern – bearbeitet. Er ist sehr dicht und lässt gerade dadurch jede Menge Luft für Assoziationen.

Fiel etwas auf am Jahrgang 2018?
Auffällig war, dass tendenziell nicht zum großen Wurf ausgeholt wurde. Die politischen Themen sind vom Rand des privaten Standpunkts her angeschnitten. Wenn es etwa um die neuen Medien, soziale Netzwerke oder Katastrophen geht, dann eben nicht als Kritik an den Konzernen oder am System, sondern vom privaten Erleben her. Ich bin jetzt vor allem gespannt darauf, was die Inszenierungen aus den Texten machen. Das birgt ja immer Überraschungen, in jede Richtung, und darauf freue ich mich. 
INTERVIEW: ANNA OPEL

12.-23.6., Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte, Eintritt 12-48 (DT), 20-30 (Kammerspiele), 20 € (Box), erm. 9 €, www.deutschestheater.de/autorentheatertage_2018/

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