Berliner Künstler

Azin Feizabadi in der Galerie Wedding

Grenzgänger im Zeitfluss: Azin Feizabadi befasst sich in einem filmischen Langzeitkunstprojekt mit alternativen Formen der Geschichtsschreibung

Schwarzes Käppi, kurzer Vollbart, direkter Blick, die Augen wie mit Kajal umrandet. So begegnet einem Azin Feizabadi in manch einer seiner Filmarbeiten. Aber auch im wirklichen Leben. Der gebürtige Iraner ist ein Grenzgänger zwischen Kunst und Film. Er bewegt sich dabei durch den Zeitfluss der Gegenwart, taucht ein in Geschichte, wahre wie fingierte, und in Erinnerungen, er erkundet Narrative, Legenden, Fabeln, Mythen, weil sie eines vereinen: Sie trotzen erfolgreich unserer Vorstellung von Zeit. Feizabadis Haltung ist klar, aber nie laut. Er ist kein Störer in den komplexen Systemen des Daseins, vielmehr will er durch eine nicht-chronologische Erzählweise einen Erfahrungsraum schaffen, aus dem heraus die Diskurse entstehen.

 

Foto: Lena Ganssmann
Der Berliner Künstler Azin Feizabadi in der Galerie Wedding. Foto: Lena Ganssmann

„Collective Memory“ heißt sein großes Langzeitprojekt, das seit 2009 einen Recherche- und Produktionsrahmen stellt, innerhalb dessen er sich mit alternativen Formen der Geschichtsschreibung befasst. Mit filmischen und installativen Mitteln greift Feizabadi diesen Diskurs nun in der Galerie Wedding auf und stellt ihn in Bezug zu Fragen der Konstruktion von Zeit und Identität.

Das Märchen von Layla und Majnun

Fragen, die er auch in seinem neuen Erzählfilm „Uchronia“ thematisiert. In drei Episoden legt er darin das orientalische Märchen über die Liebe von Layla und ­Majnun dar. Sie kommen als Außerirdische aus dunkler Materie auf die Erde und verkörpern das Werden, indem sie in einem Menschen reinkarnieren und so Migrationsprozesse in inneren und äußeren Wandlungen durchleben. Einer dieser Menschen ist die verstorbene Schauspielerin Brigitte Mira. „In dem wegweisenden Film übersetzt Feizabadi die Idee eines Nicht-Ortes in eine Nicht-Zeit“, sagt Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der gemeinsam mit Solvej Helweg Ovesen die Einzelausstellung „Once Upon A Time, Once Upon No Time“ kuratiert.

Azin Feizabadi wurde 1983 in Teheran geboren, kam 1990 mit seiner Mutter, einer Künstlerin, als Asylsuchender nach Dortmund und kehrte drei Jahre später zurück in den Iran zu seinem Vater. Lebensphasen, die ihn prägten. 1998 emigrierte er schließlich nach Deutschland, zog nach Berlin, wo er Kulturprojekte mit Jugendlichen in Kreuzberg organisierte, bevor er 2004 ein Medienkunst-Studium an der Universität der Künste bei Katharina Sieverding begann. Er war Meisterschüler 2009, studierte dann zwei Jahre Filmkunst in New York, war seitdem in Ausstellungen wie etwa dem Berliner Herbstsalon des Gorki-Theaters vertreten.

Abschied von Brigitte Mira

Das Migrieren zwischen realem und fiktivem Leben ist Feizabadis Ausdruck von Zeitgenossenschaft. Mit seinen Filmen will er Dramen erzählen, Emotionen wecken, ein größeres Publikum unterhalten. Die Kunst versteht er als Analyse, als einen Fokus auf Details. Er möchte Wege finden, Geschichten abzukapseln und sie durch poetische und experimentelle Ausdrucksformen darzustellen. Layla und Majnun sterben, aber durch die Kunst des Geschichten­erzählens bleiben sie lebendig. In der Multi­media-Installation „Brigitte Na-Mira“ hat Azin Feizabadi einen Sarg für die tote Schauspielerin in den Ausstellungsraum hineingebaut, als Reflektion über Sterblichkeit und Unsterblichkeit. Denn „Mira“ bedeutet auf persisch sterblich und „Na-Mira“ unsterblich. Auf das Grab hat er Blumen gepflanzt, die im Verlauf der Ausstellung erblühen. So befindet sich auch die künstlerische Arbeit im Prozess des Werdens.

Bis 24.3.: Galerie Wedding – Raum für zeitgenössische Kunst, Müllerstr. 146/147, Wedding, Di–Sa 12–19 Uhr, Eintritt frei