»Für eine Weltstadt ist das traurig«

Bäder-Chef Ole Bested Hensing im Interview

Der neue Bäder-Chef Ole Bested Hensing über Service, neue Preise und Panzerglas

Sie haben beim Amtsantritt gesagt, die Berliner Bäderbetriebe seien die unattraktivsten in ganz Europa …
… das stimmt auch.

Das muss ja ein ganz schlimmer Job sein, den Sie jetzt haben.
Im Gegenteil. Wenn alles gut wäre, könnte man ja nichts mehr verändern. Es ist noch viel verbesserungsfähig.

Was genau?
Man muss nur mal sehen, dass die Berliner im Vergleich zu anderen Bundesländern wenig baden gehen, im Schnitt 1,7 Mal im Jahr, in anderen Bundesländern gehen die Menschen doppelt so oft. Die Struktur stimmt nicht. Wir haben reine Sportbäder. Wir brauchen kein riesiges Spaßbad wie das Tropical Islands. Aber wir brauchen kombinierte Bäder, wo man an größeren Standorten mehr Angebote hat: für Familien, mit Wellness, aber im Sinne der Daseinsvorsorge.

Morgens und abends sind die Bäder immer schon so voll, dass man kaum richtig schwimmen kann. Wie wollen Sie da die Auslastung erhöhen?
Kapazität und Wasserfläche sind ausreichend vorhanden. Aber die Verteilung stimmt nicht. Weil der Eintritt bislang morgens und abends günstig ist, kommen dann auch die Rentner und Arbeitslosen, die auch tagsüber kommen könnten. Außerdem habe ich mich sehr gewundert, dass die Bäder sonn- und feiertags geschlossen sind, also gerade dann, wenn alle Zeit haben.

Ihr neues Tarifsystem sorgte aber eher für mehr Verwirrung.
Es bleibt dabei: Wir machen Daseinsvorsorge. Und die Einkommensschwachen müssen weiter versorgt werden, aber sie müssen ja nicht zur gleichen Zeit baden wie die Berufstätigen.

Haben Sie selbst ein Lieblingsbad?
Ja, mehrere: das Stadtbad Neukölln oder Spandau Nord zum Beispiel sind historische schöne Bäder.

Sie gehen also selbst richtig schwimmen.
Ja, ich komme aus dem Leistungsschwimmen und bin auch Rettungsschwimmer.

Welche Disziplin?
Brust 50 Meter.

Welche Zeit?
Das sage ich nicht.

Warum haben Sie aufgehört?
Wenn man das leistungsmäßig betreibt, ist Schwimmen eine einsame Sportart. Als 16, 17-Jähriger war das nichts mehr für mich. Deswegen habe ich von einem auf den anderen Tag aufgehört.

Das heißt, die Menschen, die morgens ihre Bahnen ziehen, muss man sich als einsame Menschen vorstellen?
Das ist ja das Interessante: Das sind zwei Gruppen. Die einen machen das aus sportlichen und gesundheitlichen Gründen. Und die anderen sind Senioren, die dort eher Geselligkeit suchen. Die schwimmen auch ihre Bahnen, wollen aber dann eher quatschen und Kaffee trinken. Auch da können wir noch einiges tun, um die Bäder attraktiver zu machen.

Sie sprachen zum Beispiel vom Service. Wenn man die Kassierer hinter der Scheibe sieht, hat man das Gefühl, man betritt einen Hochsicherheitstrakt.
Die Scheiben ärgern mich total. Wir sind ja keine Bank.

Banken haben heute auch kein Panzerglas mehr.
Ja, das müssen wir in Angriff nehmen. Aber ich kann umgekehrt schlecht eine Dienstanweisung geben: Du musst freundlich sein! Das muss man vorleben. Wir müssen einen Teufelskreis durchbrechen, damit sich die Angestellten mit ihrem Betrieb identifizieren.

Woran liegt das? Ist das Teil der Berliner Schnauze?
Ich glaube, das ist ein Problem der öffentlichen Verwaltung. Ich merke schon, dass alles sehr eingefahren ist. Das fängt ja schon mit Anreizen an. Im Tropical Islands konnten wir eine Kassiererin, die angeschlagen war, mal ein paar Tage nach Teneriffa schicken. Es muss ja nicht Teneriffa sein, aber so etwas geht in der öffentlichen Verwaltung nicht. Auch die diskriminierungsfreie Auswahl führt nicht dazu, dass ich die freundlichsten Mitarbeiter bekomme, sondern eher die, die auf dem Papier die besten Noten im Saubermachen haben.

Die Fremdsprachkenntnisse sind ja auch oft dürftig.
Für eine Weltstadt ist das schon traurig. Auch die Internetseite ist ja nicht mehrsprachig. Die muss künftig mindestens auf Deutsch, Englisch und Türkisch sein. Und das Personal sollte auch Englisch sprechen. Der Kunde freut sich ja schon, wenn sich jemand Mühe gibt, die Sprache auch nur bruchstückartig zu sprechen.

Die Berliner Bäderbetriebe sind die größten in Europa. Schlussfolgern Sie, dass Sie das Angebot verknappen müssen. Es kursierte bereits eine Streichliste mit 14 Bädern.
Eine Streichliste hatten wir nie. Aber wenn der Senat für den derzeit festgelegten Zuschuss das Angebot an Kapazität haben will, dann müssen wir sicher umorganisieren, größere Bäder bauen und andere vielleicht schließen. Außerdem sind Sanierungsarbeiten oft teurer als die Schließung und der Neubau. Bevor wir wieder halb Berlin für eine Sanierung schließen, will ich lieber ein neues Bad bauen, zum Beispiel dort, wo wir bereits ein Sommerbad haben. Und wenn das fertig ist, können wir das alte schließen. In der Summe der Bäder ändert sich nichts.

Haben Sie eine Idee, wo so ein neues Bad entstehen könnte?
Ganz viele. Ich will auch die Betriebsleiter vor Ort mehr anregen, dass Sie sich etwas einfallen lassen. Der Leiter des Stadtbads Wannsee hatte zuletzt die Idee, im Winter einen Weihnachtsmarkt zu veranstalten. Das wäre doch mal was.