WAS MICH BESCHÄFTIGT

Bäume. Im frühen Herbst

Es gibt Ereignisse, die male ich mir nicht in den übelsten Albträumen aus, auch wenn sie ein persönliches Problemchen lösen, wie den Anfang für einen Text über Bäume zu finden. Um diesen Anfang bin ich lang herumgeschlichen, und wirklich, genau als ich endlich die Datei öffnete, kamen über Twitter die Bilder von den Feuern im Amazonaswald. Es sollen die schlimmsten Brände seit sieben Jahren sein, verursacht von Trockenheit und Brandstiftern, gut geheißen vom brasilianischen Präsidenten.

Der Anfang des Textes steht also, doch eigentlich soll es hier um Berliner Bäume gehen. Denn der Spätsommer ist ja mit Brombeeren und einem letzten Bad im See eine wunderbare Zeit. Seine Freuden werden jedoch 2019 getrübt von Bäumen, die schon jetzt aussehen wie sonst ab Mitte September. Weil mich das beunruhigt, haben ein Kollege und ich recherchiert. Hier die Ergebnisse in erratischer Reihenfolge.

Es gibt rund 430.000 Berliner Straßenbäume. Jeder einzelne davon ist auf einer digitalen Karte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eingezeichnet. Laut Zustandsbericht von 2015, also vor den zwei jüngsten Rekordsommern, lag der Anteil nicht geschädigter Straßenbäume der Innenstadt bei 52 Prozent. Der „Kurier“ berichtet, seit 2005 seien 71.000 Straßenbäume gefällt, aber nur rund 38.000 neu gepflanzt worden. Während wir lasen und tele­fonierten, kamen die Nachrichten von den Waldbränden aus Gran Canaria, 8.000 Menschen sollen evakuiert worden sein.

Friedrichshain und Kreuzberg suchen Pflanzflächen

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sucht seit Mitte August Freiflächen zur Bepflanzung. In Berliner Wäldern arbeiten derzeit Förster*innen an dem Zustandsbericht, der im Herbst veröffentlicht wird. „65 Prozent Blattverlust“ seien das Ende eines Baumes. Im Bestand Berliner Straßenbäume wiederum, so heißt es aus der Umweltverwaltung, ließen sich ­keine Auffälligkeiten feststellen, allerdings würden keine „klimabezogenen Abhängigkeiten“ der Bäume erfasst.

©cwa

Meine Augen berichten Folgendes: Die Birken an der Bülowstraße sind gelb. Die Trauerweiden am Urbanhafen: oben kahl. Mehltau in Tiergarten und Viktoriapark. Junge Robinien im Gleisdreieckpark lassen gelbe Blätter fallen. Braune Lindenkronen überall. Auch an Orten ohne Extra-Schadfaktoren wie Urin, Streusalz und Abgase wie im Garten von Verwandten: die alten Kiefern, seltsam licht und braun. Selektive Wahrnehmung, vielleicht.

Mein Unbehagen führt zu Kompensationshandlungen. Sie zu nennen ist mir etwas peinlich, gelten Baumfreundinnen in meiner Kulturblase doch als Esoterikerinnen, ähnlich jener Dame in den Comicstrips des Zeichners Tom, die ­einen Stamm umarmt. Zwei seien hier aber aufgeschrieben: Die Linde vor meiner Haustür gieße ich mit Brauchwasser vom Gemüseputzen, und aus Kernen von Zitronen und Mangos ziehe ich Bäume, von denen einige Brusthöhe erreicht haben. Sehr niedlich. Die letzten Mangos dieses Sommers keimten, als Satelliten­fotos die Brände in der Taiga zeigten.

Foto: F. Anthea Schaap
Claudia Wahjudi. Foto: F. Anthea Schaap

Die nächsten Schritte sind logisch, aber ich weiß nicht, ob sie mir gelingen. Geld spenden, etwa für neue Waldstrecken in Niedersachsen und Thüringen. Dabei ist das easy, gemessen an Schritt zwei und drei: den Arbeits- und Familienplan ausmisten, Zeit für Engagement finden. Und entscheiden, welcher Art das sein soll.
Dieser Text hat einen Anfang, aber kein Ende. Aber im besseren Fall findet er eine zufriedenstellendere Fortsetzung.