Die Faszination des Grauens

Baumblütenfest in Werder

Das Baumblütenfest in Werder ist eines der größten Volksfeste Deutschlands. Zu DDR-Zeiten wegen der Schlägereien verboten, ist es heute ein Beleg, wie schön das Leben vor den Toren Berlins sein kann. Unser Autor hat mitgetrunken

Am besten schreibt man einen Text über ein Fest direkt im Anschluss, wenn die Eindrücke noch frisch sind und die Benebelung auch. Dann denkt man an die Menschen, die man gerade sah, an große Bierkrüge und tiefe Dekolletés. Zugegebenermaßen gibt es verschiedene Feste, manche sind mehr oder weniger wild. Als etwa vor zwei Jahren die Deutsche Oper Berlin ihren 100. Geburtstag feierte, sang man beim Festkonzert „Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder“ aus der Wagner-Oper „Tannhäuser“. Da kann man sich vorstellen, wie die ­Party an diesem Abend verlief.
Ganz anders natürlich in Werder, Brandenburg, gleich hinter Potsdam, wo in diesem Jahr zum 135. Mal gefeiert wurde, dass die Bäume im Frühling blühen: Dort sind gleich mal Hunderttausende Menschen zu Gast, Hunderte Stände schenken aus, verramschen Zeugs und verkaufen Leckeres. Auf drei großen und mehreren kleinen Bühnen wird gesungen und davor tanzen Menschen, als sei dies der Tag des Jahres ­– und vielleicht ist er das auch.

Zu DDR-Zeiten war das Baumblütenfest eine Zeit lang verboten, weil es so viele Schlägereien gab, und auch heute steht die Feier noch für alles, was man in der nahen Hauptstadt allzu gerne meidet: für Piefigkeit, Provinz und Proletariat.
In diesem Text wird also noch viel Bier auftauchen und sehr viel Wein und stramme junge Menschen, die das alles trinken und deswegen bald nicht mehr so stramm sind oder erst recht – und die eigentlich einen ganz erbärmlichen Anblick abliefern werden. Irgendwann werden diese jungen Menschen auch nicht mehr jung sein und sich dann trotzdem mit Wonne dieser trunkenen Nächte in Werder erinnern. Denn so ein großes Volksfest ist das beste Legendenmaterial, das sie weit und breit finden können; ein guter, treuer Freundeskreis kann mit den Anekdoten von einem Fest allein einen ganzen Abend füllen.


Bühnen, Bier und Brüste

Das fängt schon immer bei der Ankunft an. „2014 war der Tod“, könnten etwa die zwei Frauen in der Zukunft sagen, die gerade vor dem Obstwein-Stand direkt am Bahnhof stehen. „Da hatten wir noch am Bahnhof zwei Flaschen von diesem Erdbeer-Wein geholt – und das war das Ende“, könnte die Blonde erzählen, die sowieso etwas lauter und wortgewandter ist als ihre brünette Nachbarin. „Obwohl wir ja noch überlegt hatten: eine oder zwei Flaschen? Und der Verkäufer hat noch Witze gemacht: ‚Nehmt eine Flasche, Mädels, und trinkt die in der Sonne – dit reicht ooch‘, hatte der gesagt und das hätten wir mal lieber machen sollen.“ Aber die zwei Frauen lassen sich nicht beirren. Sie nehmen zwei Flaschen, gehen ein Stück den Weg hinab und stoßen dort zusammen mit ihrem Begleiter an: „Auf ein schönes Fest!“ Für den Begleiter gibt es noch einen Knutscher von der Brünetten.

Das Festgelände ist verteilt über die ganze Stadt, aber die wichtigsten Attraktionen, die Bühne von BB-Radio etwa oder die von 104,6 RTL oder der Jahrmarkt oder die schöne Seepromenade, liegen auf einer Insel in der Havel. Dort will man hin und dort wollen auch die Hundertschaften hin, die gerade aus dem Regionalexpress aus Berlin und Potsdam aussteigen. Die Polizei kontrolliert alle Taschen: Glas sieht man nicht gern, fremden Alkohol auch nicht. Seit das Fest im letzten Jahrzehnt immer mehr zum Ballermann an der Havel ausartete, begannen die Aufseher durchzugreifen. Natürlich ist das auch gut für die lokalen Obstweinstände, für Detlef Klaus etwa.    Detlef Klaus ist so ein Typ, der kennt am Ende des Tages sehr viele Besucher und alle Besucher kennen ihn. Denn Detlef Klaus verkauft selbst gemachten Obstwein in seiner Auffahrt und preist ihn mit einem so durchdringenden Ruf an, dass dessen Melodie und Wortwahl garantiert in Erinnerung bleiben. Der Ruf geht so: „Lecker, lecker, lecker, lecker, lecker, lecker.“ Klaus sagt „lecker“ tatsächlich sechs Mal. Und ab und zu auch: „Wer einmal leckt, der weiß, wie es schmeckt.“ Und so etwas geht natürlich runter wie der süße Wein, den die Menschen aus Werder hier verkaufen: Banane, Rhabarber, Erdbeere, Apfel, Schwarze Johannisbeere.
An einem Stand etwas die Straße hinab sind die Sorten gleich, aber die Weine heißen anders: „Kavalier“, „Schlüpferstürmer“, „Männerfalle“, „Samtstängliger“. Schwarze Johannisbeere ist auf jeden Fall richtig gut. Von Zeit zu Zeit geht Klaus mit seiner kleinen Digitalknipse los und fotografiert seine Gäste, die an den Rundtischen vor seinem Stand stehen. Die entwickelten Fotos hängt er dann an eine Wand neben seinem Stand. Klaus’ Sohn Daniel sagt, dass sein Vater am Abend meist keine Stimme mehr habe – und dass sein Großvater gerade mit dem Fahrrad unterwegs sei, aber der das eigentlich gar nicht leiden könne, weil immer alle im Weg seien, und dabei habe der Opa doch ein Fahrrad so breit wie ein Panzer.
Panzer. Was es nicht alles gibt auf so einem Volksfest: Brüste, Bier, Panzer. Also: Opa suchen, das Fahrrad sehen, das so breit sein soll wie ein Panzer. Zu diesem Zweck wieder hinein in den Strom der noch Nüchternen, die gerade vom Bahnhof kommen und mit grünen Brillen, gelben Hüten und Kunst-Blüten um den Hals an den Älteren vorbeiziehen, die von der Eröffnung des Festes kommen und den Platz räumen für die Jungen.

An der Straßenseite hängt eine Gruppe sehr junger Jugendlicher herum und wartet auf versprengte Freunde. Ihre Gesichter sind rund und rosig wie die Welt in Kinderzeiten. Ein Mädchen raucht und trinkt Bier, was ein Polizist bemerkt und sie daraufhin zur Rede stellt. Er untersucht die selbst gedrehte Kippe. Es ist kein Joint. Der Polizist sieht aus wie der junge Leonardo Di­Caprio, aber eher wie der DiCaprio aus „Unser lautes Heim“ denn aus „Titanic“. Der Polizist redet und redet, und klar, die Kids werden genervt davon, schließlich sind sie hierhergekommen, um nicht schon wieder belehrt zu werden, und vor allem: Warum redet der denn so lange? Einem Schlaksigen mit verschlagenem Blick und zu langen Armen reicht es nach ein paar Minuten. Er sagt zu dem Polizisten das, was alle denken, sich aber niemand traut zu sagen: „Sie sind doch selbst erst 18!“ Der Satz flutscht aus ihm heraus wie ein Bonbon, das man zu nah an die Lippen geführt hat. Man sieht, dass der Bulle darauf keine Antwort weiß, um Haltung ringt.


Das kleine Glück

Dann treffen die anderen Freunde ein. Sie starren den Polizisten an. Jetzt geht er und die Gruppe bricht auch auf. Der Schlaksige ist richtig stolz, von seinem Mut werden sich die anderen noch später erzählen, an jenen Abenden voller Anekdoten. Hinter der Gruppe läuft allein ein junger Mann, jung, aber definitiv noch ein Teenager. Er sieht nicht sehr angetrunken aus. Als zwei Frauen, vielleicht Mitte 30, vorbeilaufen, mustert er sie ausgiebig. Sie sehen gut aus, sind aber eigentlich nicht besonders auffällig. Der Typ nickt einer der beiden Frauen zu und sagt anerkennend: „Geil!“, woraufhin ihre Freundin ihn zurechtweist: „Ey, sach ma, Kollege!“, aber sie nur verschmitzt grinst: „Danke!“
Der Opa ist nirgendwo zu sehen, niemand fährt hier Fahrrad. Das würde auch keinen Spaß mehr machen, denn je näher man der Insel mit ihren zwei Bühnen und dem kleinen Jahrmarkt kommt, desto dichter wird der Strom an Menschen – und desto älter.
Das Baumblütenfest ist definitiv kein Brandenburger Rimini für junge Sauftouristen. Viele Kinder sind da, ältere Herren, grauhaarige Damen, junge Familien und eine Schwangere mit ihrem Freund. Die beiden tanzen vor der Bühne von Antenne Brandenburg: Sie hat einen blonden Zopf, ein freundliches Gesicht und unter ihrem grünen Shirt wölbt sich ihr kleiner Bauch. Es ist kurz vor sechs Uhr abends. Die Sonnenstrahlen fallen schräg auf den Boden, es ist warm, niemand prügelt sich, die Bäume blühen tatsächlich, und es ist schön, und wegen dieser Blüten ein Fest zu veranstalten, fühlt sich richtig an. Menschen sitzen auf Bierbänken, haben große Krüge vor sich. Sie rauchen, schnattern, sind zufrieden; von den Seiten strömen immer mehr vom Bahnhof hinzu. Aus den großen Boxen kommt „Human“ von The Killers. Ein Radio-Hit, ein schwärmerischer Song.

Man hat das alles hier schon hundertmal erlebt. Die Geselligkeit, das Gläserklirren, das Gedudel von fernen Bühnen, das kleine deutsche Glück an einem warmen Abend. „„And sometimes I get nervous when I see an open door // Close your eyes, clear your heart, cut the cord“, heißt es in dem Lied, und die Schwangere tanzt mit ihrem Freund einen Discofox. Sie lacht und er ist ganz sanft.
Vor den zweien albern zwei große Kerle herum, sie tun so, als würden sie tanzen, bei einer Pirouette verliert einer seine Sonnenbrille, der andere hebt sie auf, sie stoßen an und – Gott, ist das alles schön, so etwas will man sehen. So etwas kann man sehen, aber nur, wenn man hingeht – und das ist natürlich alles harter Kitsch, aber so war es schon immer auf Volksfesten und so wird es immer sein, und was soll man da machen. Prost.

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