Die laute Eminenz

Beat Gottwald

2011 war sein Jahr. Und 2012 könnte erst recht sein Jahr werden. Doch wer ist eigentlich Beat Gottwald?
Ein Besuch bei Berlins einflussreichstem Musikmanager

Hier, im Hinterhof eines gewöhnlichen Wohnkomplexes im Kreuzberger Wrangelkiez soll sie also liegen: Die Schaltzentrale, von der aus die deutsche Popmusik im Jahr 2011 aufgemischt wurde. Der rote Klinkerbau ist das Hauptquartier von „Beat the Rich“. Die Firma managt mit K.I.Z., Casper und Kraftklub drei der derzeitig wichtigsten Künstler der urbanen Musikszene in diesem Land. Ihren Namen hat die Agentur von ihrem Chef: Beat Gottwald.

Ein mittelgroßer Typ ist Gottwald. Leicht vorgeschobene Schultern, etwas schluffig. Einer, der laut über die eigenen Witze lacht. Das grinsende Gesicht versteckt der 32-Jährige hinter einem rotbraunen Vollbart. Meist sitzt er hinter seinem 21-Zoll-Bildschirm, links und rechts davon zwei riesige Boxentürme.

Der Signalton von versendeten E-Mails fliegt durch den Raum. Es wird viel telefoniert und gelacht und noch mehr geraucht. Das Tagesgeschäft ist in vollem Gang: Der eine Künstler wird zu einer Talkshow eingeladen, die Pressemitteilung zum Tourauftakt des anderen muss gegengelesen werden, hier stimmt eine Formulierung nicht, da muss noch eine Absage raus. Beat wird grummelig, der Groll legt sich aber schnell wieder. „Ich schreibe manchmal sehr harte Sachen und probiere dann im zweiten Durchlauf, die Mails noch etwas zu verschönern, damit es freundlicher klingt“, lacht er, und wenn er lacht, bewegt sich sein ganzer Körper im Takt auf und ab. Dann greift er in den Haufen lose herumliegender Glimmstengel auf seinem Schreibtisch und steckt sich noch eine Zigarette an.

Beat Gottwald, der wirklich so heißt, arbeitet seit über zehn Jahren in der Musikindustrie. Eine goldene Schallplatte an der Wand kündet von seiner Vergangenheit: Gerahmt hängt dort „The Marshall Mathers LP“ von Eminem. Die wurde im Jahr 2000 stolze 16 Millionen Mal verkauft, es waren goldene Zeiten für die Musikindustrie damals. Auf der goldenen Plakette steht der Name Beat Gottwald. Damals hat er für den Entertainmentkonzern Universal gearbeitet, heute auf eigene Rechnung.

Den Durchbruch von Casper lanciert

Es sind andere Zeiten. Aber Gottwald hat bewiesen, dass er einer der findigsten Musikmanager in diesem Land ist. Im Jahr 2011 hat er den Durchbruch von Casper auf Platz Eins der deutschen Charts lanciert, und Ende Januar wird das Debütalbum der Chemnitzer Band Kraftklub erscheinen, die als kommendes heißes Ding gehandelt werden. Außerdem bei „Beat the Rich“ unter Vertrag: Die Berliner Rap-Truppe K.I.Z., die er nicht entdeckt hat, die aber schon seit Jahren erfolgreich ist. Niemand sonst in diesem Land betreut momentan so viel spannende Musik wie Gottwald.

Geboren wird Beat Gottwald vor 32 Jahren in Florenz. Der Vater war Professor an der dort ansässigen Europa-Universität und sein Sohn wurde, wie er es formuliert, zu einem „klassischen Umzugskind“. Nach Stationen in Bonn, Ulm und Lüneburg ging Gottwald auf ein niedersächsisches Internat. „Die schlechteste Schule Deutschlands“, sagt er. „Das war wirklich grausam. Nachts wurde man geweckt, weil die Zimmer durchsucht wurden. Erst neulich kam heraus, dass der Chemielehrer selber jahrelang Drogen hergestellt und verkauft hat.“ Mit 17 fliegt Gottwald von der Schule, weil er den Leiter „Blockwart“ nennt.

Rückzug aufs Regionale

Er zieht nach Hamburg und veranstaltet mit einem Freund erste Hip-Hop-Partys. Nach einem Praktikum bei Motor Music in Berlin, einem Sub-Label von Universal Music, steigt er beim Branchenriesen zum Produktmanager auf und betreut Rapper wie Eminem, Talib Kweli oder 50 Cent. Aber so groß die Namen auch waren, die eigentliche Arbeit unterlag den festen Gesetzen der Musikindustrie: „Wir waren weder für Artwork noch irgendwelche Videos zuständig. Außerdem war man meist viel zu spät dran und alle hatten sich die Alben schon über Import in den USA bestellt. Sicherlich haben wir auch mal ein paar coole Sachen gemacht, aber auf die Dauer hat es einen nicht gefordert.“

Gottwald wechselt vom internationalen Management in die Domestic-Abteilung von Universal. Das bedeutet, er kümmert sich fortan um deutsche Bands wie Muff Potter oder Virginia Jetzt!. Plötzlich trifft er die Künstler, die er betreut, auf Augenhöhe, aber dennoch geht er nach gut zehn Jahren zur Konkurrenz nach München. Doch auch Sony BMG verlässt er nach nur drei Monaten wieder: „München war nie meine Stadt. Klar, die Leute waren nett – aber das war nicht meine Welt.“

Seine Welt war Berlin. Dorthin geht er 2007 zurück und gründet seine eigene Agentur. Er will anders arbeiten als die Industrie, bei der er das Geschäft gelernt hat, langfristiger, nachhaltiger und vor allem ehrlicher. „Wenn du dich nicht mit deinem Künstler streiten kannst“, grinst Gottwald, „dann bist du nicht der richtige Manager für ihn.“

K.I.Z. sind die ersten, die sich auf diese Streitkultur einlassen wollen und sich von ihm verpflichten lassen. „Eine Band, die meinem Charakter entspricht und überall aneckt“, sagt Beat über das Quartett, dessen rüder Humor immer noch Missverständnisse hervorruft. „Die laufen bis heute kaum im Radio, aber sie machen immer ihr eigenes Ding.“ Trotzdem landet jedes K.I.Z.-Album in den Top Ten und das letzte, „Urlaub für’s Gehirn“, stieg im vergangenen Sommer sogar auf Platz 4 ein.

Die Arbeit am Konzept

Mitten im Büro liegt auf einem Tisch ein Haufen mit Musik-Magazinen. Auf den Titelseiten Casper oder Kraftklub. Noch auf den hinteren Seiten die anderen Gruppen, die bei „Beat the Rich“ unter Vertrag sind: die Neon-Trash-Punk-Gören Die Toten Crackhuren im Kofferraum, der Nerd-Rapper Rockstah oder WassBass. An einer Wand hängt ein großes Poster mit den Album-Charts von Ende Juli: Es ist die Woche, in der Casper mit seinem Album „XOXO“ auf dem ersten Platz eingestiegen ist. Mittlerweile steuert der aus Bielefeld stammende, aber nun auch hier in Berlin lebende Rapper die Marke von 100.000 Einheiten und somit den Goldstatus an. „Bei ihm hat am Anfang noch das musikalische Konzept gefehlt“, erinnert sich Gottwald an die Entstehungsgeschichte des Albums, das nach seinem Erscheinen von der Kritik als Rettung des deutschen Hip-Hop gefeiert wurde.

Aus dem Nachwuchs-Rapper Casper wurde mit „XOXO“ nach großen Geburtswehen der Musiker Casper, der Rap und Indie-Rock erfolgreich zusammen geführt hatte: Musikalisch wagemutig, inhaltlich authentisch und somit ein Ausweg aus der Sackgasse, in den der Gangsta-Rap das Genre manövriert hatte. „Natürlich gab es da die Angst, dass er ein paar seiner alten Fans verliert“, analysiert Gottwald. „Aber man gewinnt auch neue. Das ist der Mut, der vielen Bands fehlt – gerade in dieser Szene.“

Casper war es auch, der „Beat the Rich“ auf Kraftklub aufmerksam machte. Die fünf Jungs aus Chemnitz schrieben nicht nur knackige Songs zwischen Punk und Rap, sondern kamen dank eigener künstlerischen Vision bereits mit einem Gesamtpaket aus Image und Sound in der Agentur an. „Da hat man eher Einfluss auf die äußeren Umstände und bringt die Band mit Leuten zusammen, die ihr gut tun“, sagt Gottwald.

Ein Ruf als Choleriker

Hinter Gottwalds Rücken führt eine Tür in sein Schlafzimmer. Wenn er dort nicht schläft, ist er in der Szene unterwegs: Kaum ein Konzert, eine Release-Party oder eine Label-Feier in den letzten zwölf Monaten, auf der er nicht anzutreffen gewesen wäre. Anders geht das wohl nicht, so ein Job. „Das ist wie eine kleine Droge, wenn statt fünf Leuten 100 zu einem Konzert kommen“, erklärt er seine Motivation, „darum macht man das.“

Aber geht es nicht an die Substanz, wenn der Schreibtisch quasi im Nachtleben steht? „Wenn es einem so einen Spaß macht, empfindet man es nicht als Arbeit“, grinst er zwischen zwei Zügen an der Zigarette. Das Netzwerken ist nötig. „Natürlich lernt man da Leute kennen, aber Du lernst auch 90 Prozent Leute kennen, die nur Scheiße reden.“

Gottwald liebt klare Töne. Auch wenn man mit ehemaligen Kollegen oder Künstlern spricht, entsteht schnell der Eindruck, Gottwald sei weniger eine graue, als eine laute Eminenz im Hintergrund. Der Ruf des Cholerikers eilt ihm voraus. „Natürlich hat mich meine laute Art weit gebracht“, gibt er zu, „aber es gibt dann auch Momente, wo man damit tierisch auf die Fresse fällt.“ Manche Menschen, sagt er, hätte er sich wohl lieber warm halten sollen: „Aber das ist Schleimscheißerei und da hab ich keinen Bock drauf.“ Bock hat Beat Gottwald vor allem auf eins: Musik.

Weitere Informationen: „Mit K“, das Debüt von Kraftklub, erscheint am 20. Januar, Casper spielt am 16. März in der C-Halle

 

Die großen Drei:

Mit diesen Acts wurde Beat Gottwald zum heißesten Manager des Landes

K.I.Z.

Wer K.I.Z. nicht kennt, hat noch nie heimlich an der Tür zum Kinderzimmer gelauscht. Dort nämlich, bei 15-jährigen Gymnasiastinnen, erfreuen sich die Reime der „Kannibalen in Zivil“ (eine von vielen Deutungen des Namens) größter Beliebheit. So konsequent übertreiben die Berliner alle Rap-Klischees, dass sie als Elternschreck ebenso funktionieren wie als Hip-Hop-Comedy mit Meta-Ebene. Entdeckt vom Berliner Rap-Impresario Markus Staiger, landeten K.I.Z. nach dem Ende von dessen Label Royal Bunker bei „Beat the Rich“.

Casper:

Hardcore-Punk war fast so tot wie deutscher Rap. Dann kam Casper, wiederbelebte beide auf „XOXO“ durch Fusion und wurde zum neuen Helden der Indie-Kids. Die monatelange Vorfreude darauf war fast noch schöner als das Album selbst – und vor allem meisterhaft inszeniert und in den Medien platziert von „Beat the Rich“. Nicht einmal „Die Zeit“ fühlte sich verarscht: „Intelligenter Rap ist möglich.“

Kraftclub:

Der nächste Coup steht kurz bevor. Am 20. Januar erscheint das Debütalbum der Chemnitzer Combo, die nicht nur brachialen Rap mit noch brachialeren Gitarren-Riffs versöhnt, sondern auch noch ein verdächtig schlüssiges visuelles Konzept im Angebot hat, das TV-Auftritte in Ganzkörperbemalung beinhaltet. Kraftclub werden das ganz große Ding, da darf man sich auf Beat Gottwald verlassen.