Pop Art Columbia

Beatriz Gonzáles : Ornament und politische Verbrechen

Die Kunst-Werke zeigen eine umfassende Werkschau der kolumbianischen Künstlerin Beatriz González

Man mag es kaum glauben. Aber es gibt sie, die Künstler und Künstlerinnen, die fernab vom Kunstrummel ein bemerkenswertes Werk geschaffen haben und denen, einmal mehr oder weniger zufällig entdeckt, der späte Ruhm zwar eine gewisse Genugtuung verschafft, doch eigentlich schnuppe ist.

Foto: Frank Sperling
Beatriz González: Decoración de Interiores, 1981, Installationsansicht in der Ausstellung Retrospective 1965–2017, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2018, Foto: Frank Sperling

Eine solche Grande Dame der Bildenden Kunst ist gerade in den Kunst-Werken zu finden. Die seit dem 14. November 80-jährige Malerin Beatriz González genießt in ­ihrem Heimatland Kolumbien eine so hohe Anerkennung wie ihr Landsmann Botero. Außer­halb ihres Landes wurde die Künstlerin erst durch ihre Beteiligung an der Ausstellung „The World Goes Pop“ in der Londoner Tate Gallery 2015 international beachtet. Doch jetzt erst macht eine Retrospektive, die von Madrid über Bordeaux nach Berlin in die Kunst-Werke tourt, die Künstlerin ­einem breiteren Publikum bekannt. In Berlin wird die Werkschau von Kunst-Werke-Chef Krist Gruijthuijsen und Maria Inés Rodriguez verantwortet, der in Kolumbien geborenen und 2018 unter Protesten entlassenen Direktorin des Kunstmuseums Bordeaux.

Pop Art in Südamerika

Warum kommt diese Schau erst jetzt? Beatriz González ist Zeit ihres ­Schaffens ­einer eigenwilligen, eingängig figurativen Malerei treu geblieben. Mitte der 1960er-Jahre hat sie diese mittels Appropriation von Zeitungsausschnitten und Anleihen an die US-amerikanische Pop Art entwickelt und mit den Jahren in plakativ-flächigen Formen ins Zeichnerische und Zeichenhafte erweitert. Dabei hat sie nie Kunst um der Kunst willen betrieben, sondern ihre Arbeit auf die bis vor kurzem bürgerkriegsähnlichen, durch Gewalt, Mili­tärdiktatur und Drogenkrieg bestimmten Verhältnisse ihres Landes bezogen. Eine ihrer prägnantesten Bildfindungen zeigt die in kräftigen Farbflächen und flüchtigen Pinselstrichen charakterisierten Gesichtszüge eines jungen Paares. Fast ließe es sich als süßlich-bunte Landarbeiteridylle abtun. Doch „Los Suicidas del Sisga No 2“ von 1965 erinnert an einen Doppelselbstmord vor dem Hintergrund einer durch und durch verrohten Gesellschaft.

Sogar in ihren farbenfrohen Über­malungen von Flohmarktmöbeln, die sie seit den frühen 1970er-Jahren herstellt und die jetzt die große Halle der Kunst-Werke füllen, ist Gonzales dieser politisch engagierten Subversion treu geblieben. Denn die Möbel, auf die Gonzales dem Mainstreamkanon von Da Vinci bis Manet entnommene Bilder gemalt hat, konterkarieren und übersteigern in ihrer Alltäglichkeit allesamt ­deren bürgerlichen Bildungs- und Machtanspruch. Die Grenzen zwischen vergnügter Appropriation und politischem Statement, Theatersoffitte und Agitprop-Plakat, Ornament und politischem Zeichen wirken dabei fließend.

Dass jedoch eines ihrer zentralen ­Werke, „Auras anónimas“ von 2009/10, zum ­bloßen Dekor verkommt, weil Kurator und Kuratorin eine Fototapete von den Sarghäusern des Zentralfriedhofs Bogotás in die Hof­einfahrt der Kunst-Werke gehängt haben, hinterlässt einen schalen Geschmack nach einer sonst äußerst sehenswerten Ausstellung.

Bis 6.1.: Kunst-Werke (KW), Auguststr. 69, ­Mitte, Mi–Mo 11–19, Do 11–21 Uhr, 24.+31.12. geschl., 8/ 6 €, bis 18. J. und Do ab 18 Uhr frei

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