Der Ortstermin

Bei den Effektiven Altruisten

„Stellt euch vor, jeder von euch hat zehn Euro zur Verfügung, um damit Gutes zu tun“, beginnt Johannes Treutlein seinen Workshop Giving Game. „Würdet ihr das einem blinden Freund geben, damit er sich einen Blindenhund leisten kann?“ Ich halte das für eine gute Idee, werde aber gleich vom Referenten unterbrochen. Denn eigentlich gehe es meinem blinden Freund ja relativ gut. Und mit demselben Betrag könnte ich zehn Moskitonetze für ein afrikanisches Dorf kaufen und mutmaßlich zehn Kinder vor dem Malaria-Tod bewahren.

Moment mal: Zehn Menschenleben gegen eines abwägen – darf man das überhaupt?

Mitte November, Spreewerkstätten am Alexanderplatz, ein Kongress des Betterplace Lab, der Vordenker-Abteilung für digital-soziale Themen der gemeinnützigen Spendenplattform Betterplace.org. Unter dem Titel „Wenn Computer unsere Moral berechnen“ diskutieren einen Tag lang über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über rationale Grundlagen für moralische Entscheidungen. Einfach ist das nicht. Was nämlich, wenn die zehn soeben geretteten Kinder in Afrika tags darauf wegen Wassermangel tot umfallen? Mein blinder Freund hingegen würde in seiner Berliner Altbau-Wohnung den Hund wohl nicht verdursten lassen.

100 Huhnchen

Bei den Effektiven Altruisten geht es oft um Mathematik
Foto: Michael Metzger

„Im Grunde geht es immer darum, QALYs zu maximieren und DALYs zu reduzieren“, hilft  Johannes Treutlein mir aus der Klemme. QALYs, das ist die Zahl der „quality adjusted life years“, also die Zahl der Lebensjahre, die man mit einer Handlung verbessern kann. DALYs wiederum, „disability-adjusted life years“, ist eine Bezeichnung für ein Lebensjahr unter schlechten Bedingungen. Beide Begriffe kommen aus der Medizin-Ethik und setzen sich aus so vielen Faktoren zusammen, dass mir nach drei Minuten Erklärung der Kopf brummt.

Umso besser, dass es Computer gibt, die das alles mit Hilfe komplexer Algorithmen berechnen können. Menschen wie Johannes Treutlein sind überzeugt von computergestützter und durchrationalisierter Moral, und haben deshalb vor einigen Jahren in England eine philosophische Strömung gegründet: den Effektiven Altruismus. Was Deutschland betrifft, hat er vor allem in Berlin Fuß gefasst. Das diesjährige Betterplace Lab ist wie ein Klassentreffen der Szene. Die Psychologen, Mediziner, Unternehmer und Stifter wirken wie eine Kreuzung aus Woodstock und betahaus. Klar tragen viele Anwesende Öko-Klamotten. Das Essen ist vegan oder vom Brandenburger Bio-Hof, die Getränke zapfen die Gäste sich selbst in Bügelflaschen. Gleichzeitig fallen Worte wie „skalierbar“ und „disruptiv“, weil man ja dem etablierten Geflecht aus Spenden und Wohltätigkeit entkommen will.

Vieles im Effektiven Altruismus ist noch Grundlagenforschung. Nicht nur die Effizienz wohltätiger Organisationen, sondern auch das individuelle Engagement kommt auf den Prüfstand. Ausgerechnet in Berlin, wo es häufiger Demonstrationen gibt als Wochenmärkte, stellen die Idealisten die ketzerische Frage: Wäre der Welt nicht mehr geholfen, wenn alle Transpi-Träger und Steineschmeißer in einem gutbezahlten Job arbeiten und zehn Prozent des Einkommens spenden? Vielleicht ist die Stadt noch nicht reif für so viel Effizienz. „Wo bleibt denn da das Herz?“, entfährt es einer jungen Zuhörerin.  

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