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Bei den Feldlerchen

Wenn die Sonne viele Besucher aufs Tempelhofer Feld lockt, überlegt sich Rainer Altenkamp zweimal, ob er seiner Arbeit nachgeht. „Bei schönem Wetter lass ich’s einfach“, sagt der freiberufliche Biologe und Vorsitzende des Naturschutzbundes Berlin. Trotz wolkenverhangenem Himmel hat sich auch jetzt jemand gefunden, der Altenkamp aus der Ferne kritisch beäugt, wie er im abgesperrten Bereich durchs kniehohe Gras stakst. Die Leute seien oft entrüstet, wenn sie ihn sehen, sagt Altenkamp.

Denn die Berliner wissen: Im Gras brütet der heimliche Boss des Tempelhofer Felds – und der möchte nicht gestört werden. Zwischen April und Juli baut die Feldlerche hier ihre Nester auf dem Boden. Die Feldlerche war so etwas wie das Maskottchen der Bewegung gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes.

Sie ist einer der Gründe, warum hier immer noch ein Wiesenmeer liegt statt einer Riesen-Baustelle. Denn wäre gebaut worden, hätte die Stadt ihnen eine gleich große Ersatzfläche zur Verfügung stellen müssen. Jetzt bekommt der Vogel zur Brutzeit riesige Teile des Tempelhofer Feldes abgesperrt.


Wäre das Feld bebaut worden, hätte die Stadt dem Vogel eine gleich große Ersatzfläche abgeben müssen


Berlin tut richtig viel für sie – Die Feldlerche
Foto: Alpsdake, CC BY-SA 3.0,Wikimedia

Rainer Altenkamp verfolgt für die Stadt die Entwicklung des unscheinbar braun gefiederten Vögelchens. Mit Fernglas, GPS und Karte ausgestattet, notiert er alles, was durch ihn aufgeschreckt aus der Wiese auffliegt. Zur Brutzeit läuft Altenkamp jedes Jahr das komplette Feld ab, in Bahnen mit 50 Metern Abstand. Dauer: 70 Stunden.

Die Nester der Feldlerche verteilen sich über das gesamte Feld – die meisten sind jedoch in der zentralen Wiese, die mit rot-weißem Flatterband gesperrt ist. Dabei hört man die Feldlerche mehr, als dass man sie sieht. Die Männchen singen hoch oben in der Luft. Sie fühlen sich auf dem Tempelhofer Feld offenbar wohl. 2010 zählte Rainer Altenkamp 160 Brutpaare – im vergangenen Jahr waren es über 200.

Hier finden sie die Bedingungen, die sie lieben: weite Flächen ohne Büsche und Bäume sowie Wiesen, die nur einmal im Jahr gemäht werden.

„Die hatte Futter bei“, sagt Altenkamp, als einige Meter weiter eine Feldlerche landet und gleich wieder aufsteigt. Er notiert die GPS-Daten und setzt einen Punkt auf die Karte. Ein „F“ markiert die Feldlerche, ein Strich, dass sie vom Boden aufgestiegen ist, und ein Blitz den Warnruf an den Nachwuchs: „Sie hat ,trüt’ gemacht“, sagt Rainer Altenkamp.

Noch eine Feldlerche fliegt auf. Eine zweite ist sofort zur Stelle. „Er und sie“, sagt Altenkamp. „Wir stören hier offensichtlich ganz heftig.“ Behutsam rückt er zunächst mit dem Fuß, dann mit der Hand etwas Gras beiseite. Es ist nichts zu sehen. Die Nester, im Schnitt zwei pro Hektar, sind derart gut getarnt, dass Altenkamp nur selten eines findet. Wenn er doch mal eines sieht, ist das ein großer Moment. Die Vogelbabys, die aussehen wie Grasbüschel, findet er nämlich „richtig knuffig“.

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