Der Test

Beim Bier-Yoga

Yoga, dieses Eso-Irgendwas, soll in Kombination mit einem entspannenden Bier erst die wahre Wirkung entfalten

Loftus Hall, Neukölln: Ein schwerer, dunkler Vorhang, dahinter ein muffiger Raum, sonst als Club genutzt. Rechts am Tresen gibt es Bier, auf den Barhockern liegen Wechselklamotten. Ich hole mir zwei Flaschen und breite meine Yogamatte neben den anderen auf der Tanzfläche aus.

Bier und Yoga – der nächste durchgeknallte Das-ist-so-Berlin-Hype? Die Betreiber meinen das wirklich ernst: Yoga, dieses Eso-Irgendwas, soll in Kombination mit einem entspannenden Bier erst die wahre Wirkung entfalten. Das Ziel: maximale Körperbeherrschung. Hipstersport und Tresenehrlichkeit in seltener Harmonie.

Bilder

Vorturnerin Jhula, ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, zeigt den Biergruß, ähnlich dem Sonnengruß, nur halten wir hier unsere Flaschen in den nach oben gestreckten Händen. Auf Jhulas Anweisung „jetzt könnt ihr einen Schluck nehmen“ führe ich die Flasche zum Mund, würdige die Flüssigkeit in meiner Kehle. Von allen Seiten ein erfrischtes „Aaaah“. Dann Liegestütze, linkes Bein nach hinten ausstrecken, mit Schwung den Fuß zwischen die Hände stellen. Den rechten Arm nach oben strecken, aufrichten. Ein junger Mann im abgewetzten Shirt und schlabbriger Jogginghose fragt: „Wann können wir endlich wieder trinken?“ Jhula guckt streng.

Gerade, weil die Übungen so anstrengend sind, weiß ich die seltenen Schlucke zu schätzen. Das Bier wird von Minute zu Minute wärmer, aber immer erfrischender. Nächste Übung: Wir knien auf allen Vieren und heben die Flaschen nur mit dem Mund. „Gleich könnt ihr vielleicht schon merken, was der Alkohol mit eurem Körper macht”, warnt Jhula. Ich stehe auf, positioniere den rechten Fuß am linken Oberschenkel und balanciere auf einem Bein. Jhula stellt die Flasche auf ihren Kopf, streckt die Arme vom Körper und sagt „Taa-Daa“. Ich konzentriere mich sehr auf mein Getränk und schaffe es auch. Während der Stunde geht kein einziges Bier zu Bruch, nur drei werden verschüttet.

Zum Abschluss wird das Licht gedimmt, wir legen uns flach auf die Yogamatten, schließen die Augen, atmen tief durch. Auf Jhulas Ansage hin setzen wir uns und sagen dreimal mit meditativem Brummen in der Stimme: „Proooooooooost“. Mit einem Klatschen beenden wir die Stunde. Einige bleiben noch, trinken zu Ende, rauchen, warten darauf, dass ihre bierbefleckten Shirts trocknen. Mir kullert Schweiß die Stirn herunter, doch ich bin ziemlich entspannt. Aus mir wird zwar kein Yoga-Meister werden – aber zumindest weiß ich das Bier jetzt mehr zu schätzen. Jens Hollah

  Pegel: 0,2 Promille
  Preis:
5 Euro  (ohne Bier)
  Spiel/Spaß/Spannung:
inbegriffen
  Effekt:
wie betrunken Bodenturnen
  Erleuchtung:
negativ

www.bieryoga.de

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