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Beim Disrupt Populism Demo Day

Um dem Populismus dieser Tage etwas entgegenzusetzen, hat Carlo Thissen sich ordentlich zurecht gemacht. Der 24-Jährige trägt ein weißes Hemd, die obersten beiden Knöpfe sind offen, und mit den schwarzen Röhrenjeans und seinen gegeelten Haaren sieht der angehende Design-Thinking-Coach aus, als wollte er gerade ein Start-Up im boomenden Berlin-Mitte gründen. Tatsächlich aber pitcht er sein Projekt, 2thoughts, auf der Bühne vom „Disrupt Populism Demo Day“ im Radialsystem.

Grob gesagt geht es darum, eine Software zu programmieren, die dem Leser eines Artikels diejenigen Texte empfiehlt, deren Argumentationslinie am weitesten von der eigenen Meinung entfernt ist. Carlo und sein Team wollen damit die Filterblase der Internet-User platzen lassen. „Jetzt suchen wir einen Programmierer, der uns einen Prototyp baut, damit wir das in der beta-Version testen können“, sagt Carlo.

Disrupt Populism Demo Day
Einer der Sieger: Die Macher von Tracemap
Foto: Michael Mezger

Der Begriff „Demo Day“ ist der Startup-Szene entliehen. Bei einem Demo Day stellen junge Gründer ihren aktuellen Projektstatus potentiellen Investoren vor. Im Radialsystem präsentieren heute idealistische Politik-Quereinsteiger, was sie noch vor der Bundestagswahl einem allgegenwärtigen Populismus entgegenhalten wollen, und unterhalten sich dabei vor allem auf Englisch oder zumindest in vor Anglizismen strotzenden Sätzen.

Insgesamt über 30 Bewerbungen aus ganz Europa und sogar den USA gingen bei den Veranstaltern des Demo Days ein. Viele davon sind technisch, wie zum Beispiel Tracemap, ein Algorithmus, der Meinungsströme in Sozialen Medien visualisiert, oder eine App, die wie beim Chatroulette fremde Menschen per Video zusammenbringt, die eine unterschiedliche politische Position vertreten. Dank der guten Kontakte der Veranstalter gelang es schnell, eine Location zu finden und mit Partnern wie der Bundeszentrale für politische Bildung, StartNext oder der „Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft“ Sach- und Geldpreise auszuloben.

 

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„Nach der Wahl von Donald Trump haben wir gemerkt, dass überall in der Republik bereits tolle Projekte gegen Populismus gegründet werden“, erinnert sich Angela Kreitenweis, die im wirklichen Leben freiberufliche Innovationsberaterin ist. Der Save Democracy-Hackathon in Hamburg beispielsweise. Oder DEMO, eine Bewegung, die sich im Internet bundesweit mit viralen Botschaften an Erstwähler richtet. Und selbst die Berliner Messe re:publica, das jährliche Klassentreffen aller hippen Großstädter, die irgendwas mit Internet zu tun haben, hat sich in diesem Jahr ein politisches Motto auf die Fahnen geschrieben: Love out loud.

Doch offenbar geht es diesmal nicht darum, mit einer eigenen Gruppierung à la Piratenpartei 2.0 zur Wahl anzutreten, sondern sich stattdessen auf Kernkompetenzen zu besinnen – und damit die Politik zu inspirieren. Die etablierten Parteien hingegen begegnen der Wucht an neuen Ideen eher verhalten. Zwar hat beispielsweise die SPD in Berlin selbst Anfang März einen Hackathon veranstaltet. Aber die Ideen, die dabei herausgekommen sind, gingen über ein iPhone-Spiel, bei dem man einen „Schulz-Zug“ steuern kann, nicht hinaus.

Zum Demo-Day ist gar kein Parteivertreter erschienen. „Die sind wohl alle schon mit Wahlkampf beschäftigt“, seufzt Kreitenweis. 

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