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Beim Twerk-Battle

Jewels Hintern führt ein Eigenleben. Im Takt der Musik wirft sie ihre Pobacken hoch und runter, vor und zurück, nach rechts und links. Die Zuschauer können das Auf und Ab ihres Gesäßes gut verfolgen, denn sie trägt ein knappes Höschen mit Camouflage-Muster und eine weiße Netzstrumpfhose zum bauchfreien Turnier-T-Shirt. Auf einmal ist sie auf allen Vieren. Ihre Knie mit den schwarzen Schonern rutschen über den Boden der Bühne, ihre Beine gehen auf und zu, die Pobacken klatschen.

Laut der Teilnehmerinnen ist Twerken ein ernstzunehmender Tanz, so wie Walzer
Foto: Foto: Kolja Eckert/www.koljaeckert.de

In der ersten Reihe vor der Bühne stehen viele Männer, einige filmen Jewel mit ihren Handys. Dazwischen einige Frauen, teilweise verfolgen auch sie den Tanz durch die Handykamera. Nach einer Minute ist Jewels Zeit vorbei und die Musik aus. Beifall brandet auf, Johlen und Pfiffe. Schwer atmend blickt Jewel ins Publikum und lächelt.

Es ist das erste Twerk-Battle Berlins. Der Festsaal Kreuzberg ist zum Bersten voll, mehr als tausend Menschen sind gekommen. Zehn Kandidatinnen treten heute an, eine ist extra aus Hong Kong angereist, eine andere aus Kiew. Hinter der Bühne macht die Kandidatin Queen V gerade ihre Dehnübungen. Für sie ist Twerken Kunst, ein Tanzstil wie Walzer oder Stepptanz, mit mehr als hundert Bewegungsfolgen. „Das ist meine Art, Stärke zu zeigen. Egal, was andere denken“, sagt sie.

Nicht alles läuft glatt an diesem Abend. Viele stehen länger als eine Stunde draußen in der Schlange, die erste Kandidatin betritt mit mehr als einer Stunde Verspätung die Bühne. Und manch einer im Publikum wundert sich, warum die Moderatorin die Mitglieder der Jury immer wieder zur Ordnung rufen muss. Hinter der Bühne fragt Kandidatin „Catileesator“, warum sich Jury-Mitglied Rufi der Bass Sprüche wie „Dein Brötchen würde ich gern vernaschen“ oder „Ich will ja jetzt nicht wieder mit der Metoo-Debatte anfangen. Aber bei dir kriege ich feuchte Träume” nicht sparen kann. Trotz mehrmaliger Aufforderung.

Twerken wird kontrovers diskutiert, vor allem weil der Hintern im Fokus steht. Sexistische Kackscheiße, findet das eine Lager. Kunst und Ermächtigung, sagen die anderen. Als Miley Cyrus sich bei den „Music Video Awards 2013“ den Tanzstil aneignet und zwischen Teddybären über die Bühne twerkt, flammt die Diskussion auf. Zum ersten Mal taucht der Begriff in der schwarzen „Bounce“-Szene im New Orleans der Neunziger auf. Einige führen den Ursprung auf schwarze Kirchengemeinden in der Diaspora in der ganzen Welt zurück, andere auf den Mapouka Tanz von der Elfenbeinküste. Eines haben diese Ursprungsformen aber gemeinsam: Auch Männer wackeln mit dem Po.

Und auch beim Twerk-Battle schütteln einige Männer ihre Hintern, umringt von Zuschauern. Am Wettkampf dürfen sie aber nicht teilnehmen. Ob Veranstalter Christian Jung es problematisch finde, dass Sexisten wie Rapper Bass Sultan Hengzt mit Texten wie „morgens bitte mit nem Deepthroat den König wecken“ in der Jury sitzen? Man wolle mal sehen, wie es läuft, lautet seine Antwort.

Besucherin Maria Colmenares findet es schade, dass Männer nicht antreten dürfen, andersherum sind ihr männliche Zuschauer negativ aufgefallen: „Die Tänzerinnen sind stark und selbstbewusst. Aber man kann nicht kontrollieren, wer kommt und sie zu Sexobjekten macht.“