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Beim veganen Yoga

Nie wieder Tierfiguren!

Die Ute hat einfach schon mal angefangen. Aufwärmprogramm, in zehn Minuten beginnt der Kurs im alten Fabrikgebäude in Kreuzberg. Auf der Dachterrasse macht sie einen Handstand. Sie stützt sich dabei auf den Unterarme ab, ihre Beine sind in der Luft, die Unterschenkel aber abgeknickt. Beim Yoga heißt diese Übung „Der Skorpion“. Ute nennt sie „die Laterne“.

Ute heißt eigentlich Ute Waldhof-Mannheim, möchte aber nur „die Ute“ genannt werden. Die Ute hat das vegane Yoga erfunden. Keine Tierfiguren, keine Krieger. Es ist das erste vegane Yoga in Berlin und – natürlich – auch das erste in Deutschland. Denn, mal ehrlich, so etwas kann es vermutlich nur in Berlin geben, der Hauptstadt der ewigen Freaks und Abenteurer. Die Ute, 36 Jahre alt, ist es ein ernstes Anliegen. „Die Yogalehrer reden weltweit von Achtsamkeit und Selbstachtung. Und dann missbrauchen wir die Tiere für unser Selbstverwirklichung.“

Die Ute macht Yoga schon, seit sie 22 Jahre alt ist. Nach fünf Jahren begann sie, sich zur Lehrerin ausbilden zu lassen. Sie war gut gebucht in einer großen Fitnesskette, es war ihr Vollzeitjob. Doch nach drei, vier Jahren kam die Sinnkrise. „Ich war nur ein Rädchen im System, es fühlte sich irgendwie falsch an.“ Sie stellte ihr Programm um, das aus den üblichen Yogafiguren bestand: dem Hund, der Krähe, der Taube, dem Fuchs, dem Hahn, der Schildkröte. Irgendwann kam es ihr: alles Tiernamen! Die Tiere als Objekte! Eine Vergewaltigung! Dass es nebenbei noch Figuren gibt, die „Kriegerin“ heißen oder „Diamant“ machte die Sache nicht besser.

Ute ist schon lange Veganerin, natürlich, sie isst auch keinen Zucker, keine Kohlenhydrate, kein Mehl und kein Mais. Sie kann das sehr lange erklären, aber es ist etwas kompliziert. Ihr geht es jedenfalls um das gute Leben, um das richtige. Vor einem halben Jahr hatte sie die Idee zum veganen Yoga. In einer Kreativagentur, die erst um 12 Uhr aufmacht, wenn überhaupt, darf sie zwei Mal in der Woche von 9 bis 11 Uhr den Konferenzraum nutzen, bei gutem Wetter auch die Dachterrasse.

An diesem Tag scheint die Sonne. Es kommen vier Leute: Norman, Jan, Maike und Anja. Alle sind schon mehrmals hier gewesen. Norman sagt: Ich war noch nie so glücklich, wie nach der ersten Stunde.“ Und Anja sagt, sie habe endlich das Gefühl, genau das richtige zu tun. Dan sagt sie: „Ich liebe Berlin!“ Sie zahlen 45 Euro für anderthalb Stunden, für Ute ein satter Lohn, aber sie hat auch nur zwei Kurse in der Woche. Die Yogis legen sich auf den blanken Terrassenboden, Bambusmatten oder Isomatten sind hier ein Tabu. Sie beginnen mit einem Hund, der hier Hocker heißt, der Hahn ist der Stuhl und die Schildkröte ein Teppich.

Mit dem Teppich hört es auf. Die Vegan-Yogis sitzen, Oberkörper und Kopf sind nach vorne gestreckt, die Arme nach hinten durch die Beine gestreckt. Es sieht weder aus wie ein Teppich, noch wie eine Schildkröte. Noch 20 Sekunden halten, Norman stöhnt. Ute sagt: „Jetzt fliegt ihr, ihr kleinen Teppich!“ Sie wartet, wartet noch ein Ächzen ab. Dann sagt sie: „Landung!“ Die Yogis entknoten sich. Anja grinst. Und plötzlich weiß man nicht mehr, ob es ihnen als Schildkröte ähnlich gut gegangen wäre.

Die Klappstuhl-Figur beim veganen Yoga

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