Kartoffeln mit Ketchup

Berghain-DJ Len Faki

Der Musiker und Labelbetreiber Len Faki ist ein beinharter Vertreter der reinen Lehre vom klassischen Berliner Techno – und trotzdem extrem entspannt

Erkennt das Berghain am Geruch: Len Faki
Foto: Promo

Damals, Mitte der Nuller Jahre, als die beste Techno-Zeit eigentlich schon vorbei schien, die hedonistischen 90er Jahre der Brachflächen- und Bruchbudenfreiheit, da eröffneten sie in einem ehemaligen Fernheizwerk den besten Club der Welt, das mythenumrankte Berghain. Und Len Faki, Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie, aufgewachsen in Schwaben und gerade von Stuttgart nach Berlin gezogen, war dabei. Ein Berghain-DJ der ersten Stunde, wie man in solchen Fällen gerne sagt, eine Art Hohepriester im Techno-Tempel, den Pilger aus aller Welt um seinen besonderen Zugang zum Heiligsten beneiden. Für ihn ist das Berghain nichts anderes als ein Wohnzimmer, wie er sagt, eines, das er mit verbundenen Augen am Geruch erkennen könne. Wie genau riecht es denn? Len Faki muss lachen. „Verrucht“, sagt er, will das dann aber doch nicht vertiefen, ebenso wenig wie von seinen schrillsten Erfahrungen erzählen. Die verbirgt er hinter seinen lachenden Augenbrauen, natürlich kennt er als Mann der ersten Stunde die Berghain-Regeln Nummer eins, zwei und drei: Was im Berghain passiert, bleibt im Berghain. Man verliert kein Wort darüber. Und worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

Es ist ein wolkiger September-Nachmittag in Friedrichshain und Len Faki trinkt einen Pfefferminztee. Überhaupt ist der 44-Jährige ja längst koffeinfrei unterwegs, schwört auf Zitronenwasser mit Ingwer und Granola-Müsliriegel statt Kaffee mit Zigarette. Vor Gigs reicht ihm ein Gläschen Schampus, er braucht keinen High-Energy-Monster-Drink, noch nicht mal Mate. Das Wichtigste ist ja ohnehin: seine Musik. Die harten Beats und bohrenden Frequenzen darin, die Liebe zum Techno, der Moment, wenn der Club und die Menschen darin zum Resonanzkörper werden, wenn alles schwingt, das ist für ihn Glückseligkeit. Und gerade das macht Len Faki so wahnsinnig sympathisch: das Unprätentiöse, Unaffektierte. Am Nebentisch sitzt jetzt eine aufgekratzte Frau, Mitte 50, offenbar frühverrentet, jedenfalls hat sie eine Menge Zeit, unablässig „Faschistoid!“ oder „Psychoterror!“ in ihr Telefon zu brüllen. Richtig, der reinste Psychoterror. Len Faki aber bleibt tiefenentspannt. Ein geerdeter Mensch, könnte man sagen, kein Exzentriker. Vielleicht auch deshalb, weil er nie vergessen hat, wie es war, wochenlang von einem Vier-Kilo-Sack Kartoffeln mit Ketchup zu leben, weil das Geld nicht zu mehr reichte. „Viele Jahre war es wirklich knapp, da bin ich gerade so über die Lebensrunden gekommen“, sagt er. „Die schwierige Zeit damals hat mir aber auch gezeigt, worauf es ankommt.“

Der Rest ist Techno

Geduld hat ihn diese Zeit gelehrt, die Fähigkeit, Durststrecken auszuhalten – als Techno-Musiker, der sich später mit erfolgreichen Clubhits wie „Rainbow Delta/ Mekong Delta“, „My Black Sheep“ oder „Odyssee II“ für sein Durchhalten belohnt hat, aber auch als Labelgründer. Kurz nach seinem Umzug nach Berlin gründete er das Label Figure, unter dem er seit 2003 Musiker veröffentlicht, die ihm persönlich gefallen, darunter renommiertere Künstler wie kirilik (alias KiNK), Lady Starlight oder Kangding Ray, aber auch jüngere wie Viers aus Leeds, Pablo Mateo aus Berlin und Nocow aus St. Petersburg, denen er eine Plattform bieten will. „Ich finde es schön, etwas zurückzugeben“, sagt er, „ich will anderen dabei helfen, Fuß zu fassen oder den nächsten Schritt zu gehen.“ Bei der Auswahl der Künstler gehe er nur nach seinem Geschmack: „Trends jucken mich nicht die Bohne. Was mich nicht berührt, bringe ich nicht raus.“

Einerseits ist Len Faki ein Techniker und Tüftler, der sich stundenlang in sein Studio zurückziehen kann, um sich dort mit Frequenzbändern zu beschäftigen; der Gefallen daran findet, Ambient-Stücke, die keinen Takt haben oder vielleicht nur 100 Beats per Minute, in einen Techno-Kontext zu packen. Andererseits ist er ein Gefühlsmensch, dem es leicht fällt, Kontakt zum Publikum aufzubauen, und der immer auch die anderen im Blick hat. Eines seiner Herzensprojekte ist das Imprint „LF RMX“, unter dem Remixe und Edits aus seinen DJ-Sets erscheinen. „Ich wollte mit ihnen kein Geld verdienen, daher die Idee, ein Spendenlabel zu gründen.“ Die Erlöse aus dem Non-Profit-Projekt gehen vollumfänglich an das Berliner Kinderhilfswerk „Straßenkinder e.V.“ Auf der Suche nach einer geeigneten sozialen Einrichtung habe er sich das Kinder- und Jugendhaus „BOLLE“ in Marzahn angeschaut, sofort begeistert vom „Herzblut“ der Mitarbeiter, von ihrem positiven Umgang mit den Kindern. „Ich wusste vorher nicht, dass so viele Kinder und Jugendliche in Berlin auf der Straße leben, statistisch die höchste Zahl in Deutschland.“ Augenöffnend sei diese Erfahrung gewesen – und so eindrücklich, dass er nicht lange überlegen musste, wohin das Geld fließen soll.

Im vergangenen Jahr feierte Len Faki das 15-jährige Figure-Jubiläum und das Release Nummer 100. Ende November lädt das Label zur Klubnacht im Berghain, um dort ein neues Kapitel seiner Geschichte zu schreiben, über dessen aufregendste Geheimnisse dann natürlich nicht gesprochen werden darf. Len Faki wird ein Gläschen Schampus trinken – oder vielleicht zwei. Der Rest ist Techno: Frequenz, Resonanz, Glückseligkeit.