Berlin Biennale

Mohammad Abu Hajar

Der Rapper Mohammad Abu Hajar floh aus Syrien nach Deutschland und spielt jetzt die Hauptrolle in einem Film der Berlin Biennale. Und er will seinen Doktor an der Humboldt-Uni machen

Mohammad Abu Hajar
Kämpferische Lyrik und Politische Ökonomie: Mohammad Abu Hajar hofft auf ein demoraktisches Syrien
Foto: Saskia Uppenkamp / www.saskia-uppenkamp.com

Da steht ein zorniger junger Mann mit schwarzer Mütze auf dem Rollfeld des Flughafens Tempelhof. Er schüttelt seine geballte Faust in der Luft, und er rappt. Auf Arabisch. Im Namen seiner aus Syrien geflüchteten Landsleute ruft er laut und entschieden: „Ich habe eine Heimat! Ich werde zurückkehren, auch wenn es lange dauert!“ Mohammad Abu Hajar ist Pro­tagonist des Videos „Homeland“, das der türkische Künstler Halil Altındere auf der Berlin Biennale zeigt. An einem höchst repräsentativen Ort: in der Akademie der Künste, gleich neben dem Brandenburger Tor.

Die Akademie sei ihm eigentlich zu „schick“, sagt Hajar. Der 29-jährige Rapper produziert sonst eher low budget. Mit seiner Band Mazzaj brachte er nach 2007 arabische Klänge mit unverblümten Texten über Politik, Religion und Alltag aus dem Nahen Osten zusammen. Doch seit 2014 lebt Hajar in Berlin, in einer Stadt, die, wie er sagt, für seine musikalischen und politischen Botschaften Raum geboten habe, während der Bürgerkrieg in ­Syrien eskalierte. Aber auch in einer Stadt, in der er Menschen tagelang vor dem Lageso hat warten gesehen, ohne dass ihnen eine Flasche Wasser angeboten worden wäre.

Master of Economy

In seiner Heimatstadt Tartus an der syrischen Mittelmeerküste hat sich Hajar mit verbotenem Rap, Straßenaktionen und in  Koordinationsausschüssen oppositioneller Gruppen gegen Assads Regime engagiert. Zwei Monate saß er in Haft, litt unter Folter. Ins Detail will er nicht gehen,  weil alle, die in Haft waren, ähnliche Erfahrungen gemacht hätten, seine nichts Besonderes seien. Doch es gibt den Beitrag eines Radiosenders und englischsprachige Zeitungsberichte, die erwähnen, dass er geschlagen wurde und Zähne verloren habe.
„Ich wollte nie weg, aber nach zwei Monaten sind sie wieder gekommen, um mich mitzunehmen“, erinnert er sich. Diesmal flüchtete er. Über Jordanien und den Libanon nach Rom, wo er einen englischsprachigen Master in Politischer Ökonomie machte. Sein nächstes Ziel: Berlin. Im Juni 2016 war er nun an die Potsdamer Da-Vinci-Gesamtschule eingeladen, um Kindern von seiner Fluchtgeschichte zu erzählen. Jetzt hofft Hajar auf die Zulassung seiner Doktorarbeit an der Berliner Humboldt-Universität über „die Rolle ­säkularer Elemente im Arabischen Frühling“.
Abu Hajar spricht Englisch, sehr durchdacht, sehr selbstsicher. „In dem Moment, als ich angefangen habe, Rap zu machen, war es politisch“, sagt er. „Ich habe es geliebt, wie frei man sich dabei fühlen kann.“ Sein erster Song kritisierte den amerikanischen Angriff auf den Irak. In Berlin hat er nun ein Mitglied seiner Band Mazzaj wieder getroffen, Ahmad Niou, der zum Treffen mit ZITTY mitgekommen ist. Nachdem er drei Jahre im libanesischen Exil gelebt habe, seien seine Kräfte am Ende gewesen, erinnert sich Niou. Abu Hajar habe ihn überzeugt, nach Berlin zu kommen. „Ohne ihn hätte ich nicht wieder Musik gemacht. Er hat meinem Leben wieder Licht gebracht“, sagt er.
Abu Hajar will Menschen, die von ­ihrer Regierung vergessen oder verfolgt werden, Würde zurückzugeben. In seinen Texten schildert er Schmerzen, Ängste und Träume syrischer Oppositionskämpfer. Übersetzungen davon erscheinen auf seinen Konzerten oft auf Leinwände projeziert. Doch Abu Hajar beobachtet, wie sein anfänglicher Enthusiasmus, Europäer für sein Engagement zu gewinnen, schwindet. „Statt Solidarität zeigen sie uns Mitleid“, sagt er.

Engagement in Berlin

„Solidarisiert euch mit Menschen wegen der Gründe ihrer Verfolgung, nicht nur wegen ihrer Existenz als Flüchtlinge.“ Dieses Flüchtlingsetikett, die Bezeichnung „der Syrier, der Rap macht“, möchte er loswerden. „Statt sich als Opfer darzustellen, zeigt Abu Hajar Hoffnung“, sagt der Künstler Halil Altındere.
Mitten im Gespräch mit ZITTY trifft auf Nious Mobiltelefon die Facebook-Nachricht ein, dass erneut einer ­ihrer Bekannten getötet wurde. Abu Hajar schweigt eine Weile. „Wenn die Nachricht käme, dass Assad am Ende ist, würde ich noch heute zurück“, sagt er dann. Auf diesen Tag wartet er. In Berlin arbeitet er für das Netzwerk „Adopt a Revolution“. Sie sammelt Spenden für zivilgesellschaftliche Organisationen in Syrien, die sich für einen demokratischen Wandel einsetzen.
Abu Hajar wohnt in Tiergarten. Der freundschaftliche Umgang unter Nachbarn fehlt ihm hier am meisten. „In Middle East  reicht ein Hallo, damit du den ganzen Tag mit jemanden verbringst“, sagt er. „Hier frage ich den Postmann, ob er ein Glas Wasser braucht, und er kriegt Angst.“ An Berlin schätzt er, dass „die Leute hier irgendwie glücklich sind“, dass sie „versuchen, so viel Spaß wie möglich zu haben.“ Doch sein eigenes Glück will Mohammed Abu Hajar in der Freiheit finden, zurück in das Land kehren zu können, auf dessen Frieden er hofft.

Alle Orte der Berlin Art Week: go.berlin

„Homeland“ von Halil Altındere: 9. Berlin Biennale, Akademie der Künste,
Pariser Platz 4, Mitte bis 18.9.

Ab 14.9.: Halil Altindere im n.b.k.: ab 14.9., 18 Uhr, Chausseestrasse 128 / 129, Mitte

https://www.zitty.de/event/ausstellung-andere-orte/berlin-art-week-space-refugee/

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