Berlin Biennale 2020

11. Berlin Biennale: Frauen und Kinder zuerst

Die vier Kurator*innen der kommenden Berlin-Biennale laufen sich in Wedding warm: Bei Ex-Rotaprint zeigen sie bereits die zweite Vorabschau

© F. Anthea Schaap
Die Kurator*innen der 11. Berlin Biennale, vlnr: Renata Cervetto, Agustiin Perez Rubio, Maria Berrios, Lisette Lagnado © F. Anthea Schaap

Treffen mit den vier Kuratorinnen der kommenden Berlin Biennale: Langsam trudeln sie ein im Veranstaltungsraum der Kunst-Werke in der Auguststraße, dem Mutterhaus der Biennale. Die vier sind drei Frauen und ein Mann: María Berríos, Renata Cervetto, Lisette Lagnado und Augustín Pérez Rubio. Wir wollen über das Biennale-Konzept sprechen. Eröffnung ist am 13. Juni. Doch halt, die Biennale hat schon begonnen mit ihren kuratorischen Experimenten, kurz: „exp.“, die bis zur Vernissage im Sommer laufen: kleine Ausstellungen, Filmvorführungen, Performances, Workshops. Zum „Housewarming“ wurde bereits Anfang September geladen, noch bis zum 8. Februar geht die „exp.2“, die sich mit den Arbeiten der Berliner „Feministischen Gesundheitsrecherchegruppe“ und der brasilianischen Künstlerin Virginia de Medeiros beschäftigt.

Wohl nicht jeder hat den Start rea­lisiert. Der zentrale Ausstellungsraum liegt nicht in Mitte, sondern im markanten Eckturm des Ex-Rotaprint-Geländes in Wedding, einem Vorzeigeort für moderne Stadtentwicklung. Künstlerinnen, soziale Einrichtungen und Produktionsbetriebe teilen sich das Areal einer ehemaligen Druckmaschinenfabrik. Dieser Ort wird auch zur Biennale bespielt. Die Idee des Teams: raus aus dem Kunstzentrum in Mitte, hinein in den Kiez und in die migrantisch geprägte Nachbarschaft. Von ihrer Arbeitszeit verbringt die Vierer-Crew die Hälfte in Wedding, sozusagen als „embedded curators“.

© Mathias Völzke
11. Berlin Biennale c/o ExRotaprint: Ansicht der °exp. 2″ mit Beiträgen von Virginia de Medeiros und der Feminist Health Care Research Group © Mathias Völzke

Ihre Methode ist vielfältig: Berríos, Jahrgang 1978, kommt aus Santiago de Chile, ist Soziologin, Autorin und Kuratorin, sie arbeitet an der Schnittstelle zwischen Kunst und Politik. Cervetta, 1985 in Buenos Aires geboren, koordinierte dort zuletzt die Bildungsabteilung des Malba-Museums. Lagnado, Jahrgang 1961, geboren in Kinshasa, kuratierte die 27. Biennale São Paulo, setzt sich viel mit Architektur und dem öffentlichen Raum auseinander. Rubio, 1972 in Valencia geboren, war auf der letzten Venedig-­Biennale zuständig für den chilenischen Pavillon. Er ist viel unterwegs, auch für den Beirat der Istanbul-Biennale. Zusammengearbeitet haben die vier in dieser Konstellation noch nie, doch sie kennen die Projekte der anderen.

Alte und Kinder

© Mathias Völzke
11th Berlin Biennale c/o ExRotaprint: Ausstellungsansicht exp. 2: Virginia de Medeiros –und die Feminist Health Care, 2020 © Mathias Völzke

Teamarbeit liegt im Trend. Auch die nächste Documenta in Kassel 2022 wird von einem Kollektiv geleitet: Ruangrupa kommt aus Indonesien. Allerdings sehen sich die Berliner Biennale-Macher nicht als Kollektiv. „Wir arbeiten zuzammen“, meint Maria Berríos. „Alles entwickelt sich in einem Prozess.“ Und das heißt zu allererst einen „lebendigen Dialog“ zu beginnen mit der Stadt, der Nachbarschaft und natürlich den Künstlerinnen. Die „exp. 1“ hat im Herbst gezeigt, wie die Vier es meinen. Wie ein geöffnetes Notizbuch breiteten sich dort die Themen „aus unseren Heimatländern aus wie aus dem Koffer“: Architektur, Bildung, Feminismus, Kolonialismus, Rassismus, Klima­krise und sehr private Geschichten.

Berríos erzählt uns eine Anekdote von einem 85-jährigen Mann, der samt Familie mit einem Baby in die Ausstellung kam. Er las auch alles auf den tiefhängenden, kleingeschriebenen Texten. „Diese Dinge berühren mein Leben“, habe er zu ihr gesagt, als sie ihm einen Stuhl anbieten wollte. Oder da sei dieser Siebenjährige aus der Nachbarschaft, der begeistert gewesen sei vom Puppenspiel-Workshop, zu dem sie ihn eingeladen hatten. Er komme nun jeden Nachmittag, spiele oder blättere in den Büchern. „Es ist ein sicherer Ort für ihn“, meint Renata Cervetto. „Wir müssen etwas bieten, damit die Kinder zurückkommen“.

Kein Kunstzirkus, bitte

Je länger wir an diesem Morgen sprechen, umso deutlicher wird, dass die Vier nichts mit der smarten Kunst-„Blase“ der Hauptstadt zu tun haben wollen, dem Hype um das Event Biennale. Nichts ist ihnen ferner als ein champagnerseliger, elitärer Kunstzirkus, der sich selbst feiert. „Diese Erwartungshaltung bedienen wir nicht“, sagt María Berríos. „Wir wollen kein neues Avantgarde-Ding machen.“ Starkünstler der internationalen Biennalen „abfeiern“, das finden sie saturiert. Teilhabe, Feminismus, Gleichberechtigung und vor allem die soziale Frage und Funktion von Kunst: Ohne geht es nicht mehr. Themen, die nicht erst seit gestern Konjunktur haben in Berlin.

Dass die vier Kurator*innen aus Latein­amerika kommen, spielt durchaus eine Rolle. Mit drei Millionen Euro wird das „Leuchtturmprojekt“ Biennale gut finanziert durch die Kulturstiftung des Bundes. In Lateinamerika gibt es keine feste Förderung von Kunst durch den Staat. Mit der Folge, dass es weniger Strukturen, Verwaltung und Organisation im Kunstbetrieb gibt als in Deutschland. Das sei nicht nur negativ, im Gegenteil, Talent zur Improvisation sei gefragt, sagt Lisette Lagnado. Und das bedeute ein Maß an Offenheit, mit den Erfahrungen des Moments umzugehen. „Dinge auf andere Weise tun, experimentieren“, sagt María Berríos, „kulturelle Resistenz“ zu leisten. Wie die genau aussieht, wird sich spätestens zur Biennale-Eröffnung im Juni zeigen. 

Und so war die Stimmung vor der 10.Berlin-Biennale 2018.

Bis 8.2.: „exp.2“ zur 11. Berlin Biennale, Ex-Rotaprint, Bornemannstr. 9, Wedding, Do–Sa 14–19 Uhr, Eintritt frei, exp.3“ ab 22.2.