Terror in Berlin

Berlin-Comic von Jörg Ulbert und Jörg Mailliet

Zwei in Frankreich lebende Deutsche debütieren mit einem herausragenden Berlin-Comic, einer gut recherchierten Geschichte zwischen Linksterrorismus und Sonnenblumenrevolution

1981 war ein Jahr der Friedensdemonstrationen. NATO-Doppelbeschluss, die Ausrufung des Kriegszustands in Polen oder die Wahl des republikanischen Hardliners Ronald Reagan ins Amt des US-Präsidenten waren nur einige Gründe, auf die Straße zu gehen. In dem Berlin-Comic „Gleisdreieck“ spielen sie keine Rolle. Hier ist es die Wohnungspolitik des CDU-geführten Senats unter dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker, die Proteste und Straßenkämpfe in West-Berlin provoziert und es den Nachfolgegruppen aus dem RAF-Umfeld leicht macht, die grün-liberale Hausbesetzerszene zu unterwandern. In authentischen Bildern erzählen die beiden Wahlfranzosen Jörg Ulbert und Jörg Mailliet ihre fiktive Geschichte eines Krieges im Untergrund, der hinter den Kulissen auch ein Kampf der politischen Systeme war.
Die Perspektive, die sie dabei einnehmen, ist eine doppelte. Die Geschichte aus dem deutschen Spätherbst wird zur einen ­Hälfte aus der Sicht des BKA-Agenten Otto erzählt. Er kommt nach Berlin, um in der linken Szene als Undercover-Agent Informationen zu dem steckbrieflich gesuchten Terroristen Martin „Makarov“ Heerleut zu sammeln. Dafür schlüpft er in dessen Rollen, imitiert ihn bestmöglich.
Die andere Hälfte der Erzählung wendet sich eben jenem Martin Heerleut zu, den Otto ausfindig und dingfest machen soll. Über die DDR reist er mit Stasi-Schutz nach West-Berlin ein, nachdem er für ein paar Jahre in den Jemen fliehen musste. Heerleut gehört zur „Bewegung 2. Juni“, die sich nach dem Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 gegründet hatte und später teilweise in der RAF aufgegangen ist. Er kommt ohne konkrete Pläne nach Berlin zurück. Insgeheim will er Rache an den Verrätern seiner Mitstreiter nehmen.
Im Wechsel verfolgen die Lesenden das weitere Geschehen aus Ottos oder Martins Perspektive. Für beide spitzen sich am 22. September 1981 die Ereignisse zu, als Berlins Innensenator Heinrich Lummer in Schöneberg einige besetzte Häuser räumen lässt. Bei den Protesten in Folge verunfallte der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay tödlich. Während Otto danach zum Agent Provocateur seiner Gruppe wird, die einen Sprengstoffanschlag vorbereitet, plant Martin Heerleuts Trupp die Entführung von Innensenator Lummer.
„Gleisdreieck“ ist geprägt von den realhis­torischen Verbindungen zwischen der gemäßigten Linken, der radikalen Linken und dem deutschen Linksterrorismus. Der in Frankreich lehrende Professor für deutsche Landeskunde Jörg Ulbert und sein deutsch-französischer Illustrator Jörg Mailliet zeigen, dass dies nicht vor neuer Erkenntnis schützt. Da ist es fast nebensächlich, dass bis heute weder zweifelsfrei geklärt ist, ob das BKA in Berlin tatsächlich Agenten eingesetzt hat, um gesuchte Terroristen ausfindig zu machen, noch ob die Verstrickungen der Stasi in den deutschen Linksterrorismus belegt sind.
Umso seltsamer ist es, dass der Comic zunächst keinen deutschen Verlag gefunden hat. „Gleisdreieck“ erschien 2013 erstmals in einem kleinen Pariser Verlag. Ursprünglich war die Geschichte in drei Bänden geplant, in denen Martin, Otto und dessen Führungsoffizier die gleiche Geschichte aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen.
In Frankreich wurde das in matten Farben gezeichnete Comicdebüt von Ulbert und Mailliet begeistert besprochen. Dennoch fand keiner der etablierten deutschen Comicverlage Interesse an der Geschichte.
Imposant ist die Authentizität der Erzählung, die sich in Text und Bild wiederfindet. Dafür haben Ulbert und Mailliet nicht nur auf alte „Spiegel“-Ausgaben, Terroristen-Memoiren und die einschlägige Fachliteratur zurückgegriffen, sondern auch auf eigene Jugenderinnerungen in Berlin. Ulbert erweist sich als begnadeter Erzähler und Szenarist. Mit Jörg Mailliet hat er einen souveränen Zeichner an seiner Seite, der von der Prince-Denmark-Zigarettenschachtel über alte Zeitungstitel bis hin zu Original-Demo-Plakaten vergessene historische Artefakte wiederauferstehen ließ. Und wenn wir den Redner auf einer Protestkundgebung sagen hören, dass es egal sei, welches politische Lager in Berlin am Ruder sei, weil die Spekulanten und Baubonzen „immer gierig sein“ und einen Weg finden werden, „ihre Filzkumpane im Senat für ihre Interessen einzuspannen“, dann rückt dieses Berlin der 1980er-Jahre verdammt nah an die Gegenwart heran.

Jörg Ulbert (Text), Jörg Mailliet (Zeichnung): „Gleisdreieck“. Berlin Story Verlag, Berlin 2014. 128 Seiten. 19,95 Euro