Nervbacken

Berlin, deine Feindbilder

Die einen gibt es schon seit Jahren, andere sind neu dazugekommen. Die einen gibt es überall, andere nur hier. Sie gehen den Bewohnern dieser Stadt und sich gegendseitig auf die Nerven – und können das Leben einem zur Hölle machen. Unsere beliebtesten Feindbilder, vom Neukölln-Hipster bis zum Integrationsversager-Versteher. Eine Typologie
Illustrationen: Roland Brückner

Der Neukölln-Hipster

Er trägt hellrote Jeans, hauteng, dazu Wildlederschuhe, einen Vintage-Parka, Jutebeutel und Fünftageschnauzbart-Flaum. Er hat eine Leica-Camera und ein MacBook, in das er seine Streetstyle-Blog-Texte tippt. Er isst Tapas, die er aber nicht so gut findet, wie die in Barcelona, wohin er einmal im Jahr mit easyJet fliegt, um sich kosmopolitisch zu fühlen. Er fährt Fixie. Er hat sich das Teil bei eBay ersteigert und im Fahrradladen um die Ecke, der „Radmanufaktur“ oder „Gangschaltung und Söhne“ oder so heißt, mit Chrom-Ersatzteilen aufgepimpt. Wenn  es nicht so verdammt uncool rüberkäme, dann würde er sich einen Rückspiegel aufs Fahrrad montieren, um während der Fahrt sein eigenes Gesicht und seinen mit System zerzausten Undercut-Haarschnitt betrachten zu können. Ins Berghain geht er sonntagnachmittags. Bier trinkt er nur aus der Flasche, denn alles was eine Theke hat, ist Mainstream. Der Neukölln-Hipster möchte alles in einem sein: Avantgarde, Dandy, Boheme. Und doch hängt seine Existenz an einem seidenen Faden, der zu reißen droht, sobald Papa das Geld für die Miete zu spät überweist. kop


Der Aggro-Biker

Der Aggro-Biker hat selbst ein klares Feindbild: alle anderen Verkehrsteilnehmer. Egal, ob es Fußgänger sind, die nichtsahnend aus einem Bus steigen, andere Fahrradfahrer, die an einer roten Ampel halten oder Autofahrer, die dem Radstreifen zu nahe kommen. Er brüllt sie alle an, notfalls gibt es einen donnernden Schlag mit der flachen Hand aufs Blech. Der Aggro-Biker schont die Umwelt und wähnt sich deshalb grundsätzlich im Recht. Die Straßenverkehrsordnung sieht er als unverbindlichen Vorschlag der Behörden, sie gilt nicht für ihn. LuG


Die Übermutter

Sie will in allem die Beste sein. Im Stillen, im Mützchen-Selberstricken, im Breikochen mit fair gehandelten, biozertifizierten Möhrchen, im Kopfstand beim Baby-Yoga. Natürlich schläft ihr Kind durch. Natürlich kann es schon malen, schreiben, rechnen und musizieren, wenn andere noch in der Matschepampe rühren. Gibt es auf dem Spielplatz Streit, ist für die Übermutter klar: Ihr Kind kann nicht der Aggressor gewesen sein, denn es hätte niemals riskiert, seinen neuen Petit-Bateau-Ringelpulli zu beschmutzen, den Mutti immer in Handwäsche mit Weichspüler einmassiert. Die Übermutter hat mit ihrer Fruchtbarkeit einen Dienst an der Gesellschaft geleistet. Ihr Becken gebar den Heiland von morgen, ihre Bedürfnisse haben  Vorrang, ihr Kinderwagen hat Vorfahrt. Täglich steht die Übermutter mit dem Klemmbrett vor der Kita und notiert Mängel, denn bei der Betreuung von Martha Isabella Flavia darf nichts dem Zufall überlassen werden. lb


Der Kiez-Taliban

Meist aus dem Südwesten Deutschlands nach Berlin gekommen, „weil hier alles schön frei isch.“ Wer nach ihm in eine Straße oder einen Stadtteil zieht, ist ein Gentrifizierer. Diesen droht der Kiez-Taliban mit Gewalt zu vertreiben, traut sich aber nicht, offen vorzugehen. Die von Hunden vollgeschissene Wiese an der Cuvrystraße hält er für ein bewahrenswertes Stück Freiheit. Seine eigentliche Spießerseele zeigt er dadurch, dass er Baumscheiben mit Stiefmütterchen und Lavendel bepflanzt. LuG


 

Das Baugruppenmitglied

Im Traum hat sich das Baugruppenmitglied alles schön ausgemalt: Selbstbestimmtes Wohnen mit Gleichgesinnten in einem Kollektiv. Wohnen in einem nach top-ökologischen Richtlinien gestalteten Haus. Basisdemokratisch und nachhaltig leben. Doch schon in der Bauphase zeichnen sich erste Konflikte ab: Soll die Gegensprechanlage eine Kamera bekommen? Soll im Hinterhof ein Spielplatz gebaut oder ein Gemüsebeet angelegt werden? Sollen die Briefkästen rot oder blau lackiert werden? Auf den Baugruppentreffen fordert das Mitglied ein Nein zu Überwachungsmethoden („Hallo, wir sind doch links!“). Die Gruppe beschließt einen E-Mail-Verteiler aufzusetzen. In den darauf folgenden Monaten wird darin über den Gebrauch von Spielzeugpistolen einiger Baugruppenkinder, weggeworfene Zigarettenkippen und dem Graffiti im Hausflur („Schwaben raus!“) diskutiert. Über die Farbe der Briefkästen gibt es nach einem Dreivierteljahr immer noch keinen gemeinsamen Nenner. kr


Der dänische Investor

Er wirkt nett. Wenn er die Mieter in ihrer Wohnung, die in eine Eigentumswohnung umgewandelt werden soll, besucht, zieht er schon im Hausflur seine Schuhe aus. Er tut kollegial und verständnisvoll. Er sagt, wenn nicht er das Haus gekauft hätte, dann ein gerissener und rücksichtsloser Immobilienhai. Er sagt: „Ich will euch nicht hier raus haben. Ich fände es super, wenn zwischen den Ferienwohnungen noch echte Familien wohnen würden. Deshalb könnt ihr eure Wohnung kaufen.“ Falls die Mieter nicht das Geld haben, ihren bald luxussanierten Altbau zu bezahlen – kein Problem: Der dänische Investor übernimmt die Umzugskosten. Sie müssten jetzt nur schnell die Kündigung unterschreiben. kr


 Der Mentalitäts-Provinzler

Einst entfloh er der Enge der Provinz, kehrte Spießigkeit, Bigotterie und Intoleranz für immer den Rücken. Jetzt lebt er in der Stadt, kennt sie in- und auswendig, weiß wie sie tickt. Immerhin hat er hier seine wilde Zeit voll ausgelebt, damals, als er beruflich noch nicht so eingebunden war, unverheiratet und ohne Kinder. Und auch der Kredit für die Eigentumswohnung („Man muss im Leben etwas aufbauen!“) mit Tiefgarage („Wegen der besoffenen Chaoten!“) noch nicht so drückte. Deshalb versteht er, ganz toleranter Weltbürger, dass andere ihren Spaß haben wollen – aber Bitteschön im Rahmen! Es kann doch nicht angehen, dass nachts Horden von Touristen saufend und grölend durch seine Straße ziehen. Dass irgendwelche Assis ihre Hunde vor sein Haus kacken lassen. Dass der Club, der nicht in den Verkaufsunterlagen der Eigentumswohnung erwähnt wurde, keinen vernünftigen Lärmschutz hat. Und überhaupt: Wie lange darf man in öffentlichen Verkehrsmitteln noch Alkohol trinken? Und wann kommen endlich die Bäume weg, die die Balkon verschatten? Die Bürgerinitiative unter seiner Leitung hat doch schon so viele Unterschriften gesammelt. Wie schon zuvor gegen den Markt vor seiner Tür, den Fahrrädern im Treppenhaus und dem Wohnheim für die Romas. kr


 

Der Internet-Entrepreneur

Er hat das richtige Mindset um die Performance seiner Social-Media-Strategy upzugraden. Er hat Access zu Business Angels und ein Appointment zur Telco mit ihnen, über den Launch des neuesten Projektes und dessen Usability, an der er gerade noch herumcodet. Wenn er spricht, versteht der Nicht-Nerd so gut wie nichts. Das ist Absicht. Mit dem Denglisch stellt er sich als Profi auf seinem Gebiet dar. Denn er lebt von seinem Image, das er an Investoren verkauft. Seiner Firma und damit auch ihm geht es wunderbar, alles awesome. Und das trotz einer 168-Stunden-Woche. Freizeit, so der Internet-Entrepreneur, ist etwas für Verlierer. msb


 

Der Schicki-Micki-Berliner

Er wäre gerne cool wie Heiner Lauterbach – und ist doch nur wie Matthias Schweighöfer. Sie wäre gerne elegant wie Senta Berger – und ist doch nur wie Jessica Schwarz. Der Schicki-Micki-Berliner kriegt es einfach nicht hin, so zu wirken als würde der Rote Teppich auf ihn warten. Er wirkt immer so, als warte er auf dem Teppich, bis ihm endlich einer ein Mikro ins Gesicht hält. Er kann nicht anders als sich in diesem realitätsfremden Kosmos um sich selbst zu drehen. Denn ohne das bisschen Blitzlicht, ohne das Borchadt-Catering, ohne die Handynummer von Udo Walz, ohne das Foto in der „Gala“ würde er merken, wie leer sein Leben ist. kop


 

Der „Eigentlich-bin-ich-ja“ …-Kellner

Er hat Amerikanistik und Publizistik studiert und seine Masterarbeit ist so gut wie fertig. Sie muss nur noch geschrieben werden. Immerhin wollte er vor drei Monaten mit dem „Prof“ seine Themenidee besprechen. Was kann er dafür, dass die Sprechstunde immer ausfällt? Und überhaupt hat er sowieso andere Pläne. Er hat schon in zwei Werbespots mitgespielt und dabei Bewunderung fürs eigene Talent entwickelt. Die Aufnahme an der Ernst-Busch-Schule hat er so gut wie in der Tasche. Er muss sich nur noch bewerben. Immerhin hat er schon im Internet nachgelesen, wie das geht. Er kellnert nur so zum Spaß. Und seitdem er sich seiner einzigartigen Begabung bewusst ist, geht er auf Distanz zu den Gästen.  Er überredet den Chef, ein riesiges Klaus-Kinski-Plakat über der Bar aufzuhängen. Dann steht er davor und übt den Kinski-Schmollmund. Mit theatralischer Geste trägt er das Tablett von Tisch zu Tisch. Trinkgeld nimmt er nur widerwillig entgegen, denn: Nötig hat er das nicht. lb


 

Der Hundebesitzer

Es gibt unzählige Hunderassen und zumindest drei Arten von Hundebesitzern: den Kraftprotz, den Modebewussten und den Emotionalen. Alle haben gemein, dass der eigene Hund das Allerwichtigste auf der ganzen Welt ist. Zumindest wichtiger als ein gesundes Miteinander unter den Menschen auf diesem Planeten. Was für ein Pech, dass es auch Menschen gibt, die das anders sehen, auch solche, die Hunde partout nicht mögen oder gar Angst vor ihnen haben. Für Letztere hat der Hundebesitzer genau zwei Floskeln parat: „Der tut nichts“ oder noch schlimmer: „Selber schuld! Der riecht ja. Dass Sie Angst haben.“ Es ist müßig, solch einer Argumentation Stumpfsinn noch logisch begegnen zu wollen. Leid können einem eigentlich nur die Hunde tun: Sie hätten einen netteren Umgang verdient, manche zumindest. til


 

Der Technonachbar

Es ist der Nachbar, den man am besten kennt und am wenigsten mag. Unzählige Male hat man ihn besucht und darum gebeten, die Musik leiser zu drehen, ist irgendwann weinend auf seiner Fußmatte zusammengebrochen, weil er sie alle paar Minuten doch wieder lauter macht. Er muss ja schließlich seinen Tinnitus übertönen. Er trainiert für seine DJ-Karriere gerne von Sonntagabend, wenn er aus dem Berghain oder dem Tresor gestolpert ist, bis Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag, je nachdem wann die Drogen aufhören zu wirken. Da helfen keine Ohrstöpsel, keine Schlaftabletten, kein Kissen über dem Kopf – denn der Technonachbar hat eine Anlage im Wohnzimmer stehen, mit der man problemlos auch ein Festival beschallen kann. msb


 

Der Gästelistenschnorrer

Für ihn gibt es kein Tag oder Nacht, kein Arbeit oder Freizeit, für den Gästelistenschnorrer zählt nur: rein oder raus. Er ist häufig mit einem Presseausweis ausgestattet, den er sich weiß Gott erworben hat. Er ist gut vernetzt, nein, er kennt kaum Menschen, aber er bekommt jede Menge Newsletter und weiß, wo wann was ist. Und so zieht er mittags los, wenn der Magen knurrt, um bei einem Pressetermin ein paar Brötchenhälften abzustauben. Danach schaut er sich die Pressevorführung im Kino an. Abends wird es knifflig, meist stehen mehrere Events zur Auswahl. Der Gästelistenschnorrer wächst mit seinen Aufgaben. Die Anfänger prallen nach zehnminütigen Monologen am Empfangscounter ab. Den Profis genügt ein selbstbewusstes Nicken beim Türsteher und das Tor zum Backstage-Bereich ist offen. Dass dahinter niemand auf ihn wartet, stört den Gästelistenschnorrer nicht. Hauptsache satt und besoffen. til


 

Das Service-Arschloch

Wer ihm begegnet, wünscht sich, nie über eine „Dienstleistungswüste“ geschimpft zu haben. Denn sein Wirkungskreis ist keine Wüste, sondern ein gähnender Höllenschlund. „Geht nicht. Gibt’s nicht. So schon gar nicht. Und so schon mal überhaupt nicht.“ Spricht er einen Satz aus, klingt einer immer unausgesprochen mit: „Frag noch einmal so doof und ich schlag Dir die Fresse ein.“ Wo unmotivierte Kellner, muffige Busfahrer oder arrogante Callcenter-Angestellte sich darauf konzentrieren, den eigenen Arbeitsaufwand so gering wie möglich zu halten und sich in Ignoranz, Wortkargheit und mangelnder Hilfsbereitschaft zu üben, geht er in die Vollen: Er will zerstören. Er will demütigen. Er will sich rächen – für den eigenen Frust, die eigene Unzufriedenheit, die Tatsache, dass gestern in der Kantine der Typ mit dem Mundgeruch wieder das letzte Schinken-Brötchen bekommen hat. Er ist voller Hass auf die Menschen. Menschen, die ihren Kaffee mit einem Extrakeks und viel Milchschaum bestellen. Menschen, die ein AB-Ticket mit einem 20-Euro-Schein bezahlen. Menschen, die einfach nicht verstehen wollen, dass ihr Internetanschluss erst in drei Monaten freigeschaltet werden wird. Hass. Hass. Hass. So bündelt er seinen ganzen verbliebenen Ehrgeiz in einem Auftrag, den er vom Ein- bis zum Ausstempeln nie aus den Augen verliert: die absolute Destruktion. lb


 

Der Tourist

In der einen Hand trägt er den Lonely Planet, in der anderen den BVG-Fahrplan und um den Hals eine riesige Kamera, mit der er einfallsreiche Bildkompositionen ablichtet wie: Reisegefährte im Vordergrund trägt Kuppel von Fernsehturm auf der Hand. Oder: Gefährte vorn, Brandenburger Tor hinten. Die Fotos werden im nächsten Internetcafe sofort auf Facebook gestellt und danach geht es vor einen der legendären Clubs der Stadt, wo der Tourist sich mit Artgenossen trifft, einige Stunden den Eingang blockiert um dann an der Tür abgewiesen zu werden. Aus Frust betrinkt er sich in seiner Kreuzberger Ferienwohnung, kotzt aus dem Fenster und freut sich, was in dieser irren Stadt alles möglich ist. Wenn er nicht gerade in den frühen Morgenstunden mit seinem Rollkoffer übers Kopfsteinpflaster knattert, um noch rechtzeitig seinen Billigflieger zu erreichen, bewegt er sich im Bierbike fort oder im Trabikorso. Hauptsache typisch Berlin. msb


 

Der Touristenhasser

Es gab eine Zeit, da hatten Menschen etwas Besseres zu tun, als an ihren wenigen freien Tagen im Jahr ihr hart verdientes Geld in einer Stadt auszugeben, die grau und hässlich und die von einer Mauer umringt ist. Lang ist es her. Berlin ist immer noch keine Schönheit, aber immerhin Hauptstadt und nicht mehr geteilt. Und es gibt genug kreative Menschen in dieser Stadt, die sich allerlei begehrenswerte Attribute für Berlin ausgedacht haben. Kurzum: Berlin ist Weltstadt, offen für jeden, voller Besucher aus der ganzen Welt. Leider hat das noch nicht jeder Neu- oder Alt-Berliner mitbekommen. Der Touristenhasser lebt immer noch in grauer Vorzeit und träumt von einer Zeit, als es etwas Exklusives hatte, in einer grauen Stadt zu wohnen. Er kann nur darüber lachen, dass Touristen das Brandenburger Tor ganz toll finden und auf den Fernsehturm fahren. Vielleicht weil er selber noch nie oben war. Weil er Angst hatte, über die Stadtgrenzen gucken zu können. til


 

Der Touristenhasserhasser

Er argumentiert: Berliner kommen doch von überall her, egal ob nun früher aus Frankreich und Polen oder heute aus den USA und Spanien. Und alle haben erstmal als Touristen Berliner Luft geschnuppert. Den Touristenhasser empfindet der Touristenhasserhasser als engstirnigen Vollpfosten aus den vernageltsten Provinz-Ecken dieser Republik, Gentrifizierung ist für ihn ein natürlicher Vorgang, der für Leben und Veränderung im Bezirk sorgt.  Er tut, als könne man das, was im Leben um einen  herum passiert. eh nicht beeinflussen. Eigentlich will er nur in Ruhe gelassen werden, um sich in seinem Fatalismus zu suhlen.   LuG


 

Der Import-Lokalpatriot

Der Anfang ist immer gleich. Neue Stadt, neues Glück. Schnell versteckt der Zugezogene den Berlin-Führer in der Tasche. Und auf den Fahrplan guckt er nur heimlich. So weit, so gut. Doch der Import-Lokalpatriot muss es übertreiben. Die Küche wird mit diesen kleinen eckigen Bildern vom Fernsehturm tapeziert, die es auf den Trödelmärkten gibt. Und unter jede E-Mail in die alte Heimat prangt ein stolzes „Liebe Grüße aus der Hauptstadt!“ Da er selbst keine Berliner kennt, belabert der Import-Lokalpatriot extra lange den Spätverkauf-Angestellten, um wenigstens ein, zwei Eigenarten des Berliner Dialekts aufzugreifen. Die Provinz, das sind die anderen. Die Provinz ist das Böse, sie beginnt gleich hinter der Stadtgrenze. Der Import-Lokalpatriot war vermutlich nie längere Zeit in Hamburg, München oder Köln und glaubt tatsächlich, dass Berlin der Nabel der Welt ist. Schade eigentlich. Wer mal länger in Hamburg, München oder Köln war, glaubt das nicht. til


 

Der Piratenwähler

Er ist männlich, er müffelt, seine Haare sind ungewaschen und zu lang. Und er spricht in einer Sprache, die Normalmenschen nicht verstehen. Vielmehr: Meistens spricht er gar nicht, sondern sitzt vor einem Computer. Dann ballert er in Computerspielen Menschen um, ruiniert mit illegalen Downloads arme Musiker oder er verbreitet krudes Zeug über den Nationalsozialismus. Das Klischee eines Piratenwählers bringt alles mit, um das perfekte Feindbild zu sein. Die größte Gefahr stellt er jedoch für den klassischen Politiker mit. Denn dessen kleine, heile Welt zwischen Ausschusssitzung und Abgeordnetenbüro hat der Piratenwähler ganz schön durcheinander gebracht. Und dafür könnte man ihn fast schon wieder mögen.  til


 

Der Flaschensammler

Über ihn darf man nichts Böses sagen. Der Flaschensammler genießt denselben Artenschutz wie der Obdachlosenzeitungsverkäufer. Weil es diese Menschen nicht besonders gut haben im Leben. Außerdem hat er eine nützliche Funktion, er ist also die Mücke unter den Nervensägen. Und dennoch nervt er. Nicht, weil er sammelt, sondern wie er sammelt. Die Frage nach der leeren Flasche kommt in dichten Verbreitungsgebieten wie dem Görlitzer Park fast nach jedem Schluck. Und manchmal ist man geneigt, dem Flaschensammler vorab, 50 Cent zu geben, um in Ruhe sein Bier trinken zu können. Genauso wenig vorbildlich ist die Nachwuchsgewinnung. Viele Flaschensammler beziehen bereits ihre Kinder mit in den Flaschenerwerb ein. Das unterscheidet den Flaschensammler wiederum nicht vom Scheibenwischer. Aber dieser sogenannte Nervwischer genießt ja auch keinen Artenschutz. til


 

Der Umlandverklärer

Er muss „ganz dringend mal wieder“ nach Brandenburg fahren, denn das Umland Berlins sei doch so viel schöner als die grauen Häuserschluchten. Dann steht der Umlandverklärer zwischen Neonazis, Ost-Nostalgikern und verbitterten Alten und freut sich, wie natürlich die Menschen hier draußen noch sind. Der Umlandverklärer möchte gern vom Hahn geweckt werden und die Milch für seinen Kaffee frisch aus einem Euter zapfen. Er schwärmt von ausgedehnten Radtouren bis an die polnische Grenze, von den Seen Brandenburgs und verdrängt vollkommen, wie reizlos das rapsfelddominierte Flachland im Vergleich zu anderen ländlichen Gegenden in Deutschlands ist. Aber eigentlich will der Umlandverklärer auch nicht nach Brandenburg, sondern einfach nur raus aus der Stadt. Wäre er doch nie hierhergezogen. msb


 

Der Kunstkenner

Auf die Frage, wer Jenny Holzer sei, reagiert er mit Schnappatmung. Über die Massen, die sich vor der Gerhard-Richter-Ausstellung sammeln, rümpft er die Nase. Warum anstehen, wenn zeitgleich Boris Mikhailov zu sehen ist? Das wäre alles nicht schlimm, hätte er kein so ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis. Gespräche mit ihm gleichen Monologen, weshalb man ihn nie, nie, nie um eine Auskunft bitten sollte. Denn mühelos schafft er es, bei der Antwort auf eine Frage zu Andreas Gursky einen Bogen vom Ästhetizismus der Präraffaeliten zur Ikonenmalerei in Armenien zu spannen, um schließlich noch kurz die Bedeutung Cicciolinas für das Werk Jeff Koons auszuarbeiten. Dass am Ende keiner mehr zuhört, stört ihn nicht. Denn seine Exkurse sind Rache für all die Gespräche über Fußball, Rihanna oder die Tribute von Panem, bei denen er am Rande stand, teilnahmslos und vor allem: unbeachtet. JvO


 

Das Getto-Kid

Sein Handy ist sein Leben. Ihm gehört all seine Liebe – es wird geschmückt, gehegt, liebevoll unters Kopftuch geklemmt. Es enthält alles, was das Getto-Kid braucht: Facebook-Messenger, YouTube, Musik und Pornos. Und: Es bietet diverse Möglichkeiten, Mitmenschen zu penetrieren. Beispielsweise durch überlaute Konversation – „Isch weiß nisch, wo is Umut!!! Hab isch gesagt, komm Zoo, wallah!!!“ – oder durch überlautes Abspielen musikalischer Glanzstücke im Stile von Massivs „Wenn der Mond in mein Getto kracht“. Das Getto-Kid ist der Grund, warum sich Finn Maximilian nicht mehr ins Freibad Pankow traut. Es ist der Grund, warum die Übermutter von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg ziehen musste. Es ist schuld daran, dass Martha Isabella Flavia keine Artikel mehr benutzt und nicht mehr „zum Klavierunterricht“ geht, sondern nur noch „Klavierunterricht“. Und das Schlimmste: Das Getto-Kid ist sich keiner Schuld bewusst. Es will doch nur telefonieren. lb


 

Der Integrationsversager-Versteher

Dem Nachbarskind ist von einem Getto-Kid das Handy abgenommen worden. „Das muss man verstehen“, sagt der Integrationsversager-Versteher, „diese Jugendlichen kompensieren damit nur ihre Frustration darüber, von unserer Leistungsgesellschaft und sozialen Aufstiegschancen abgekoppelt zu sein. Die haben sie nicht, weil sie schlecht in der Schule waren, was daher kommt, dass in ihren Familien kein Deutsch gesprochen wurde. Was man auch verstehen muss, weil die Eltern in ihrer Religionsausübung unterdrückt werden, immerhin dürfen sie ja noch nicht mal in ihrer Garage Rinder schächten.“ Wann immer ein Vertreter einer Minderheit etwas verbockt hat ist für den Integrationsversager-Versteher klar: Die Gesellschaft ist schuld. Wer das nicht verstehen will, ist intolerant, typisch deutsch, beziehungsweise sowieso ein Nazi.
kr