OPERN-PERFORMANCE

Die Wartburg im Lokschuppen

Das Ensemble glanz&krawall entstaubt unter Mithilfe illustrer Kolleginnen und Kollegen und unter dem Motto „Berlin is not Bayreuth“ Richard Wagners „Tannhäuser“

Rapper, Performer und schräge Figuren: das „Tannhäuser“-Line-up – Foto: Ralf Stiebing

Text: Ronald Klein

Überall verschwinden die Brachen und Indus­trieruinen aus dem Stadtbild. Neben der S-Bahntrasse unweit des Nöldnerplatzes scheint jedoch die Zeit stehen geblieben: Dort befand sich bis Mitte der 90er-Jahre ein Bahnbetriebswerk, das seit 2003 Ateliers beherbergt.

Hier richtet die Gruppe glanz&krawall mehrere Freiluftbühnen ein, auf denen Richard Wagners Frühwerk „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ (1845) zu sehen sein wird, aber nicht wie bei dem Opern-Popstar Wagner gewidmeten Festivals sonst üblich. Hier soll dem alten Richard ­ganz anders als auf dem grünen Hügel neues Leben eingehaucht werden – denn Berlin ist eben „not Bayreuth“.

„Der Fokus liegt darauf, dass Künstlerinnen und Künstler zusammenkommen und ihren Teil der Oper autark entwickeln“, verrät Dramaturg Dennis Depta. „Darüber hin­aus brechen wir die Chronologie der Oper auf, da Handlungsstränge parallel ablaufen und die Zuschauenden sich entscheiden müssen, welchem Strang sie folgen. Das ist eher der Gedanke eines Pop- oder Rockfestivals.“

Das Line-up dieses Spektakels ist durchaus illuster: An dem Mammutprojekt sind das anarchische Puppentheater-Ensemble Das Helmi, die Sängerin und Performerin Cora Frost, die Schauspielerin und feministische Komik-Erforscherin Vanessa Stern, der Köpenicker Rapper und Zopfträger ­Romano, die griechische Songwriterin und Performerin Melentini, das Electro-Soul-Duo Tanga Elektra sowie ein Orchester beteiligt.

Alle gemeinsam brechen mit Traditionen: „Die großen Festspiele sind einem elitären, gut situierten Publikum vorbehalten“, betont Sterra. „Die Gepflogenheiten wirken auf Menschen, die die dortigen Codes nicht kennen, sehr einschüchternd. Das gilt nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Künstlerinnen und Künstler. Die streng ausgeprägten Hierarchien wirken heutzutage sehr anachronistisch.“

Mit einer Wagner-Partitur zu arbeiten, bedeutet auch für glanz&krawall eine Premiere: „Ich habe ihn lange vermieden – aufgrund seiner Selbstgerechtigkeit und seines Antisemitismus“, gibt Serra zu. „Zwar sprechen mich französische Komponisten aus dem 19. Jahrhundert stärker an, jedoch wagt Wagner, sich ästhetisch zu positionieren. Das ist völlig konträr zur heutigen Zeit – man ironisiert alles, um nicht angreifbar zu sein. Mit Wagner machen wir uns angreifbar und das finde ich reizvoll.“

Umrahmt wird die „Tannhäuser“-Musik­performance von gemeinsamen Picknicks, der Ausstellung „Venus im Venusflur“ und „Oben ohne Bogenschießen (nach ­Romeo Castelluci)“ von Häßlein&Holten und Aftershow-Partys mit diversen DJs.

23.–25.8., ab 17 Uhr, BLO-Ateliers, Kaskelstr. 55, Lichtenberg, Tagesticket 20 €, Festivalticket 30 €, www.berlinisnotbayreuth.de