Interview

Feminist Food Club

Die „Stil in Berlin“-Bloggerin Mary ­Scherpe, 36, gründete 2017 den Feminist Food Club. ZITTY sprach mit ihr über die Strahlkraft guter Restaurants, weibliche Spitzenköche und den Alltagssexismus in der Berliner Gastro-­Szene

Interview: Tasnim Rödder
Frau Scherpe, berühmt wurden Sie mit dem Modeblog „Stil in Berlin“. Inzwischen porträtieren sie dort vor allem Teller und Töpfe. Was ist an Kulinarik interessanter als am Kleidungsstil der Berlinerinnen?
Nach vier Jahren kam mir das Thema Street Style ausgeschöpft vor. Ich fing an, mich mit spannenden Menschen aus der Berliner Gastronomie zu unterhalten. Im Gegensatz zu der Modewelle, die Berlin in der Mitte der 2000er überschwemmte und schnell wieder abebbte, erscheinen die Entwicklungen der Berliner Gastro-Szene nachhaltiger und präsenter. Es kommen immer mehr internationale Köche und Gourmets nach Berlin.

Was macht Berlin so attraktiv für Gastronomen und Feinschmecker?
Mit diesen internationalen Einflüssen werden die Berliner Küchen immer ­spannender, sie ziehen immer mehr Touristen an, die Geld in die Stadt spülen. Die Nachfrage wächst, ist aber noch lange nicht gedeckt. Außerdem sind die Bedingungen, um zum ­Beispiel ein Café zu eröffnen, im Vergleich zu ­anderen Städten wie London noch günstig und die Konkurrenz noch nicht allzu stark. Du kannst mit Flohmarktmöbeln und günstigem Kaffee und Essen in Schüsseln ein ­Lokal eröffnen – und die Leute finden es klasse.

Im vergangenen Jahr haben Ruth Bartlett und Sie dann den Feminist Food Club gegründet. Warum?
Ich habe lange für härtere Gesetze gegen Stalker gekämpft, nachdem diese Arbeit abgeschlossen war und die Gesetze geändert wurden …

Im März 2017 trat das „Gesetz zur Verbesserung des Schutzes gegen Nachstellung“ in Kraft. Sie selbst sind zwei Jahre lang gestalkt worden und hatten für diese Gesetzesverschärfung gekämpft.
….fehlte mir dann doch was. Die Verbindung von Gastronomie und Feminismus ist eigentlich so offensichtlich, aber doch unterrepräsentiert. Den ersten Kontakt damit hatte ich über die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten aus den USA.

Foto: Fanette Guilloud

Wie waren die Reaktionen auf den Feminist Food Club?
Die öffentlichen Reaktionen waren überwiegend positiv. Aber über drei Ecken kriegt man natürlich mit, dass Männer und sogar manche Frauen aus der Szene die Idee eines Frauenclubs belächeln und für überflüssig halten. Und bei jeder öffentlichen Diskussionsrunde zum Thema gibt es mindestens ­einen Mann, der uns nahelegt, dass wir Sexismus in der Gastronomie erst dadurch zum Problem machen, dass wir darüber ­reden. Es sind hartnäckige Strukturen, die wir mit dem Feminist Food Club versuchen sichtbar zu machen und zu ändern.

Wie wirken sich diese Strukturen praktisch aus?
Das Problem fängt beim Geld an: Wenn Männer Läden eröffnen wollen, erhalten sie oft leichter Geld, weil jeder Investor weiß, dass über männliche Köche mehr geschrieben wird. Es ist schwieriger, Mitarbeiter zu finden, welche die Autorität von ­Frauen in der Küche voll akzeptieren. Und dann noch der Gast, der es gewohnt ist, ­einen Paul ­Bocuse und nicht Douce ­Steiner in der ­Küche zu sehen, auch weil Bocuse ­irgendwann mal gesagt hat, dass die Frau ins Schlafzimmer gehört.

Wie agiert der Feminist Food Club dagegen?
Der Feminist Food Club trifft sich einmal im Monat, es kommen zwischen 10 und 30 Frauen. Wir tauschen uns über Erfahrungen aus, netzwerken und beraten uns gegenseitig. Aktuell arbeiten zum Beispiel zwei ­Frauen an einer Datenbank von und für Frauen in der Berliner Food-Szene, auf die jeder zugreifen kann.

In der internen Liste „Female* Chefs & Food Business Owners in Berlin“ sammeln Sie bereits weibliche Köchinnen, Sommeliers und Restaurant-Besitzerinnen. Die Liste ist 28 Seiten lang. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass die Berliner Gastronomie fortschrittlich ist?
Leider ist diese Liste ist nicht unbedingt ein Beweis für Berlins Progressivität. Berlin ist nicht weniger rassistisch, sexistisch und klassistisch als andere Städte. Köchinnen und Baristas gibt es überall – sie werden nur weniger gesehen. Es ist immer noch etwas Besonderes, wenn eine Köchin Sterne verliehen bekommt. Douce Steiner ist die ­einzige Zwei-Sterne-Köchin in Deutschland. Da sehe ich auch Männer stark in der Verantwortung, diese Strukturen zu bekämpfen. Ich wünschte, sie würden Trophäen von Wettbewerben ablehnen, die nur Preise an Männer vergeben, oder Auftritte auf rein männlichen Events absagen.

Der Feminist Food Club nimmt nur sich weiblich identifizierende Frauen in den Club auf. Wäre es nicht eine gute Idee, auch Männer einzuladen?
Nein. Der Club ist ein Ort, an dem sich die Frauen über persönliche Erfahrungen austauschen können. Die Anwesenheit eines Mannes würde diesen sicheren Raum brechen. Aber wir arbeiten gerade an Beteiligungsmodellen für Männer. Wir begrüßen natürlich jede Unterstützung, ganz unabhängig von Kategorien wie Geschlecht, ­Ethnie, Klasse …

Was sind gute Beispiele dafür, dass Berlinerinnen auch im männlich ­dominierten Food-Business erfolgreiche Unternehmen gründen können?
Diese Frauen werden bald in unserer ­Daten­bank zu lesen sein. Es ist aber nicht unser vorrangiges Ziel, dass mehr ­Frauen ihre ­eigenen Unternehmen gründen. Natür­lich wünschen wir uns mehr Frauen in Führungspositionen, aber das ist nur ein Hebel in unseren Bemühungen, das ­patriarchalische System, unter dem ebenso ­Männer leiden, zu demontieren. Wir wollen die Strukturen ändern und damit ein insgesamt gerechteres Arbeitsumfeld kreieren –und nicht nur einigen wenigen Frauen zu Erfolg verhelfen.

www.stilinberlin.de