Kinder des Zorns

Berlin ist nicht nur am 1. Mai ein gutes Pflaster für politisch engagierte Musik

Die vielen Soundtracks für die neue Protesthauptstadt:

Es wurde Zeit. In diesem Februar spielte Yok das erste Mal beim „Festival Musik und Politik“. Und das dann gleich zwei Mal: als Solist und mit seiner Band option weg. Seine Auftritte in der Wabe kommentierte der Sänger und Akkordeonspieler mit einem süffisanten „Na endlich!“. Yok ist zwar ein altgedienter Vertreter der linksradikalen Musikszene Berlins, aber für dieses Musikfestival, das seine Wurzeln als „Festival des Politischen Liedes“ in der DDR hat, war er als Punk lange Jahre zu ungemütlich. Bis vor kurzem pflegte man dort eher ehrfürchtig das Arbeiterlied und sah dessen Traditionen durch suspekten Anarchogesang gefährdet.

Doch an diesem Abend in der Wabe schlugen Yok und option weg eine Brücke zwischen Welten, die sich einerseits sehr ähnlich sind, aber nur selten Berührung miteinander finden. Denn kaum beachtet von den traditionellen Medien hat sich Berlin zum guten Pflaster für verschiedene linke Musikszenen entwickelt. Die Hauptstadt protestiert momentan nicht nur gern für bezahlbare Mieten und gegen Zwangsräumungen, gegen den Ausverkauf an Immobilienhaie und für den Erhalt von ­urbanen Freiräumen, für menschenwürdige Flüchtlingspolitik und gegen Naziumtriebe – sie feiert auch und braucht einen Soundtrack für ihren Protest.

Diesen Soundtrack liefern Bands wie Son Kapital, die Latin und Balkan in ihrer ­Musik ebenso problemlos verbinden wie Migrationskultur mit Tanzbarkeit. Zu ­hören ist er auf Veranstaltungen wie dem Aktionstag „Gemeinsam gegen Nazis!“ am 30. April in Schöneweide, bei dem zum Open-Air-Konzert die Polit-Ska-Band Berlin Boom Orchestra, die Polit-Punks ZSK und die Polit-Reggaeband Irie Revoltes spielen werden. Oder bei Solidaritätskonzerten wie für das Refugee Camp Anfang Februar: Dank Dota Kehr und Max Prosa war das Lido restlos ausverkauft. Einen Monat ­zuvor, bei der „Zeckenrap-Gala“, war das SO36 aus allen Nähten geplatzt. Ob Punk, Hip-Hop, World Music oder Folk: Viele linke Musiker sind erfolgreich und musikalisch breit aufgestellt.

Das war nicht immer so. Linke Musik in Berlin, das hieß einst vor allem Rock und Punk. Der Mariannenplatz, das Bethanien und das Rauchhaus sind im West-Berliner Gedächtnis mit Ton Steine Scherben verbunden, der Auftritt von Atari Teenage Riot am 1. Mai 1999 ist Legende. Aber schon damals bot die linke Musikszene mehr Kleingartenvereinsgeist als Revolutionsesprit – Folge des Kulturkampfes zwischen Punk und 68er-Protestsong.

Mittlerweile scheinen diese Grabenkämpfe und Abgrenzungen der Vergangenheit überwunden. Den Beweis liefert Yok nicht nur bei Veranstaltungen wie dem „Festival Musik und Politik“. Mit seinem auf Punk getrimmten Schifferklavier versöhnt er die Politik im Hier und Jetzt mit dem Erbe der 68er-Bewegung. Die hatte die Straße zur Bühne des politischen Protestsongs ­gemacht. Beflügelt durch die Friedens- und Anti-AKW-Bewegung engagierten sich immer mehr Straßenmusiker und Kleinkünstler. 1978 entstand daraus die Rotzfreche Asphaltkultur (RAK), ein loses, aber dafür bundesweites Bündnis von Künstlern. Ihr Ziel: politische Aufklärung über ­gesellschaftliche Missstände.

Trotz zwischenzeitlicher Auflösungserscheinungen hat sich die RAK bis heute gehalten. Die jährliche RAK-Gala ist ein großes Zusammentreffen ihrer Musiker und Bands, das diesmal im Mai in Hildesheim stattfindet. Wenn politisch gehandelt werden muss, wie jetzt bei der drohenden Räumung des Autonomen Zentrums Köln, wird zu Straßenmusik-Aktionstagen oder einer Soli-Gala vor Ort mobilisiert. Das Gründererbe der RAK wird durch neue Musiker-Generationen fortgeführt, die vornehmlich in Berlin an diesem Netzwerk weiterstricken.

Anke und Mogli gehören zu den Aktivkräften der RAK. Als Straßenmusiker sind sie nur noch selten unterwegs, weil die öffentliche Bühne schrumpft, seit immer mehr Shoppingcenter Bettel- und Musizier-Verbote verhängt haben. Ihr Herzblut steckt in der Folkrock-Band Früchte des Zorns, die sie 1999 als Duo gegründet haben und mit der sie nach diversen Umbesetzungen nicht nur bekannter, sondern auch musikalisch reifer geworden. Zwar gibt es für sie immer öfter Konzerte und Touren, bei denen mehr als nur das Benzingeld herausspringt, das Überleben finanzieren sie sich aber mit Webdesign und Jugendarbeit.

Wie alle Musiker und Bands aus dem ­autonom-anarchistischen Spektrum bewegen sich Früchte des Zorns im Spagat zwischen Alltagsüberleben, politischer Stellungnahme, linken Solidaritätserwartungen und Abgrenzungen zum Musikkapitalismus. Aber zumindest intern in der RAK ist das liebe Geldverdienen kein totales Tabu mehr, denn die Selbstausbeutung kostet Kraft und Energie. Auch deshalb setzt man auf Vernetzung. Das RAK-nahe Label „ab dafür! records“ bündelt die Internetpräsenz der Künstler, sucht unabhängige Vertriebswege und bietet nicht nur Berliner Bands und Musikern wie Berlin­ska Droha, Milch & Blut, Revolte Springen, option weg, Hannez übern Zaun, Paul Geiger­zähler, Konny und Yok eine Plattform.

An dem Dilemma, dass man trotz antikapitalistischer Haltung nicht von der Musik leben kann, sind schließlich schon Ton Steine Scherben gescheitert. Sänger Rio Reiser musste zum Popstar werden, um die Schulden seiner Band abzutragen. Würde er noch leben, würde sich Reiser wohl freuen, dass im Jahr 2012 der Rapper Refpolk in seinem Song „Kriegta Nix“ den Scherben-Klassiker „Mensch Meier“ zitiert.

Refpolk ist, nachdem er 2006 nach Berlin gekommen ist, schnell in der hiesigen linken Hip-Hop-Landschaft heimisch geworden. Im vergangenen Jahr hat Refpolk mit „Über mich hinaus“ ein fulminantes Solo-Album hingelegt mit klugen Texten, sprachgewandt und ohne Phrasendrescherei, die eine persönliche Innensicht mit einem wachen Blick auf die politischen Verhältnisse zusammenbringen. Produziert hat Beatbastler Leijione, unterstützt wurde er von Freunden wie Sookee und Pyro One. So ist „Über mich hinaus“ nicht der im Genre gern genommene Egotrip eines ­Rappers, sondern Ausdruck einer alternativen Hip-Hop-Kultur, die vor allem lebt von gegenseitiger Zuarbeit, Ermutigung und Inspiration. Auch in dieser Szene wurde ein eigenes Netzwerk aufgebaut: Bei TickTickBoom arbeiten momentan etwa 20 Menschen zusammen, Rapper, Produzenten, Grafiker oder Webdesigner.

Beim Gespräch sitzen dann mit Leijione, Refpolk und Sookee drei offene Menschen, die keine gängigen Hip-Hop-Klischees bedienen und sich selbst als Zeckenrapper bezeichnen. „Zeckenrap ist ein Sammelbegriff für Leute, die sich als links verstehen und Aktivismus und Mucke zusammenbringen“, erklärt Sookee. Diese Umdeutung der „Zecke“ von der Beschimpfung für Linke in einen positiv besetzten Begriff soll als Kampfansage gegen Neo-Nazis, Nationalwahn und Rassismus verstanden werden. Aber die Begrifflichkeiten seien letztlich Nebensache, sagt Sookee, wichtig ist, „dass die politische Rap-Szene innerhalb der deutschen Rap-Szene eine Relevanz hat und anerkannt wird.“ Zur politischen Arbeit gehören Auftritte der Zeckenrapper an Hitlers Geburtstag, dem 20. April, bei einem Fahrradkorso zu den Hotspots der Naziszene im ­Südosten Berlins.

Aber das ist nicht alles, denn „linke Themen sind viel breiter“, sagt Sookee. Sie selbst ist aus dem „Queer-Feminismus“ zum Hip-Hop gekommen. Mit Refpolk zusammen organisiert sie Workshops und Veranstaltungen, um mit Jugendlichen über Männlichkeit und Sexismus im deutschsprachigen Rap zu diskutieren, denn die Geldgewaltgoldkettchenwelt des Rap-Machokult brennt ihr besonders auf den Nägeln. „Die Inhaltsleere im deutschen Rap ist krass anstrengend“, ist ihre Einschätzung von großen Teilen der regulären Rap-Szene.

Mit ihren Texten setzt sie dem Sprüche klopfenden Hip-Hop eigenständiges Denken und Hinterfragen von Machtstrukturen, Identitäten und Herrschaftsverhältnissen entgegen. ­Dabei gerät auch das eigene Umfeld unter Sookees Sprachmesser, wenn sie in dem Song „Einige meiner besten Freunde sind Männer“ das angeblich so emanzipierte Geschlechterverhältnis in der linken Szene seziert. Den Vorwurf der ­„Heterophobie“ lächelt sie charmant weg, ihr geht es um ein freies, solidarisches Zusammenleben von selbstbestimmten Frauen und Männern.

Eine Utopie vielleicht, aber eine, die Energie gibt: „Wir wollen mehr als eine Nische besetzen. Nur durch ein eigenständiges Standing kannst du Einfluss gewinnen“, sagt Refpolk. Sookee hört nach Konzerten oft den Satz: „Ich höre eigentlich gar keinen Hip-Hop, aber die Inhalte sind interessant.“ Bei der „Zeckenrap-Gala“ von TickTickBoom im SO36 lag dann Aufbruchsstimmung in der Luft. Gemeinsam, so schien es, lässt sich doch etwas bewegen und verändern. Und gemein­sam feiern muss eben auch sein. Denn, so ­Sookee: „­Linke Politik ist oft mit viel Stress und Anstrengung verbunden.“

Demo und Konzert „Gemeinsam gegen Nazis!“: 30.4., 17 Uhr, S Schöneweide, www.gemeinsam-gegen-nazis.de
Demo und Konzert „Antikapitalistische Walpurgisnacht“: 30.4., 15 Uhr, S Gesundbrunnen, www.walpurgisnacht.blogsport.eu
Kurzkonzert Yok: 9.5. zur Eröffnung des Punkfilmfestivals im Kino Moviemento, www.pocketpunk.so36.net
Rote-Hilfe-Solikonzert mit option weg: 31.5., 22 Uhr, Supamolly,
Konzert Früchte des Zorns: 1.6., 22 Uhr, Supamolly, www.rak-treffen.de

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