Berliner Bilder

Bücher vom Fest

Seiten, die bleiben: Berliner Kunstgeschichten und Fotos vom Gabentisch

Julia Wagner: "Paradies, Berlin", 2013, Faus: "Berlin Raum Radar – Neue Architekturfotografie", Hrsg: Nadine Barth, Hatje Cantz 2016
Julia Wagner: „Paradies, Berlin“, 2013, Fine art inkjet print, 70 × 90 cm, aus: „Berlin Raum Radar – Neue Architekturfotografie“, Hrsg: Nadine Barth, Hatje Cantz 2016

Wir lieben Bücher, nicht zuletzt Fotobände, denn sie erlauben, was in Ausstellungen nur selten möglich ist: den Rückzug unter den Schirm einer einzigen Lampe, wo jedes Bild allein zu einem Betrachter allein spricht. Aber natürlich lesen wir gern. Auch auf Papier. Immer noch, oder besser: jetzt erst recht.

 

Nadine Barth (Hg.): Berlin Raum Radar

Mitch Epstein Lichtenberg, 2008, C-Print, © der Künstler / the artist Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln / Cologne aus dem Fotoband: "Berlin Raum Radar – Neue Architekturfotografie" Hrsg: Nadine Barth, Hatje Cantz 2016

Mitch Epstein Lichtenberg, 2008, C-Print, 114,3 × 147,3 cm © der Künstler / the artist Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln / Cologne aus dem Fotoband: „Berlin Raum Radar – Neue Architekturfotografie“ Hrsg: Nadine Barth Hatje Cantz 2016

Über 30 namhafte Fotografen wie Christine Fenzl, Ulrich Wüst und Ben de Biel zeigen ihre Versionen Berlins: von verfallenen Schwimmbädern über graue Plattenbauten bis zu Luxus-Townhouses. Oft schimmern Brüche durch, und schöne Fassaden werden auch gleich als solche entlarvt. Die Stadt soll als Ergebnis ihrer wechselvollen Geschichte gezeigt werden. In einem vorangestellten Essay plädieren die Chefredakteure der Architekturzeitschrift „Arch+ “ für den behutsamen Weiterbau Berlins und könnten damit wegweisend für dessen städtebauliche Zukunft sein. LBR
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2016,  128 S., 25 €

Hannah Höch: Revolutionärin der Kunst

Höchs Werk nach 1945 war Thema in der Mannheimer Kunsthalle, und deren großartig bebilderter Katalog wirft sogar Kunstfans in Höchs Heimat um, wo die Berlinische Galerie das Erbe der Dada-Künstlerin betreut.Denn der Band macht deutlich: Höchs Spätwerk ist das Bindeglied zwischen den 20er-Jahren und den surrealen Collagen zeitgenössischer Künstlerinnen. CWA
Edition Braus, Berlin 2016, 240 S., 34 €

Akademie der Künste: Baukunst im Archiv

Die Akademie der Künste hat erstmals aus ihrem Archiv eine Auswahl zur Baukunst veröffentlicht. Die Werke von Architekten, Ingenieuren, Fotografen, Zeichnern, Kritikern sind chronologisch aufbereitet vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Schwerpunkte bilden der Expressionismus und die 60er-Jahre. Das Spektrum reicht von der Skizze bis zu Hochglanzfotos, aber auch Briefe aus Konzentrationslagern finden sich in dem voluminösen Band. RT
Eva-Maria Barkhofen (Hg.): DOM Publishers, Berlin 2016, 560 S., 68 €

Stefan Schilling: Tacheles

Das Tacheles darf noch einmal aufleben: in den Erinnerungen von Stefan Schilling, Bewohner und langjähriger „Hoffotograf“ des Kunsthauses. Er dokumentiert dessen wichtigste Stationen von der Besetzung 1990 bis zur Räumung 2012. Nicht ohne Nostalgie blickt er zurück auf die wilden Jahre: Den Texten wäre mehr Komplexität zuträglich gewesen. Die vielen Fotos aber geben ein dichtes Bild der Tacheles-Ära wieder und sind als Zeitdokumente unersetzlich. LBR
Edition Braus, Berlin 2016, 144 S., 24,95 €

Manfred Maurenbrecher Die Künstlerkolonie Wilmersdorf

Der Liedermacher und Schriftsteller Manfred Maurenbrecher singt mit „Die Künstlerkolonie Wilmersdorf“ – dem Kiez, in dem er aufwuchs und in den er später zurückzog – ein Loblied auf das Unspektakuläre. So preist er einen ungepflegten Park und schreibt ein ganzes Kapitel über eine hässliche Post-/ McPaper-Filiale, aus der er für die Gegend – und die Gegenwart – höchst bezeichnende Geschichten zieht. EA
be.bra Verlag, Berlin 2016, 144 Seiten, 10 €

Universität der Künste: Über Suizid

Die Porträts, Erzählungen, Abschiedsbriefe, alle aus Berlin, widmen sich einem wichtigen, aber tabuisierten Thema: dem Suizid. Gefördert von der Universität der Künste und dem Institut für Europäische Ethnologie bündelt diese Anthologie Episoden und Momentaufnahmen: aus der Sicht der Leidtragenden, der Hinterbliebenen, aus dem  Arbeitsalltag und dem öffentlichen Diskurs. Schwere Kost, leicht zu lesen. RT
Panama Verlag, Berlin 2015, 330 S., 19,90 €

Sascha Weidner: Intermission II

Kann das sein, dass ein einziger Fotograf an so vielen geschrotteten Karossen vorbeikam, frisch nach dem Unfall? Weidner lässt rätseln, wie weit er die Grenzen von Dokumentation und Inszenierung überschreitet. Zweifellos aber zeigt der 2015 nur 40-jährig verstorbene Berliner Künstler Sascha Weidner Seelenzustände: verdächtige Stille vor und nach dem Sturm, zudem Köpfe in Tüten. Da machte einer sichtbar, wovon man meist nur schweigt. SH
Hatje Cantz, Ostfildern 2016, 160 S., 39,80 €

 Leonhard Emmerling/ Ines Kleesattel (Hg.): Kunst zu Politik

Die Herausgeber müssen vernagelt gewesen sein, als sie in der Essaysammlung „Politik der Kunst‟ keinen Beitrag eines Politikwissenschaftlers abdruckten. Drei lesenwerte Beiträge scheren jedoch aus dem eingleisigen Band aus: die streitbare Systematik politischer Kunst von „Frieze/de‟-Chefredakteur Jörg Heiser, ­die Kriterien für interessante Kunst des Berliner Galeristen Alexander Koch und Holger Kube Venturas Schlusstext, der dieser Kunstdebatte über politische Kunst beredt Solipsismus bescheinigt. CWA
Transcript, Bielefeld 2016, 214 S., 32,99 €

Harriet Roth: Richard Neutra

Das NS-Deutschland blieb ihm erspart: Richard Neutra ging bereits in den 20er-Jahren in die USA, wo er seine berühmten Glashäuser für kalifornische Hänge entwarf. Begonnen hat der Architekt jedoch in Luckenwalde und Berlin, wie der informativ reich bebilderte Band der britischen Kunsthistorikerin Harriet Roth zeigt: mit den „Zehlendorfer Häusern“ im Kiefernhain der Onkel-Tom-Straße, ihrer sachlichen Gestalt in Weiß samt funktionalen Küchen und farbigen Wänden. CWA
Hatje Cantz, Berlin 2016, 299 S., 48 €

Institut Français: 20 Jahre Bureau des Art Plastique

Das Bureau des Art Plastique am Institut Français hat sein 20-jähriges Jubiläum gefeiert und eine elegant, wenn auch etwas unübersichtlich gestaltete Foto/Text-Sammlung zu Kunst in Berlin nach 1990 aus deutsch-französischer Perspektive veröffentlicht. Sehr schön etwa der kulturpolitische Rückblick von Thibaut de Ruyter, der lang auch für ZITTY schrieb. CWA
Archive Books, Berlin 2016, 261 S., 15 €

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