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Berlin meine Liebe

Die Winternächte in unserer Stadt sind lang und kalt und voller Menschen, die kein Zuhause haben. Wir haben einige von ihnen durch eine Nacht in einer Notunterkunft begleitet

Ein Dach über dem Kopf, dazu Gratis-Kaffee: Notunterkunft in der Gitschiner Straße 15 in Kreuzberg
Foto: Sarah Bergmann

05:45 Uhr Peters Tag beginnt beschissen. Mal wieder. Wütend kippt er eine Mülltüte aus und verstreut den ungewaschenen Inhalt auf dem Boden: ein Handtuch mit Hotellogo, eine gerissene Anzughose, ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift „Tornado Sports“ und einen Zeichenblock. Eine Mitarbeiterin hat Peters Sachen kurz zuvor in die Mülltüte geräumt, weil er sie mitnehmen muss, wenn die Einrichtung in 15 Minuten schließt. „Germans are psychopaths“, sagt der etwa 50-jährige Künstler in gebrochenem Englisch und schimpft auf Lettisch weiter. Wütend kickt er gegen den Kleiderhaufen und verlässt den Raum. Er schmeißt die Tür zu, aber sie bekommt nicht den nötigen Schwung. Der Knall bleibt aus.

In der Nacht vom 29. auf den 30. Januar werden Berlins Obdachlose offiziell gezählt. Schätzungen gehen von 6.000 bis 10.000 Menschen aus, die hier auf der Straße leben – die Stadt ist für sie ziemlich attraktiv. Hier gibt es viele Anlaufstellen, kostenfreies Essen und das in der Metropole Erbettelte sichert ein Leben am Existenzminimum. Die Chance auf eine eigene Wohnung in der Stadt ist für von Obdachlosigkeit Betroffene so gut wie nicht existent, deswegen campen viele von ihnen wild. Regelmäßig lassen Bezirke Camps räumen. Und seit diesem Jahr gibt es in Berlin auch keine Kältebahnhöfe mehr. Was bleibt, sind offizielle Übernachtungsstellen. 1.155 Plätze gibt es momentan in der Stadt, einige davon in der Gitschiner Straße 15 in Kreuzberg, im Nachtcafé des sozialen Trägers Karuna. Hier können sich Peter und bis zu 35 andere Obdachlose bis sechs Uhr morgens im Erdgeschoss des Gebäudes aufhalten. Im ersten Stock dürfen auf dem Fußboden und einigen Polstermöbeln bis zu zehn Gäste schlafen. Die Unterkunft in der Gitschiner 15 soll Ersatz für die abgeschafften Kältebahnhöfe sein. Im Gegensatz zu regulären Notunterkünften dürfen Hunde mitgebracht werden. Und wer Alkohol trinken möchte, kann dafür in den Hinterhof gehen.

21:35 Uhr Rund acht Stunden vor seinem empörten Aufbruch steht Peter vor dem verschlossenen dunkelroten Metallgittertor eines ehemaligen Fabrikgebäudes. Auf dem Briefkasten steht „Kultur- und Gesundheitszentrum“. Seit dem 15. November nutzt Karuna nachts die Räume der Einrichtung. Peter lächelt freundlich. Er trägt ein schwarzes Sakko, darüber einen ebenfalls schwarzen, mit Glitzerfäden durchbrochenen Schal. Seine feinen weißen Haare sind sorgfältig gescheitelt. Vor zwanzig Tagen kam er aus Lettland nach Berlin.

21:50 Uhr Ein Mitarbeiter des Vereins Karuna schließt das Tor auf. „Hallo Peter“, sagt er und schüttelt ihm in der gepflasterten Einfahrt die Hand.

23:10 Uhr Acht Menschen sitzen im etwa 35 Quadratmeter großen Aufenthaltsraum an fünf Tischen mit rot-weiß karierten Plastiktischdecken. Es riecht nach der Bohnensuppe, die die Mitarbeiter den Gästen gerade servieren. Dazu gibt es Brötchen. Auf einem Tresen steht ein Tablett mit Doppelkeksen, rechts davon ein mit Orangensaft befüllter Getränkespender, daneben lagern diverse Teesorten. Das hochfrequentierte Herzstück des Tresens ist eine Perkolator-Kaffeemaschine, die sich selbst mit Wasser nachbefüllt. Die Schlürfgeräusche der Essenden vermischen sich mit dem Klirren der Löffel an Tellern und Tassen.

Nur ein kleiner Teil der Berliner Obdachlosen nutzt Einrichtungen wie diese. Strenge Regelungen im Bezug auf Hunde, Drogenverbote und die Sorge davor, ihren gesamten Hausstand auf der Straße zurückzulassen, hindern Obdachlose daran, Notunterkünfte aufzusuchen. Das Nachtcafé von Karuna bemüht sich, die Hürden niedrig zu halten. „Der Zustand, in dem du hier ankommst, ist egal“, sagt, Karuna-Mitarbeiter Thorsten Buhl. Keiner wird durchsucht oder muss Fragen beantworten.

00:15 Uhr Peter ist hellwach. Wie getrieben kehrt er das Laub auf dem Kopfsteinpflaster der Durchfahrt zusammen. Das Geräusch von über den Boden kratzendem Metall dringt in den Aufenthaltsraum. Eine Stunde später verabschiedet er sich zum Schlafen.

Doppelkekse machen das Leben ein bisschen erträglicher
Foto: Sarah Bergmann

02:00 Uhr Peter steht doch wieder auf dem Hinterhof und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Arthur sitzt derweil im Aufenthaltsraum. Er hat schwarze Haare, ist groß und breitschultrig. Er sitzt neben einem Pfeiler, breitbeinig, mit verschränkten Händen, fast bewegungslos. Seine nackten Füße stecken in schwarzen Schnürschuhen. „Ich habe zwei Hobbys: Drogen nehmen und Filme schauen“, sagt er. Gerade tut er zweiteres. Seine rot unterlaufenen Augen sind auf die Projektionsfläche eines Beamers gerichtet. Über den Netflix-Account eines Mitarbeiters läuft ein von diesem ausgewählter Film über einen Mutanten. Das Einzige was sich an Arthur während des gesamten Films bewegt, sind seine Mundwinkel, die sich an lustigen Stellen nach oben ziehen.

04:00 Uhr Der Film ist vorbei. Arthur steht unentschlossen vor dem Bartresen. Er ist unsicher, ob er einfach nach oben in den Schlafsaal gehen kann. Deswegen wartet er. Er lächelt verlegen. Nach etwa zehn Minuten wird ein Mitarbeiter auf ihn aufmerksam.

04:06 Uhr Die meisten sind zum Schlafen nach oben gegangen. Dort ist es dunkel. Im Treppenhaus hört man die Atemzüge der Schlafenden. Der Aufenthaltsraum ist fast leer. Ein ausgezehrter Mann tritt ein. Sein Gesicht ist fahl und eingefallen, die Schultern sind gebeugt und seine Haare zerzaust. Mühevoll schleppt er zwei Einkaufstüten mit sich. Er setzt sich auf einen Stuhl und schläft innerhalb von 30 Sekunden ein. In seiner schmutzschwarzen rechten Hand hält er ein orangenes Feuerzeug. Es fällt ihm einmal herunter. Er wacht auf, hebt es auf und hält es fortan fest umschlossen in seiner auf dem Tisch ruhenden Hand. Selbst als sein Oberkörper auf seine Knie kippt.

04:09 Uhr Peter war die ganze Nacht wach und ist inzwischen umgezogen. Er trägt jetzt eine grüne Hose und ein schwarzes Sweatshirt. Hose und Shirt hat er sich aus der Kleiderkammer ausgesucht, die ihm eine Mitarbeiterin aufgeschlossen hat. Seine frisch gewaschenen Haare stehen etwas ab. Er lehnt am Bartresen. In seiner Hand hält Peter eine Infobroschüre. Auf eine Seite hat er in Versalien „Berlin meine Liebe“ geschrieben. Außerdem stehen dort nützliche Telefonnummern. Unter anderem die seiner Bank. Aus den Lautsprechern eines   Transistorradios tönt „At least in heaven I can skate“. Dafür hat Peter aber gerade kein Ohr. „Seit zehn Tagen bin ich in Berlin ohne Geld. Das ist scheiße. Ich habe ein Telefon, aber kein Geld. Ich kaufe ein Ticket für U-Bahn. Aber kein Geld! Ich will einfach jemanden, der mir hilft!“, sagt er laut zu dem Mitarbeiter hinterm Tresen. Der Mitarbeiter schreibt  eine weitere Telefonnummer in Peters Broschüre, die vom Diakonischen Werk. Dort könne man ihm helfen. „Danke, siehst du, ist doch gar kein Problem“, sagt Peter lachend und kopfschüttelnd.

05:20 Uhr Eine Mitarbeiterin schaltet das Licht im oberen Stockwerk an. Alle müssen aufstehen. Schweigsam schälen sich die vom grellen Licht Geweckten aus ihren Schlafsäcken und rollen sie zusammen. Bis auf Arthur. Der hat nicht mal zwei Stunden geschlafen. Immer noch liegt er unter einem großen Fenster in seinen Schlafsack eingemummelt. Die Mitarbeiterin öffnet das Fenster. Kalte Luft strömt herein. Einer der Gäste macht zum Aufstehen ein Lied von Metallica an. Es vermischt sich mit dem Geräusch der vorbeifahrenden U-Bahn, die sich fast auf der gleichen Höhe wie der Schlafraum befindet. Arthur regt sich. Sein Plan für heute: betteln gehen. Gestern hat er es nicht geschafft, da ist er in der Ringbahn eingeschlafen.

06:05 Uhr Für die nächsten drei Stunden bleibt die Einrichtung in der Gitschiner Straße geschlossen. Dann übernimmt ein anderer Träger den Tagesbetrieb. Im zweiten Stockwerk des nahen U-Bahnhofs Prinzenstraße haben sich einige der Besucher der heutigen Nacht niedergelassen. Am Gleis steht Peter. In einem neuen Outfit. Er ist immer noch aufgebracht. Einundzwanzig Tage sei er nun in Berlin und es sei „Scheiße! Pardon.“