Liebeserklärung eines Rave-Profis

Berlin – Mythos Technostadt

Liebeserklärung eines Rave-Profis: an den Exzess, an Berlin – und sogar an die Technotouristen

Bericht: Tobi Neuss

Mária aus Budapest war auf der Suche nach dem Mythos Techno in Berlin. Sie hat ihn in einer dieser Discotheken gefunden. Indem sie einfach immer „ja“ gesagt hat. Zu Kokain, MDMA, Speed, Ketamin, Knutschen, im BH tanzen. Sie war acht Jahre auf einer katholischen Schule, sie hat viel nachzuholen. Als sie aus dem Club stolpert, leuchten ihre Augen. „This was so crazy“, sagt sie. In ihrem Heimatland gäbe es nicht einmal ähnliches. Keine derartigen Eskapaden. Keine derartige Freiheit.

Discokugel
Klassiker Disco­kugel: Seit den 70ern Symbol des Hedonismus. Auch Heute hängen noch überall welche herum
Foto: Bill Erickson / flickr / CC BY-NC 2.0

Mária hat Glück gehabt. Viele andere, die wie sie dem Ruf des Viervierteltakts in die Stadt gefolgt sind, scheitern an Türstehern, der Organisation von Rauschmitteln oder an ihrer eigenen Schamhaftigkeit. Aber es sind auch schon viele für einen Tag, zwei oder drei in die legendäre Partyszene abgetaucht. Genug, um Berlin einen internationalen Ruf zu verschaffen.

Als der Stadt der Ausschweifungen, der Drogen, der endlosen Raves. Der Stadt, in der fast alles möglich ist. Es ist der Ruhm, der die Grundlage bildet von Berlins Anziehungskraft für junge Menschen aus aller Welt. Vor einer Weile machte die wohl gefakte Rezension eines US-Touristen über das Berghain im Internet die Runde, er beschwert sich über die homosexuellen Ausschweifungen. Dass die Rezension so weit verbreitet wurde, liegt wohl nicht zuletzt daran, dass viele Besucher genau solche Eskalation suchen und lieben.

Vor dem Berghain (ohne Schlange!"Foto: Michael Mayer / flickr / CC BY 2.0
Vor dem Berghain (ohne Schlange!)
Foto: Michael Mayer / flickr / CC BY 2.0

Die meisten von denen, die schon länger in Berlin leben und regelmäßig ausgehen, hassen diesen Ruhm und die Technotouristen, die ihn verursacht haben und von denen er immer mehr anzieht. Denn sie sind zu einer Plage geworden. Sie stürmen jede einigermaßen interessante Party mit ihren überzogenen Erwartungen. Sie machen die Szene zum Zoo, in den jeder mal reinspazieren kann, um einen Blick auf die Crazy Berlin Party People zu werfen.

Wer regelmäßig ausgeht, wird auch regelmäßig von ihren aufdringlichen Anfragen genervt. Ob man nicht irgendwelche Drogen habe, oder welche besorgen könne. Welches Rauschmittel ist ihnen dabei meist völlig egal. Hauptsache unterwegs, Hauptsache Teil der wilden Ravemaschine sein. Es wirkt oft unangenehm gierig. Weil sie selten etwas bekommen, sind sie oft viel zu betrunken. Sie torkeln und nerven, sie bereichern die Tanzfläche nicht. Sie machen die Partys langweiliger. Sie sind keine Menschen, die regelmäßig ausgehen und so die Partyszene mit am laufen halten. Sondern sie wollen nur ihr Stück vom Kuchen abgreifen. einmal total verrückt sein und dann zurück in ihre spießigen Leben gehen. Sie saugen die Szene einfach nur aus.

Früher war alles besser?

Ravende Meute
Ravende Meute: alle Teil der gleichen aschine
Foto: C. Poloczek & L. Dreher/ pollography/ photocase.de

Ich bin auch schon ein bisschen länger dabei. Und würde sagen: Früher, etwa so bis 2006, wurde enthusiastischer getanzt. Weil in der nur wenige Menschen umfassenden Partyszene fast jeder jeden kannte und ein irrres Zusammengehörigkeitsgefühl auf den Tanzflächen entstand. Wir waren ein kleiner, gegen die Realität eingeschworener Haufen.

Am Sonntag fanden wir eingefleischten Feierleute immer zusammen. Denn es gab zwar schon immer viele Partys, doch nur wenige, die auch am heiligen Feiertag noch bis abends und darüber hinaus pumpten. Bis 2003 traf man sich im Ostgut, dem Vorgänger des Berghain. Dann auf wechselnden Sonntags-Afterhours, immer irgendwo anders in der Stadt.

Eine Zeitlang wurden sonntags sogar wechselnde Berliner Eckkneipen beravet. Ab 2004 war sonntags auch die Bar 25 eine Option, ungefähr gleichzeitig kamen die ersten Open-Airs auf, After-Partys auf wechselnden Parks und Brachflächen, mittendrin in der Öffentlichkeit.

Wir paar Wahnwitzigen, die das alles mitgemacht haben, haben uns in einer wichtigen Phase unserer erweiterten Jugend kennengelernt. Wir haben eine fantastische Energie miteinander entwickelt, die aus dem Wissen kam: Wir geben alle alles. Heute Nacht und Morgen und vielleicht noch den Tag danach.

Und zur Not gehen wir zwischendrin schnell studieren oder arbeiten und kommen dann zurück. Auf die Tanzflächen, die Toiletten, die Afterhours, auf denen wir uns über hunderte Stunden miteinander verbinden. Weil sie das Wichtigste waren, das es für uns gab. Wir waren jedes Wochenende aufs Neue bereit, unsere Leben zu opfern für dieses Leben. Das so frei und authentisch war, wie wir es nirgendwo sonst bekommen konnten. Wo wir einfach wir sein durften, denn wir waren unter uns. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Viele sind in der Zwischenzeit erwachsen geworden. Haben Kinder, sind Ärzte oder sogar Abgeordnete, ein paar sind tot oder bei Suchthilfegruppen, die ihnen den Umgang mit der Partyszene verbieten.

Mein erstes Mal mit Touristen

Und in der Zwischenzeit kamen die Fremden und machten uns unseren Lebensraum streitig, zerstörten dessen Intimität. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist verlorengegangen. Es gibt inzwischen zu viele Clubs. Zu viele Sonntagstanz-Optionen. Man trifft sich kaum mehr. Es gibt zu viele Menschen, die immer nur für eine Nacht in Berlin bleiben oder zwei. Inzwischen ist alles so voller Besucher, dass wir jetzt sogar automatisch mit allen Englisch sprechen, weil wir dieses „Sorry, I couldn’t get that“ so satt hatten. Manchmal löst sich dann erst nach ein paar Minuten auf, dass beide aus Berlin sind.

Erst war ich befremdet. Jahrelang bin ich deswegen nur noch selten in Clubs gegangen. Der Wendepunkt kam erst vor kurzem auf einer privaten Afterhour, zu der auch Touristen eingeladen waren. Als ich nicht mehr umhinkam, mich mit ihnen länger zu unterhalten. Als ich erfuhr, dass auch sie spannende Leben führen, spannende Jobs haben, in interessanten Städten wohnen. Anders als ich dachte, bereichern sie die Szene. Mit ihrer frischen Energie. Ihrer Unverbrauchtheit. Ich habe verstanden: Die Abneigung gegen sie ist einfach nur die alte Angst vor dem Fremden und Neuen. Die Angst vor Veränderung.

Inzwischen liebe ich das Leuchten in ihren Augen, wenn sie „awesome!“ sagen. Diese anarchistische Glut, wenn sie merken, dass sie semi-öffentlich Drogen nehmen können. Ja sogar Sex haben, Wildfremde ansprechen oder ein verrücktes Outfit tragen. Wenn ihnen klar wird, dass sie hier einfach sie selbst sein können.

Foto: merze-merze / photocase.de
Foto: merze-merze / photocase.de

Heute gehe ich offener auf sie zu. Viele bleiben ja doch eine Weile. Es kann Partybeziehungen geben, fast so wie früher, wo man immer wieder miteinander ausschweift. Und die Neuen können mich, anders als die Alt-Raver, mit denen ich seit ewigen Zeiten ausgehe, noch inspirieren. Sie bringen frischen Wind in die inzestuöse Partyszene, in der jeder den gleichen Lifestyle und den gleichen Erfahrungshintergrund hatte, und so ziemlich jeder schon mit jedem gebumst.

Durch ihre Augen kann ich die Schönheit der Freiheit sehen, an die ich schon viel zu gewöhnt war. Für die Touristen ist alles neu. Sie haben Angst, als Gruppe aufs Klo zu gehen. „Das können wir nicht machen, da kriegen wir doch Hausverbot“, fürchten sie. Dabei existieren diese Discotheken nur dank Drogen, und das wissen die Türsteher auch. Man kann den Touristen riesige Freude machen, wenn man ihnen Drogen besorgt, und sie so bis zu der Uhrzeit durchhalten, zu der immer alle gefühlte Freunde sind. Für sie sind es unvergessliche Momente. Und die durch ihre Augen zu sehen, ist wunderschön. Es gibt mir wieder einen Hauch von dem Gefühl, wie es war, als wir angefangen haben. Wir, der Kern. Der jetzt nur noch verstreut unterwegs ist. Aber anscheinend schneeballmäßig die Massen infiziert, ihnen die Lust auf ungehemmtes Leben in die Köpfe setzt. Auf eine Welt, in der Viele alles mit allen teilen.

Die Touristen sind oft erstaunt. So richtig mit großen Augen und Hand vor dem Mund. Sie zeigen uns damit, welches Geschenk wir hier leben dürfen. Von Dingen, die uns ziemlich normal erscheinen, sind sie hin und weg. Beispielsweise: Ein Typ wird auf dem Tresen gefistet. Ein Türsteher kommt mit ins Klo, lässt sich eine Nase ausgeben. Auf der Couch wird ein Mädchen gefingert, an der Bar bekommt ein Typ einen geblasen. Überall werden ganz offen Joints gedreht und geraucht.

Fisten, blasen, Drogen nehmen

Als wir Mária in diesem superangesagten Club treffen, ziehen fünf andere Berliner und ich – Frauen und Männer – auf der Tanzfläche unsere Oberteile aus, ein paar drumherum tun es uns nach.

Wir sagen zu Mária: „Fuck, what ,the people‘ think!“ Sie behält erstmal den BH an. „I am not that kind of girl“, sagt sie, überlegt kurz, sagt: „Not yet“, und grinst. Sie muss das erstmal in ihren Kopf bekommen, die Berliner Freiheit. Wo halbnackte Tänzerinnen gefeiert und nicht angegraben werden, wo niemand etwas sagt, wenn wir zum fünften Mal zu fünft aufs Klo gehen. Wo der Barmann gratis ein Glas Wasser abfüllt, wenn wir sagen, wir brauchen etwas, in dem wir unsere Drogen auflösen können. Wo der Taxifahrer sie nicht befremdet anstarrt, wenn sie völlig überballert lachend auf der Rückbank sitzt. Wo sogar die Polizei unauffällig wegsieht, wenn mal wieder ein paar Überdruffe mit garantiertem Betäubungsmittelbesitz vorbeikommen.

Mária schaut, als würden wir von Fabelwesen berichten, wenn wir erzählen, was wir schon so alles erlebt haben. Wenn wir versuchen, sie als Pärchen zum Knutschen zu überreden.

Mária sagt: „In Budapest waren wir um elf schon alle betrunken in einer Bar, hier sind wir immer noch zu Hause, überlegen, welche Outfits zu welchem Club passen. Es ist verrückt in Berlin, du must für jeden Club anders angezogen sein. Berghain: schwarze Fetischuniform, Sisyphos: bunt mit Glitzer, about blank: Schwarz mit Kapuze, Kitkat: Sexydress.“ Ja klar, weil eben jeder Club seine ganz eigene Besatzung hat. Aber für Mária sind die vielen Szenen einfach viele Möglichkeiten. Die sie gerne mitnehmen, kosten würde, zumindest für eine Nacht.

Früher fand ich das aufdringlich, heute kann ich die Bereicherung sehen, die frische Energie, die Touristen auf die Partys bringen. Und wie die Begeisterung durch ihre Augen und ihren Willen zum unbedingten Spaß zurück auf die Tanzflächen fließt. Ja sogar: auf die Tanzflächen dieser Welt. Das, was die Leute hier erleben, das nehmen sie mit nach Hause, in ihre Metropolen. Events wie im Kitkat oder im Berghain: mit Sex und Rave auf einmal, oder Partys, die tagelang nicht enden – die versuchen Menschen auch daheim zu wiederholen.

Dort ist es meist so, dass man zur Afterhour bei jemandem zu Hause sitzt und sich stumpf weiter zuballert, in Berlin hört man einfach nicht auf zu tanzen. Und wenn man gemeinsam nach Hause geht, dann weil man es will. Und nicht, weil es keine andere Option gibt, weiterzumachen. Und vielleicht kommt man nach ein paar Stunden einfach geschlossen zurück. Wenn nicht auf dieses Fest, dann auf das nächste.

Die Party endet nie

Das ist eines der großen Faszinosa an Berlin: Die Party endet nie. Und sie ist wild. Und sexy. Nicht auf eine Wir tanzen-in-Highheels-um-unsere-Handtaschen-Art. sondern im Sinne von: Wir ziehen unsere T-Shirts aus und stürmen die Tanzfläche. Und danach gehen wir zusammen aufs Klo und lecken uns aus Spaß den Schweiß von der Stirn, während wir Lines mit der Krankenkassenkarte aufziehen. Am Ende wird es meistens ein bisschen viel. Gerade für die, die nichts gewohnt sind. Aber auch: ein großer Spaß. Für uns ein weiterer in einer langen Reihe, für sie im Idealfall, oder ein Stück weit vielleicht auch immer zwingend: lebensverändernd.

Dankbare Gäste

Und das Beste: Wenn wir Lust haben, uns andere Großstädte aus Local-Sicht anzusehen: Wir sind in extrem viele von ihnen inzwischen mit Leidenschaft und Herzblut eingeladen. Die Touristen, die sich hier willkommen fühlen, wollen Berlin etwas zurückgeben. Und wenn jetzt ausgerechnet wir es abkriegen, lebenslanges Couchnutzungsrecht für die Vermittlung von ein bisschen MDMA: gern. Aber es wäre nicht nötig gewesen. Wir haben uns toll gefühlt dabei, ihnen eine Welt schenken zu können. Die Wut auf die Touristen, die die Partyszene zerstören, weil sie sie verändern, funktioniert nur, solange man sie nicht kennt.

Wenn es längst hell ist, stolpern wir zusammen mit Mária auf die Straße, verabschieden uns mit einer innigen Umarmung und sagen: „Come back!“

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