Thriller

Berlin Syndrom

Cate Shortland zeigt, wie Berlin von außen wahrgenommen wird

ZITTY-Bewertung: 3/6

Einen besseren Einstand in Berlin ­könnte die Australierin Clare (Teresa Palmer) kaum haben, als die Party auf dem Dach des Neuen Zentrums Kreuzberg. Wie ­viele junge Besucher taucht sie am Kotti auf und verliert sich schnell in den vielen Möglichkeiten, die sich rund um die Oranien­straße bieten. Als sie auf einen Deutschen trifft, achtet sie nicht auf die Bücher, die er unter dem Arm trägt – sonst ­könnte sie misstrauisch werden. Andi (Max ­Riemelt) liest Sachen von Matthes & Seitz, und das ist der Hausverlag von Georges Bataille, ­einem Denker, dem es nicht um Blümchensex ging, sondern um „Die ­Tränen des Eros“.

Neu in Berlin: Clare (Teresa Palmer)
Foto: 2016 Berlin Syndrome Holdings Pty Ltd Screen Australia

In Cate Shortlands Erotikthriller geht es ans Eingemachte, allerdings auf eine Weise, die das Eingemachte ein bisschen ausgedacht wirken lässt. Der Titel deutet schon an, in welche Richtung es geht: um die Beziehung, die zwischen einem Menschen in Geiselhaft und seinem Beherrscher entsteht. Clare muss bald begreifen, warum sich in Andys Wohnung die Fenster nicht öffnen lassen. Die offene Stadt Berlin ist plötzlich ganz weit weg, und Clare entwickelt ihr eigenes „Stockholm Syndrom“, also eine Form des Arrangements mit einer unerträglichen Zwangslage.

Die Regisseurin Cate Shortland stammt wie Clare aus Australien, hat längere Zeit in Berlin gelebt und hier schon 2012 den Film „Lore“ gedreht, ein historisches ­Drama über die Zeit unmittelbar nach der ­Befreiung 1945. Für „Berlin Syndrom“ ­diente nun ein Roman von Melanie Joosten als Vorlage, der als klassischer Psychothriller mit den ­unterschiedlichen Perspektiven auf eine alptraumhafte Geschichte spielt. In der Verfilmung ist das alles deutlich konventioneller geraten, zumal die zentrale allegorische Absicht der Regisseurin nicht wirklich aufgeht: Sie erklärt, dass die ­Beziehung zwischen Clare und Max wie ein Sinnbild für die Beziehung der Menschen in der DDR zu ihrem System gesehen werden könnte. ­Damit strapaziert Shortland ihren Film doch über.

Interessant ist „Berlin Syndrom“ eher als Indiz dafür, wie diese Stadt aus der Ferne wahrgenommen wird, welche Klischees von ihr im Umlauf sind, und welche Abgründe man ihr zutraut.

AUS 2017, 116 Min., R: Cate Shortland, D: Max Riemelt, Teresa Palmer, Matthias Habich, Emma Bading

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