Berlin

Berlin will die Gaslaternen abschaffen

In Berlin stehen 31.300 Gaslaternen. Mehr als die Hälfte aller weltweit funktionierenden. Doch das ändert sich geradeDas alte Berlin – zumindest sein Ambiente – aufleben zu lassen, dafür wird in der Hauptstadt viel Geld ausgegeben. 595 Millionen Euro nach letztem Stand, für Fassadenprunk mit wenig dahinter. Während für Disney-Bauten wie das Stadtschloss offensichtlich genug Geld da ist, ist für historische Berliner Straßenbeleuchtung kein Cent mehr übrig. Dabei sind die alten Berliner Gaslaternen, die in Verbindung mit Kopfsteinpflaster das alte Berlin so schön verkörpern, ein Pfund, mit dem die Stadt wuchern könnte. „Aktuell gibt es noch 31.300 Gaslaternen, übrigens mehr als die Hälfte aller weltweit noch funktionierenden Gaslaternen“, weiß Bertold Kujath vom Verein zur Förderung des Kulturgutes Berliner Gas-Straßenbeleuchtung. Dabei gibt es verschiedene Modelle. Etwa die Modellleuchte am Chamissoplatz in Kreuzberg, die Aufsatzleuchte, die an der Leonhardtstraße in Charlottenburg steht, die Hängeleuchte an der Schlossstraße in Charlottenburg, die Reihenleuchte an der Dernburgstraße am Lietzensee oder die Zylinderleuchte an der Jürgen-Schramm-Straße in Gatow.

Gaslaternen könnten Weltkulturerbe werden

In Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt ist es Kujaths Verein vor zwei Jahren gelungen, rund 3.300 Gaslaternen unter Denkmalschutz zu stellen. Diese sind zunächst vom Abriss ausgenommen. Berlin weiß anscheinend nicht, welche Bedeutung die alten Lampen haben. Der World Monuments Fund (WMF) in New York hat das Gaslicht und die Gasleuchten Berlins auf seine Watch List gesetzt. Damit soll von Untergang oder Vernichtung bedrohtes kulturelles Welterbe in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Die Gasleuchten sind übrigens der einzige Punkt der Liste, der aus Deutschland stammt. Auch renommierte

Denkmalschutzorganisationen wie Europa Nostra, das Deutsche Nationalkomittee für Denkmalschutz und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fordern, die historischen Gasleuchten zu erhalten.

Kujath hat außerdem ein Gutachten eines britischen Welt­erbeexperten in der Schublade, wonach die Gesamtheit der Berliner Gas-Straßenbeleuchtung ein hohes Potenzial hat, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden. „Auch von der UNESCO selbst gibt es Entscheidungen, die das unterstreichen“, so Kujath. Doch das rührt die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz wenig: „Alle Gasleuchten außer denen, die unter Denkmalschutz stehen, werden durch LED-Leuchten ersetzt. Dabei werden die kompletten Gasleuchten demontiert und elektrische Leuchten errichtet“, teilt Dorothee Winden von der Senatsverwaltung ungerührt mit. Die Senatsverwaltung behauptet, dass die LED eine dem Gaslicht nahezu identische Lichtfarbe habe.

Die Umbaukosten pro Gasleuchte sind relativ hoch: zwischen 4.400 und 5.250 Euro pro Gasleuchte. Doch laut Senatsverwaltung haben sich diese Kosten durch die wesentlich niedrigeren Betriebskosten innerhalb von neun Jahren amortisiert. Außerdem sind die LED-Lichter besser fürs Klima: durch die Umrüstung werde Berlin rund 24.600 Tonnen Kohlendioxid einsparen.

Für die Polizei haben die neuen elektrischen Leuchten einen weiteren Vorteil: Ihr Licht ist heller und soll dabei in Problemkiezen helfen, die Kriminalität zu bekämpfen. Wer sich wundert, warum viele alte Gasleuchten nicht nur nachts, sondern auch tagsüber brennen: Hier sind die sogenannten „Dämmerungsschalter“ kaputt, die die Leuchten abends einschalten. Um die Verkehrssicherheit zu garantieren, bleiben die Gasleuchten dann eben immer angeschaltet – die Alternative wäre nur, sie dauerhaft auszuschalten.

Geköpfte Laternen

Schlimm steht es auch um die historische Gasleuchten-Ausstellung im Tiergarten, wo einmal rund 100 Gasleuchten aus Deutschland und anderen Ländern entlang eines Parkweges standen. Vandalen haben viele von ihnen „geköpft“ und verhökert, andere sind stark beschädigt und leuchten nicht mehr. Die Gasleuchtenausstellung steht in vielen Reiseführern als Attraktion von Berlin – wer sich jedoch die Mühe macht, sie im Tiergarten anzuschauen, wird enttäuscht. Fast an allen verbliebenen Laternen sind die Gläser kaputt, einige hat sich die Fauna sogar erobert, Vögel haben Nester in den Lampen gebaut. Für die Wartung hat der Berliner Senat nichts übrig, dort besteht anscheinend keine Priorität. Dies ist umso weniger verständlich, als nicht nur Besucher die Gasleuchten-Ausstellung vermissen, sondern auch die Kriminalität im Tiergarten nachts zunimmt – unbeleuchtete Wege tragen sicher dazu bei. Die Wiederherstellung der ungewöhnlichen Gasleuchtensammlung soll nach Senatsangaben rund 200.000 Euro kosten – also weniger als 0,001 Prozent der Stadtschlosskosten.

Einen Lichtblick im doppelten Wortsinn eröffnet das Technische Museum, das sich bereit erklärt hat, die Ausstellung in sein Gelände zu integrieren. Nachteil: Das Gelände ist nachts, wenn die Gasleuchten brennen, abgeschlossen. Auch ist nicht klar, wann der Umzug geschehen soll. Dorothee Winden sagt immerhin: „Es ist unverändert das Ziel, das Gaslaternen-Freilichtmuseum in das Technikmuseum zu überführen“.