Berlin Art Week: Messen

Mehr Ideen als Geld

Die Kunstmessen und ausgerechnet die verkleinerte Verkaufsschau „abc“, das Zentralgestirn der Berlin Art Week, werden zeigen, ob das nächste Jahr für Berliner Galerien eine Zeit des Zitterns wird

Daniel Knorr: Solo-Bunker, 2016 bei Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder| Courtesy: the artist and Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien The picture is an animation of the work „Solo-Bunker“.
Daniel Knorr: Solo-Bunker, 2016 bei Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder| Courtesy: the artist and Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

So schön die Ballung von Ausstellungen, Führungen und Kunstevents ist: Der erste Zweck der Berlin Art Week ist die Förderung des Kunstmarkts der Stadt. Auch bei der aktuellen fünften Auflage stehen daher mit der „abc – art berlin contemporary“ und „Positions Berlin“ ab Donnerstag, den 15. September, zwei Verkaufsveranstaltungen im Mittelpunkt. Und doch scheint zumindest die „abc“ ins Straucheln zu geraten, und damit steht die scheinbar so gut eingeführte Art Week schon wieder auf dem Prüfstand.

Nur noch 62 Galerien – nicht 100, wie auf der Art-Week-Website Anfang September noch zu lesen war – zeigen in der Station am Kreuzberger Gleisdreieck ausgewählte Einzelarbeiten. Die Veranstalter der „abc“ sprechen von „Konzentration“, räumen aber ein, dass die Reduzierung auf eine Halle finanziell nicht unwillkommen sei. Immerhin bleibt die „abc“ ihrem eigenwilligen Format treu, dass pro Galerie nur eine Künstlerin oder ein Künstler gezeigt werden soll, und das am besten mit einer Neu­produktion.
Angesichts der Verkleinerung wundert es nicht, dass manche für die „abc“ bereits das Sterbeglöckchen läuten hören. Etwa die Galeristen Cai Wagner und Susanne Massmann, die ein Institut für Kunst und Markt (dikum) gegründet haben und nun der „abc“ die Bedeutung als Marktplatz absprechen. „Die Internationalität der ,abc‘ ist zurückgegangen, und die Messe hat keine große Strahlkraft mehr“, sagt Massmann.
Mit 74 Ausstellern hat die „Positions Berlin“, die diesmal im Postbahnhof stattfindet, ihre Ausstellerzahl gegenüber dem Vorjahr ungefähr gehalten. Doch dürfte dieser „Messe für Entdecker“ (Eigenname) die Kraft fehlen, um allein den Berliner Kunstherbst zu tragen. In der Welt der Kunstmessen gehören die Berliner Veranstaltungen seit jeher zum Prekariat.

Rotstift der Wirtschaftssenatorin

ZITTY_Art Führung mit Hans Krestel auf der abc vor Erwin Wurm/ König Galerie. Foto: F. Anthea Schaap
ZITTY_Art Führung mit Hans Krestel auf der abc vor Erwin Wurm/ König Galerie. Foto: F. Anthea Schaap

Berlin ist und bleibt eine Stadt der Produktion. Trotz Zuzügen von Sammlern ist die Käuferschaft weder groß noch divers genug für einen starken Markt. Und so hat die Berliner Galerienszene in diesem Herbst einige Verluste zu verzeichnen – von der Galerie Cubus M und Zone B über Croy Nielsen und VeneklasenWerner bis zu Michael Zink und den Gebrüder Lehmann, die sich auf ihr Dresdner Stammhaus konzentrieren. Damit setzt sich eine Tendenz fort, die Ane­mone Vostell vom Landesverband Berliner Galerien belegt. Sie zählt heute rund 350 Galerien in der Stadt, 30 mehr gegenüber der ersten Erhebung 2006, jedoch weit unter dem Höchststand von rund 400 Galerien vor vier, fünf Jahren. Die meisten Galeristen operieren am Existenzminimum.
Da fällt es ins Gewicht, wenn die Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer die Förderung für die Beteiligung Berliner Galerien an internationalen Kunstmessen („Art from Berlin“) 2016 gestrichen hat. „Die städtische Kulturpolitik ist produzentenlastig“, sagt Vostell, „aber sie sollte auch den Markt und die Gale­rien stärken.“

Immerhin: Nicht alle Kunstmarktakteure setzen auf Stagnation oder Schrumpfung. Zur Art Week eröffnet das Galeristenpaar Tina und Jan Wentrup in der Potsdamer Straße eine Dependance. Der Wntrp-Raum soll mehr sein als ein Verkaufsort. „Das ist eine Plattform, auf der Künstler, die wir schätzen, Arbeiten zur Diskussion stellen sollen“, sagt Tina Wentrup. Der Markt mag schwächeln – aber an Initia­tiven mangelt es nie.

Alle Adressen der Berlin Art Week
www.go.berlin

Erste Eindrücke auf Twitter: @zitty_Art

 

Art Berlin Contemporary

62 Galerien, davon rund ein Dutzend aus dem Ausland, zeigen Einzelpräsentationen zumeist installativer Art – von Erwin Wurm (König Galerie) bis Marcel Dzama (Sies+Höke). Mit ihrem Konzept bietet die „abc“ den Galerien eine Plattform, um künstlerische Projekte zu zeigen. Ob sich das für die Gale­risten finanziell auszahlt, darüber wird diskutiert werden. Für das Publikum macht es allemal mehr Spaß als der Gang durch den messeüblichen Kojen-Dschungel.

15.-18.9.: Station Berlin, Luckenwalder Str. 4–6, Kreuzberg. Do 16-20 Uhr Eröffnung, reguläre  Tage: Fr–So 12–19 Uhr. Eintritt 14/erm. 8 €

 

Positions Berlin

Die „Positions“ wurde vor drei Jahren von dem Galeristen Kristian Jarmuschek gegründet und versammelt Galerien aus dem soliden Mittelbau. Im Postbahnhof  sind 74 Galerien aus 13 Ländern vertreten – aus Berlin unter anderem die Galerien ­Albrecht, Gerken, Inga Kondeyne und Anna Jill Lüpertz. Malerei und Grafik stehen im Mittelpunkt. Die „Positions“ wendet sich weniger an Großsammler als an Einsteiger und Gelegenheitskäufer.

15.-18.9.: Postbahnhof am Ostbahnhof, Friedrichshain. Do 18–22 Uhr Eröffnung, regulär ­
Fr–Sa 13–20, So 11–18 Uhr, Eintritt 12/erm. 6 €

 

Berliner Liste

Eine Kunstmesse, die mit Vokabeln wie „ulti­mativ“ für sich wirbt, behandeln Fachleute mit Vorsicht. Die Berliner Liste zählt trotz ihrer Größe und ihren Protesten nicht zur Berlin Art Week. Tatsächlich entspricht das Gezeigte oft dem Stil der Werbung, gerade im Sektor Malerei. ­Allerdings lassen sich bei den Zeichnungen und Fotos seriösere  ­Arbeiten finden und ist die „Liste‟ die einzige Berliner Messe, auf der sich Künstler auch ohne Galeristen präsentieren können.  CWA

14.–18.9.: Kraftwerk Berlin, Köpenicker Str. 70, Mitte, Mi 18–22 Uhr Eröffnung, Do–Sa 13–21, So 11–19 Uhr, Eintritt 13/erm. 9 €