10. Berlin Biennale

Eine Biennale wie ein Überraschungspaket

Zu ihrem 20-jährigen Jubliäum gönnt die Berlin Biennale ihrem Publikum und den Künstlern viele Geschenke: reihenweise neue Auftragsarbeiten

Mimi Cherono Ng’ok, 1983 in Kenia geboren, ging für ihr Kunststudium nach Süd­afrika. Seither hat sie Stipendien in der ganzen Welt erhalten, auch in Berlin. In ihren Fotografien reflektiert sie ihr Verhältnis zu ihren jeweiligen Aufenthaltsorten ebenso wie ihre Identität, die längst nicht mehr deckungsgleich mit einem Land oder Herkunftsort ist.

Bilder

Simone Leigh kommt aus den USA und hat jamaikanische Wurzeln. Weltweit bekannt wurde die Künstlerin mit der Arbeit „The Waiting Room“ (2016), mit der sie auf einen Vorfall in einem New Yorker Krankenhaus reagierte. Eine Afroamerikanerin war an einem Blutgerinnsel gestorben, nachdem sie 24 Stunden in einem Wartezimmer sitzen musste. Leigh organisierte im New Yorker New Museum eine Art medizinischen Dienst für jedermann, wobei sie auf unterschiedliche medizinische Traditionen zurückgriff.

Der Maler Herman Mbamba, 1980 in Namibia geboren, ist sichtbar von Street Art und dem Muralismus beeinflusst, der Malerei an Fassaden und Mauern im öffentlichen Straßenraum. Die Bilder des in Norwegen leben­den Künstlers sind dichte Gewebe voller Figuren, Gebäude, Tiere und abstrakter Formen, die über den Bildraum hinauszudrängen scheinen. Seine Formate reichen von kleinen Blättern bis zu Hauswänden.

Durchgangsort Berlin

Das sind drei Lebensläufe, drei künstlerische Positionen und drei Geschichten, von denen die 10. Berlin Biennale mit dem ­Titel „We don’t Need Another Hero“ erzählen wird. Es sind Geschichten und Viten, in denen es um Globalisierung, Grenzüberschreitungen und neue Identitäten geht. Um unübersichtliche, unklare und schwierige Identitäten. Sie lassen sich weni­ger durch Nationalitäten, Pässe oder festgefügte kulturelle Wertesysteme bestimmen, sondern bilden sich auf Lebenswegen, durch zufällige, unvermeidbare oder erzwungene Ortswechsel und durch die Verflüssigung von Zuschreibungen und Traditionen auf eine Weise, die in der Geschichte ohne Beispiel ist.
Das ist die Gegenwart, die sich auch in Berlin spiegelt, einer Stadt, die wie so viele andere Metropolen Durchgangsort, temporärer Lebensmittelpunkt und auch Zufluchtsort für Menschen aus der ganzen Welt geworden ist. Eine „postkoloniale“ Stadt, wie Gabi Ngcobo meint, die Chef­kuratorin dieser Jubiläumsausgabe der Berlin Biennale. Was das bedeutet, das werden rund 45 Künstlerinnen und Künstler mit ihren Arbeiten an den vier Ausstellungsorten der Biennale zeigen, in den Kunst-Werken (KW), der Akademie der Künste, dem Atelier- und Veranstaltungshaus ZK/U (S. 15) in Moabit und dem Volksbühnen-Pavillon. Oder auch nicht. Denn Künstler in ein festes Konzept einzubinden, das würde der Offenheit widersprechen, für die Gabi Ngcobo in ihren Interviews vor der Eröffnung immer wieder plädierte (Zitty 12/ 2018).

Stattdessen hat sie mit ihren vier Mit­kuratorinnen und –kuratoren, mit Thiago de Paula Souza, Yvette Mutumba, Serubiri Moses und Nomaduma Rosa Masilela, Aufträge erteilt. Ausgestattet mit einer starken, noch einmal um 500.000 Euro aufgestockten Förderung von drei Millionen Euro durch die Kulturstiftung des Bundes, konnte das Team Künstler in die ganze Welt schicken – oder auch vor Ort in Berlin recherchieren und arbeiten lassen. Bis zum Schluss ist bei vielen Projekten somit nicht klar, was das Publikum zu sehen bekommt.
Dennoch dürften sich Schwerpunktthemen abzeichnen, wenn die zumeist speziell für diese Biennale geschaffenen Arbeiten ab 9. Juni sicht- und erlebbar werden. Rassismus in der „Ersten Welt“ ist zum Beispiel Thema bei Mario Pfeifer, der einen Film über den Mord an einem Asylbewerber in Freital zeigt. Er ist es auch bei der britischen Malerin Lubaina Himid, die 2017 für ihre Bilder über die schwarze Community in England den Turner-Preis gewann.

Vorauseilende Wirkung

Wie sich der Fremdenfeindlichkeit, die auch durch Fremdheit entstehen kann, mit gemeinsamem künstlerischem Schaffen und mit Begegnung vorbeugen lässt, das praktiziert die Keleketla! Library aus Johannesburg, ein medienpädagogisches, künstlerisches Kollektiv, das während der Biennale mit dem HAU-Theater und der Hector-Petersen-Schule in Kreuzberg kooperieren wird.
Wo Rassismus existiert, kann es enorm befreiend sein, offensiv aus der Opferrolle herauszutreten. Dafür steht auch die Fotografin Liz Johnson Artur, die russische und ghanaische Wurzeln hat. Sie dokumentiert die afrikanische Diaspora in der ganzen Welt. Ihr Archiv ist vital, krea­tiv, es wächst und steckt voller Kraft.

Ob die Kuratorin selbst es will oder nicht: Mit der Wahl von Gabi Ngcobo, die an der São-Paulo-Biennale mitwirkte sowie in Südafrika und Schweden lehrte und lehrt, hat die Berufungskommission der Berlin Biennale auf ein Statement zur aktuellen Postkolonialismus-Debatte gesetzt, wie auch immer es ausfallen wird. Ein Fluchtpunkt dieser Debatte ist das entstehende Humboldt Forum und seine inhaltliche Gestaltung. Und dessen Öffnung zur Gegenwart, für die diese Biennale zweifellos werben wird.

Denn eines wird bestimmt sichtbar, egal, ob die einzelnen Positionen dieser Biennale gelingen oder nicht: Das Potenzial der Kunst, diese Gegenwart mit ihren immer komplexeren Lebensgeschichten und Identitäten darzustellen, müsste sich den Planern des Humboldt Forums doch eigentlich aufdrängen.

9.6.–9.9.: Kunst-Werke, Auguststr. 69, Mitte, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten; ZK/U, Siemenstr. 27, Moabit;
Pavillon an der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte; HAU2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg. Gesamtticket: 16/ erm. 10 €
Mi–Mo 11–19, Do 11–21 Uhr, Schließtage Pavillon 20.6, 4.7., 18.7., 8.8., 22.8. + 5.9.

 

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