Die stille Revolution

Berliner errichten ihr WLAN selbst

Das kostenlose Überall-Internet kommt. Nicht wie geplant von den Konzernen oder der Politik. Die Berliner errichten ihr WLAN selbst

Text: Martin Schwarzbeck, Fotos: Lena Ganssmann

18 Meter ragt die rostige Außenleiter an der Ruine des Turms in die Höhe. „Es geht immer nur einer drauf“, sagt Lutz Gruhlke. Warum? „Dann stürzt auch nur einer ab, wenn sie sich löst.“ Oben pfeift der Wind durch Gruhlkes Haare, seine Stimme echot in der zerfetzten Kuppel der Abhöranlage auf dem Teufelsberg, im Boden klaffen Löcher von einem Brand. Wieso der 56-Jährige sich den Aufstieg regelmäßig antut? „Wir wollen Menschen, ohne dass sie Geld zahlen müssen, Zugang zu freien Informationen bieten“, sagt er. Wir, das sind die Menschen der Freifunk-Community. Gruhlke, sonst Beleuchtungsmeister, hat mit einigen von ihnen eine WLAN-Station in die Mitte der Kuppel gebaut. Sie sendet bis zur sechs Kilometer entfernten TU.

Das Funk-Internet ist ein Erfolgsmodell der digitalen Kommunikation. Handys, Laptops und Tablets nutzen es bereits, Kühlschränke und Heizungsregler sollen folgen. Eine hohe WLAN-Abdeckung ist Pflicht für eine Stadt, die ihre Digitalwirtschaft halten und fördern will. Doch in Berlin gibt es bisher nur ein paar Hundert offene Spots. Der Senat kommt mit seinen Bemühungen für ein freies WLAN nicht recht voran, selbst anbieten will er es nicht, und den Konzernen ist der Ertrag zu gering. Doch es gibt eine Alternative, eine Revolution in der Netzversorgung: Das kostenlose Internet von unten, das Gruhlke mit seinen Mitstreitern aufbaut. Sie schaffen in ihrer Freizeit ein Netz im Netz – vom Rathaus bis zum Flüchtlingslager. Für jedermann ohne Anmeldung zugänglich, ohne Überwachung nutzbar.

An inzwischen über 300 Punkten in Berlin stellen die Freifunker WLAN für alle bereit, die Zahl hat sich seit 2012 verdoppelt. Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln öffneten ihre Rathausdächer, sieben Kirchengemeinden ihre Türme. Richtfunk verbindet Dächer und Türme von Köpenick bis zum Teufelsberg, handelsübliche WLAN-Router senden das Signal weiter in die Straßen, von Gerät zu Gerät. Wer will, kann seinen heimischen Router relativ einfach ebenfalls so programmieren, dass er die Freifunk-Signale noch weiter trägt. So entsteht ein vom Internet unabhängiges offenes Netz, das allen gehört, die daran mitbauen. Darüber kann man telefonieren, chatten, Radio hören, Nachrichten lesen und Turmfalkenbabys beim Aufwachsen zugucken, ohne sich mit dem Internet zu verbinden, ohne die Knoten zu passieren, die von Geheimdiensten wie der NSA angezapft und von den Providern mit Gebühren belegt werden. Das Freifunk-Netz hat aber auch zig Schnittstellen zu anderen Freifunk-Communitys und ins große Internet, allerdings nur mit etwa halbem DSL-Tempo, weil die Freifunker ihre Zugänge mit allen teilen.

Alle W-Lan Hotspots in Berlin (nicht nur Freifiunk) auf unserer Karte: